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Kurdischer Roman

Bachtyar Ali: „Mein Onkel, den der Wind mitnahm“ – Der kurdische Odysseus

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Bachtyar Alis beinhart realistisches Märchen „Mein Onkel, den der Wind mitnahm“.

Die Angst und die Freiheit, einfach wegzufliegen, sobald es windig wird – eine zwiespältige Situation –, greift der kurdische Schriftsteller Bachtyar Ali virtuos auf. Ein Märchenstoff, dessen Märchenhaftigkeit sich noch schneller verliert als es auf den Bildern von Marc Chagall der Fall ist, die man angesichts der merkwürdigen Geschichte von Djamshid Khan früh vor Augen haben wird. Auch Ali selbst baut Chagall ein, sehr klug an einer Stelle, als es um Djamshid herum zwischenzeitlich bildungsbürgerlicher wird. Denn Djamshid wird in diverse Leben und Lebensarten geweht.

Das ist symbolisch aufgeladen, aber zugleich erweist sich Ali einmal mehr als beinharter Realist. Dass Djamshid so dünn ist, dass er fliegt wie ein Ballon: Das ist nicht possierlich, sondern ein Schicksal, es gibt Gründe dafür, und es hat einschneidende Folgen nicht nur für sein eigenes Leben. Bachtyar Ali überprüft das, probiert es aus, von verschiedenen Seiten.

E r setzt dafür einen äußerst geeigneten Erzähler ein, einen nichtsnutzigen Neffen des fliegenden Khan. Am Anfang der Geschichte ist der Neffe 15, am Ende ein nicht mehr junger Mann. „Mein Onkel, den der Wind mitnahm“ spielt unter irakischen Kurden, das Regime von Saddam Hussein ist verhasst, aber seine Übermacht groß. Am Anfang steht das Grauen und lässt vergessen, dass das Folgende alles gar nicht sein kann. Denn was sollte unmöglich sein, wenn es möglich ist, dass ein 17-jähriger Junge festgenommen und gefoltert wird? Als es wieder so weit ist und er in den Folterkeller gebracht wird, bemerkt der abgemagerte und verzweifelte Djam-shid Khan, dass er sich in die Luft erhebt. Das ist ein Schreck, das ist aber auch eine Lösung.

Seine Familie versteckt ihn, zwei Neffen werden abgestellt, den fast gleichaltrigen Onkel stets gut mit Seilen zu sichern, sobald Wind aufkommt. Bacht-yar Ali schickt die drei damit auf eine sonderbare Lebensreise. Sie ist eine Art Planspiel nach Fantasyregeln. Der Onkel ist wirklich papierdünn, die schockierten Ärzte können sich das nicht erklären. Beim Wiederaufschlag auf die Erde hat er seine kommunistische Haltung (die ihn ins Gefängnis brachte) komplett verloren. So wird es jedes Mal sein: Fällt er unkontrolliert herunter, weil eine Flaute aufkommt, verliert er sein Gedächtnis und entwickelt neue Vorlieben.

Das Buch

Bachtyar Ali: Mein Onkel, den der Wind mitnahm. Roman. A. d. Kurd. v. Ute Cantera-Land und Rawezh Salim. Unionsverlag. 152 S., 20 Euro.

Wir lernen Djamshid Khan als Flugpionier und Frauenheld kennen, als Hedonisten, Rechtgläubigen, Internetfreak, Fluchthelfer – letzteres eine besonders geglückte Passage und sehr aktuell, während „Mein Onkel ...“ im Original schon 2010 erschien. Mitsamt seinen Neffen wird Djamshid im Irak-Iran-Krieg für Erkundungsflüge eingesetzt. Ali, 1966 in Sulaimaniya geboren, seit den 90ern in Deutschland, kann auf diese Weise beiläufig viel von der Situation im Land erzählen, Familienstrukturen, kurdischen Deserteuren, der Angst vor schnellen Hinrichtungen, brutalster Gewalt.

Das ganze Trio scheint wie durch die Geschichte hindurchgeweht zu werden, die zudem bei aller Erdenschwere eine luftige Leichtigkeit bewahrt. Dazu gehört, dass Djamshid zwar Aufsehen erregt, aber zugleich gewöhnen sich die Menschen zügig an ihn und die beiden Jungs, die ihn mit Seilen am Boden halten. Hinreißend, wie sich Ali für die praktischen Seiten eines solchen Arrangements interessiert.

Dem entspricht der gutmütige, geduldige Ton des Erzählers, der in der Übersetzung von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim jedenfalls lebhaft und sogar anrührend vermittelt wird. Dem Neffen fällt immer nur zwischendurch auf, wie sein eigenes Leben in dieser Geschichte planlos verläppert (eine gut verkapselte Tragik liegt darin). In erster Linie ist er ein wacher Begleiter des Onkels und einer sich faszinierend verschachtelnden Erzählstruktur.

Der Onkel gerät auf eine besonders lange Odyssee. Als er das Erlebte aber später aufschreiben will, erzählt er Geschichten von Homer, wie der inzwischen zum Intellektuellen gereifte andere Neffe feststellt. Djamshid selbst nach dem nächsten Absturz: „Nur Schwachköpfe schreiben Bücher über sich selbst. Gute Bücher werden geschrieben, damit sich der Mensch selbst vergisst, und nicht, damit er in die eigenen schwarzen Löcher fällt.“

Bitteres steht ihm noch bevor, aber der Neffe hat eine ausgezeichnete Idee, bei der wiederum die Literatur eine entscheidende Rolle spielt: Er schreibt dem Onkel die eigene Geschichte auf den papierenen Leib. Wenn dieser erneut sein Gedächtnis verloren hat, wird er hier alles nachlesen können.

Die Literatur gibt dem vom Winde verwehten Menschen Halt. Daraus ergibt sich tatsächlich ein Happyend, weder versponnen noch pathetisch. Bemerkenswert nicht erst in diesem Roman die Souveränität, mit der Ali so schreibt, dass sich ein kurdisches und ein nichtkurdisches Publikum brennend dafür interessieren kann, gleichermaßen, wenn auch sicher nicht vom selben Wissensstand aus.

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