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Insa Wilke. Foto: Markus Bothor/ORF/LST Kärnten
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Insa Wilke.

Literaturkritik

Bachmannpreis-Jurorin Insa Wilke: „Es braucht funktionierende Redaktionen“

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Literaturkritikerin Insa Wilke, Jurorin und seit diesem Jahr auch Vorsitzende der Jury in Klagenfurt, über das Wettlesen und die Situation der Literaturkritik.

Frau Wilke, wie wird man Juryvorsitzende? Wie wird man überhaupt Jurorin?

Indem ein freundlicher Herr namens Horst Ebner anruft ...

... beim ORF für den Ingeborg-Bachmann-Preis zuständig ...

... und mit tiefer, beruhigender Stimme fragt, ob man sich vorstellen könne, Mitglied der Jury zu werden. Es ist also ganz einfach, weil man nur ja sagen muss. Horst Ebner hat es hingegen nicht so einfach, weil er – und dafür hat er ein ziemlich gutes Gespür, glaube ich – darauf achten muss, dass die Mischung an Temperamenten und Literaturverständnissen stimmt.

Es gibt eine Zuteilung nach Ländern, Deutschland, Österreich, die Schweiz. Verschieben sich die Diskussionen darüber angesichts aktueller Debatten um Diversität? Ist das noch „zeitgemäß“?

Es gibt ja auch eine Kontinuität, die wichtig ist. Dieser Ort war vor 1989 durchaus politisch brisant, ein Ort der enorm wichtigen politischen Öffentlichkeit für den deutschsprachigen Raum. Ich glaube, ehrlich gesagt, dass er das immer noch ist. Insofern: Sie haben recht, es wäre gut, darüber nachzudenken. Aber nicht zwingend mit der Prämisse, die Besetzung zu ändern. Sondern eher in dem Sinne, was Klagenfurt eigentlich heute dem deutschsprachigen Raum für eine Öffentlichkeit bietet während der Tage der deutschsprachigen Literatur.

Die Männer geraten in der Jury diesmal in die Minderheit. Wie kam das? Und ist das eher Zufall oder Symptom?

Besetzungen sind heute glücklicherweise meistens bewusste Entscheidungen. Da der ORF diese Entscheidung getroffen hat, müsste die Frage nach Klagenfurt gehen. Aus meiner Sicht: Wird doch vielleicht mal Zeit, oder?

Haben Sie den Eindruck, bei den solchen öffentlichen Diskussionen stärker darauf festgelegt zu werden, dass Sie aus einer Position heraus, als Frau, Mensch einer Generation, Deutsche, argumentieren?

Den Eindruck habe ich nicht, und wenn es so wäre, würde es mich nicht stören, ich weiß ja, was ich tue. Andersrum gesagt, gilt aber auch: Ich habe in meinem Studium Quellenkunde gelernt und Gedichte analysiert. Da lernt man, dass die Frage „Von wo wird gesprochen?“ relevant ist, wenn man was verstehen will.

Aus Ihrer Sicht: Lesen Literaturkritikerinnen anders als Literaturkritiker? Sprechen sie anders über Literatur?

Geschlecht spielt eine Rolle in unserer Gesellschaft, also auch für die Literaturkritik. Wenn das einem Kritiker bewusst ist, liest der möglicherweise auch nicht mehr anders als eine Kritikerin. Oder andersrum. Mit anderen Worten: Es kommt wohl auf den Grad der Reflektiertheit des eigenen Tuns an. – Schauen Sie sich das „Literarische Quartett“ von 1996 an, in dem Sigrid Löffler, Marcel Reich-Ranicki, Hellmuth Karasek und Hajo Steinert über Marlene Streeruwitz sprechen. Es ist wirklich zum Lachen, und Sigrid Löffler meine Heldin in der Runde.

Zur Person

Insa Wilke, 1978 in Bremerhaven geboren, hat Germanistik und Geschichte studiert und lebt als Literaturkritikerin und Moderatorin in Berlin. Seit 2018 ist sie Jurorin beim Wettbewerb der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. In der am heutigen Donnerstag startenden Runde hat sie erstmals den Vorsitz der Jury inne.

Der Wettbewerb findet auch in diesem Jahr für das Publikum nur an Bildschirm und Radio statt, anders als 2020 kann die Jury – erstmals vier Jurorinnen, drei Juroren – sich wieder im ORF-Studio treffen. Die Lesungen von Nava Ebrahimi, Katharina Ferner, Verena Gotthardt, Fritz Krenn, Magda Woitzuck, Heike Geißler, Timon Karl Kaleyta, Necati Öziri, Anna Prizkau, Nadine Schneider, Leander Steinkopf, Dana Vowinckel, Lukas Maisel und Julia Weber werden eingespielt. Neben der Ausstrahlung via bachmannpreis.orf.at (hier auch alles zum Nachschauen, dazu die Texte) sendet 3sat von Donnerstag bis Sonntag, ebenso streamt der Deutschlandfunk alle Veranstaltungen.

Das stimmt, die Sendung ist ein Augenöffner, auch wenn man zum Beispiel glaubt, in den vergangenen 25 Jahren habe sich nicht viel getan. Zurück zum Wettbewerb: Wie viele Texte erreichen Sie etwa pro Jahrgang? Wie treffen Sie Ihre Wahl?

Um die hundert Texte gehen ein. Alle werden angeschaut, das heißt auch, ich persönlich beginne mit der Lektüre immer erst nach Ende der Bewerbungsfrist. In die engere Auswahl kommen meistens um die zehn Texte. Erstes Kriterium ist die literarische Besonderheit: vor allem die Form, auch der Stoff. Alles andere ist nachrangig.

Fast immer ist der eine oder andere literarisch verblüffend schwache Text dabei. Warum liegt der oder die Einzelne in der Einschätzung manchmal so daneben? Bekommt man einen Tunnelblick?

Da ich bislang keine schwachen Texte eingeladen habe, kann ich dazu nichts sagen. Ich stehe hinter jedem einzelnen Text, den ich dem Publikum vorstellen wollte. Also nein: kein Tunnelblick, sondern ein sehr klarer, sehr bewusster.

Welche Rolle spielt für die Jury das häufig sehr munter reagierende Publikum im Saal? Als Kritikerin haben Sie selten so unmittelbare Resonanz, würde ich vermuten.

Ich wünsche mir das Publikum sehnlichst zurück. Ohne Publikum fehlt ein entscheidender Faktor, der den Bachmann-Preis so besonders macht. Für das lesende Publikum wird das doch alles gemacht. Ich glaube, dass es vollkommen naiv wäre, zu denken, irgendwer und irgendeine Branche könnte auf diese sozialen Räume verzichten. Für den Bachmann-Preis gilt das aber sicher in besonderem Maße.

Wird es für Sie als Vorsitzende diesmal sehr anders sein?

Ich denke nicht. Etwas mehr Organisation und Kommunikation.

Wird 2022 in Klagenfurt wieder alles sein wie 2019?

Die Zeit lässt sich ja nicht zurückdrehen. Wir haben alle Erfahrungen gemacht in diesen Corona-Jahren. Was davon uns alle wie verändern wird, muss sich noch zeigen. Ich gehe aber davon aus, dass die Konstellation bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur wieder die von 2019 sein wird. Allenfalls mit einigen Kameraperspektiven mehr, also den guten Details, die sich im letzten Jahr durch die technische Abteilung vor Ort ergeben haben.

Vielleicht noch ein paar generelle Einschätzungen: Wie geht es aus Ihrer Sicht der deutschsprachigen Literaturkritik?

Die Literaturkritik braucht Nachwuchs. Der muss ausgebildet werden. Dafür braucht es Redaktionen, die die personellen Möglichkeiten dafür haben. Und es muss den Willen zur Programmarbeit geben, in allen Medien. Auch dafür braucht es funktionierende Redaktionen, die ihrem Publikum ein Gegenüber sein können. So funktioniert Dialog, so funktioniert ein demokratisches Kulturverständnis und dann hat die Literaturkritik auch einen Rahmen, in dem sie glänzen kann. Wir haben großartige Leute in den Literaturredaktionen aller Medien. Es wäre gut, wenn sie weiterhin die Unterstützung und Freiheit bekommen, die sie für ihre Arbeit brauchen. Ansonsten geht es der Literaturkritik gut.

Interview: Judith von Sternburg

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