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Bae Suah. Foto: Heike Steinweg/SV
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Bae Suah.

Roman

Bae Suah „Weiße Nacht“: Schatten und Hitze in Seoul

  • VonMartin Oehlen
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Der bildmächtige, surrealistische Roman „Weiße Nacht“ stellt die erfolgreiche südkoreanische Schriftstellerin Bae Suah dem deutschsprachigen Publikum vor

Ayami, die ehemalige Schauspielerin, hat ihren letzten Arbeitstag im Hörtheater für Blinde in Seoul. Nur sie und ein Direktor haben das kaum frequentierte, aber von einer Stiftung geförderte Haus betreut. Die Schließung stand schon seit längerem fest. Nun sitzt Ayami auf einem Treppenabsatz mit dem Gästebuch in der Hand und schaut sich um: „Bei erloschenem Licht wirkte das Innere des Theaters wie in trübes Wasser getaucht. Objekte zersetzten sich sanft, Identitäten wurden vage, fast undurchsichtig. Nicht nur Licht und Formen, auch Töne und Klänge.“

Es ist diese eigenartige, leicht morbide, grau-violett anmutende Stimmung, die den Roman prägt und auszeichnet. Nicht die Handlung, die vor-, zurück- und querfeldein springt, sondern die Atmosphäre imponiert, die Szenen, das Setting. Einmal wird auf die im Raum schwebenden „objets“ des Surrealisten Max Ernst verwiesen. Das ist hilfreich. Denn in „Weiße Nacht“ reist die Koreanerin Bae Suah mit uns in eine Welt, die zwischen Schein und Sein, Wachen und Träumen changiert. Der Roman wartet auf mit Einzel- und mit Doppelgängern, ist mehr der Nacht als dem Tage zugewandt, Schamanismus kommt ins Spiel. Einige Male rast ein hell erleuchteter Bus durch die Nacht, scheinbar ziellos auf einer Kreisbahn unterwegs, im Inneren ein Mönch sowie einige Frauen, die in die Lektüre des „Kamasutra“ vertieft sind, und auf dem Dach ein weißer Rabe.

Auf Anregung des Direktors nimmt Ayami Deutschunterricht bei einer älteren Dame namens Yoni. Die frisch erworbenen, noch gar nicht tiefen Sprachkenntnisse verschaffen ihr einen Job als Dolmetscherin für einen deutschen Krimiautor namens Wolfi. Der will in der südkoreanischen Hauptstadt einen Roman schreiben. Das passt.

Das Buch:

Bae Suah: Weiße Nacht. Roman. A. d. Korean. v. Sebastian Bring. Suhrkamp Verlag, Berlin 2021. 160 Seiten, 22 Euro.

Denn Bae Suah selbst, 1965 in Seoul geboren, ist mit dem Deutschen bestens vertraut. Sie pendelt zwischen ihrer Heimat und Berlin, war auch einmal „Writer in residence“ in Zürich. Zudem übersetzt sie Werke von Franz Kafka, W. G. Sebald und Christian Kracht ins Koreanische. Eine literarische Brückenbauerin. Doch der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in der eigenen Prosa. Die studierte Chemikerin und ehemalige Beamtin am Flughafen Gimpo hat in Südkorea seit 1993 zahlreiche Werke veröffentlicht. Auch auf dem angelsächsischen Markt ist sie gut vertreten, wo ihr Werk mit Filmen von David Lynch verglichen wird.

Bae Suah schwelgt in ihrem ersten nun auch auf Deutsch veröffentlichten Roman, der im Original bereits 2013 erschienen ist, in Metaphern. Da klingt der Verkehrslärm auch schon mal „wie ein brennendes Gerstenfeld“. Am auffälligsten und intensivsten ist diese Bilderlust bei der Beschreibung der Hitze in Seoul: „Die hochsommerliche Metropole glich einem Tempel der betäubenden Mattigkeit, der vor tausenden Jahren von einem lange verschollene, dem Hitzekult frönenden Volk errichtet worden war.“ Die Stadt ähnelt einem riesigen Lebewesen, das zu ersticken droht, in dem rohes Fleisch verbrennt und über dem das Himmelszelt von schwarzer Asche überzogen ist. Da müsste sich das biblische Armageddon anstrengen, um in einem Endzeit-Wettbewerb mit diesem Glühen mitzuhalten.

Ein ständig wiederkehrendes Motiv ist der Schatten. In vielen Variationen. Da ist von Klangschatten die Rede, von einer schattenhaften Grenze, von Personen im Schatten einer Wand oder auch von einer Türe, die sich so schnell schließt, dass die hindurcheilenden Menschen von ihren Schatten getrennt werden. Kaum minder hartnäckig werden „Blindheit“, „Dichter“ und ein „wie ein altes Geschirrtuch“ flatternder Rock ins Spiel gebracht. Generell ist der Roman reich an Wiederholungen von Szenen und Beschreibungen, die selbstverständlich mit Bedacht wie ein musikalisches Thema im Text platziert werden.

Eine Erklärung findet sich im Buch selbst, als die Sprache auf den 1936 erschienenen Roman „Die blinde Eule“ des iranischen Schriftstellers Sadeq Hedayat kommt. So heißt es über das Werk, in dem es um den – Achtung! – Schatten einer Eule geht: „Besonders die geheimnisvollen Wiederholungen bewirken Effekte des Surrealen und Fantastischen.“

Eine solch starke Dosis Surrealität kann auch die Leserinnen und Leser anstecken. Dass dem Direktor des Hörtheaters am Ende des Romans ein Nagel im Kopf steckt, der ihn freilich nicht am Reden hindert, ist erstaunlich genug. Doch dann greifen wir zur nächsten Neuerscheinung auf dem privaten Bücherstapel, einer ganz und gar anders gearteten, nämlich zum Journal des Paul Nizon, und nehmen den Titel, der ebenfalls bei Suhrkamp erscheint, verblüfft zur Kenntnis: „Nagel im Kopf“. Der Zufall ist ein guter Freund des Surrealen.

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