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Stefanie Sargnagel (Publikumspreis), Sharon Dodua Otoo (Bachmann-Preis, vor ihr die Zehn-Kilo-Trophäe), Julia Wolf (3sat-Preis), Dieter Zwicky (Kelag-Preis).
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Stefanie Sargnagel (Publikumspreis), Sharon Dodua Otoo (Bachmann-Preis, vor ihr die Zehn-Kilo-Trophäe), Julia Wolf (3sat-Preis), Dieter Zwicky (Kelag-Preis).

Klagenfurt

Bachmann-Preis für Sharon Dodua Otoo

Die Britin Sharon Dodua Otoo gewinnt den Ingeborg-Bachmann-Preis für ihren Text „Herr Gröttrup setzt sich hin“ in einem jedenfalls vielstimmigen Klagenfurter Wettbewerb.

Den meisten Briten geht das Gewinnen in diesen Tagen nicht leicht von der Hand, Sharon Dodua Otoo aber schon. Für ihren Text „Herr Gröttrup setzt sich hin“ bekam sie am Sonntag in Klagenfurt bei den 40. Tagen der deutschsprachigen Literatur den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis überreicht.

Ein Späßchen, das es in sich hat: Irmi und Helmut Gröttrup bereiten den Frühstückstisch vor, wer nachschlägt, wird auf den erst für Wernher von Braun, später in der Sowjetunion tätigen Raketenfachmann und seine mit einer Autobiographie hervorgetretenen Frau aufmerksam. Tatsächlich geht es aber vorerst bieder-deutsch zu. Der Skandal des Morgens: Das Ei ist – trotz der genauesten Planungen des erfahrenen Ingenieurs – nicht hart geworden.

Nun zeigt sich in einer dollen, erzählerisch ganz lässigen, aber nicht nachlässigen Perspektivverschiebung, dass es das Ei selbst war, welches dem Herrn Gröttrup ein Schnippchen schlug, das Ei, „das sich traute, noch weich zu sein“. Denn unversehens zoomt sich die Erzählung vom Frühstückstisch erst an das Ei heran, dann zum Weltganzen auf, in dem die gegenwärtige Ei-Seele von ihren bisherigen und künftigen Zuständen berichtet – 1862 als Epizentrum des Erdbebens von Accra, 2015 als roter Teppich, über den Robert Mugabe stolpern wird. Weil ein klassisches Lebendigsein mit seinen Bilderwelten und Empfindungen noch nicht dazugehörte – und so rasch wird es auch nichts damit werden, ahnt das ungezogene Ei –, ist die Ei-Seele auf die schelmisch-melancholische Art der Ungeborenen gleichmütig.

Von Loriots „Das Frühstücksei“ über eine verborgene Geschichtsstunde zur Seelenwanderung, das ist eine Menge. Der Teil übrigens, der einem auf Deutsch auf die Nerven fällt (die schwierig zu befolgenden Anweisungen für Leser), gewinnt an Fahrt, wenn man ihn sich auf Englisch vorstellt, wie überhaupt das Bizarre und Akribische im englischen Humor hier mitspielt und zeigt, wie deutschsprachige Literatur von jeder Seite durch neue Einflüsse belebt wird.

Otoo, 1972 in London als Tochter ghanaisch-britischer Eltern geboren, lebt seit 2006 in Berlin, hat auf Englisch und Deutsch veröffentlicht, ist bisher eher als feministische Publizistin und als Aktivistin bekannt, etwa in der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland. Wunderbar, beneidenswert, wie vergnüglich und durchtrieben ihr literarischer Wettbewerbsbeitrag ist. Hat sie auch das ausprobieren wollen? Wahrlich eine Gewinnerin.

Ulkig, dass man in Deutschland dazu neigt, das verbissen Genaue für sich zu reklamieren. Auch der Schweizer Dieter Zwicky, 1957 in Zürich geboren, exerziert es ja durch in seiner durchgeknallten Prosa „Los Alamos ist winzig“, für die es den mit 10 000 Euro dotierten Kelag-Preis gab. Ein possierliches Stückchen, das, ganz aus sich und der Sprachlust heraus entwickelt, gleichwohl wuchernd wie der Krebs (Zungenkrebs!), den der Erzähler „besiegt hat“, wie er mehrmals betont. Von einem „Verkleinerungs-“, einem „Saumseligkeitskünstler“ sprach Jurorin Meike Feßmann und nannte Kafka, Robert Walser und Wilhelm Genazino als Referenzen. Wobei Redakteure sehr wohl auch den Korrektor heraushören können, als der Zwicky sich ein Zubrot schafft, nämlich den spitzfindigen Kleinkleindenker.

Die Eigendymamik der Jury-Abstimmung, wackere Demokraten graust es da neuerdings, war in diesem Jahr wieder stark. Zumal es zwar auch ein paar kärgliche, aber doch etliche interessante Stücke gab und zugleich kein glasklar bestes. Eine extrem abwechslungsreiche Runde, dabei trotzdem in vorwiegend mittlerer Tonlage. Mögliche Favoriten mendelten sich heraus und kamen sich in die Quere. Das führte etwa dazu, dass die in Berlin lebende Groß-Gerauerin Julia Wolf für ihren vorzüglich gearbeiteten, sozusagen komplett literarischen Romanauszug zwar sehr gelobt wurde, aber dann mit dem dritten, dem 3sat-Preis (7000 Euro) vorlieb nehmen musste. „Walter Nowak bleibt liegen“ ist eine intensive, feinziselierte, auch schön gemeine Annäherung an das Gefühlsleben eines Mannes, der in seinen Siebzigern in die Midlifecrisis gerät und beim Versuch, einer haifischhaften Schönen nachzuschwimmen übel gegen die Beckenwand dotzt. Aus dem Kopf einer 1980 geborenen Autorin schon an sich eine Leistung, dazu eine Abwechslung gegen die wie immer zahlreich vertretenen bekenntnishaften und autobiografischen Texte.

So der gewieft unterhaltsame, fast schon routinierte, von einer Depressionspause erzählende Beitrag der populären österreichischen Bloggerin Stefanie Sargnagel. Sie war von ortsansässigen Medien früh zu einer Favoritin erklärt worden und kam nach günstig verlaufener Jury-Diskussion am Ende nicht einmal in die engere Wahl. Sie gewann aber den Publikumspreis und gab mit Sonnenbrille und Dicker-Daumen-Geste ein bisschen die beleidigte Leberwurst (oder theatralische Leberwurst-Spielerin).

Ist es inzwischen eine Selbstverständlichkeit, dass eine Britin erfolgreich am Bachmann-Wettlesen teilnimmt? Ja, schon. Breit und vielstimmig war die Auswahl, sieben Frauen, sieben Männer der Jahrgänge 1944 bis 1988, unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlichen Zugängen zur deutschen Sprache. Manchmal hat das Folgen, manchmal nicht. Die „Einwanderungsbedingungen in die Sprache“ (Meike Feßmann) spielten zum Teil eine Rolle. Israeli Tomer Gardi, 1974 geboren, schreibt nach einem längeren Berlin-Aufenthalt auch auf Deutsch. Aber ist das „Broken German“ seines raffinierten Textes ein durchweg ausgeklügeltes Kunstdeutsch oder doch auch ein zufällig fehlerhaftes? Ist es schnuppe oder ein Nachteil, dass er beim Vorlesen weniger oder andere „Fehler“ machte? Hätte man ihn womöglich gerne gebeten, einige Sätze frei zu sprechen, um sich über den Stand seiner Sprachkenntnisse zu orientieren? So geht das natürlich nicht.

Was sonst noch geschah: Marco Dinic, 1988 in Wien geboren, in Belgrad aufgewachsen, sang sehr gut während seines Vortrags. Eines Textes, der sich so wütend und zugleich geschliffen sich gegen nationalistische Propaganda und brutale Väter richtete, dass er zu Unrecht – und haarscharf – bei den Preisen leer ausging. Und Jan Snela, 1980 in München geboren, scheiterte weitgehend mit einer vom Jury-Vorsitzenden Hubert Winkels doch recht rasch in Pegida-Nähe gerückten, äußerst originellen Karl-May-Parodie „Araber und Schakale“, was schade war und unerwartet heftig dokumentierte, dass Karls Mays Zeit vorbei ist. Tatsächlich hielt sich Juror Klaus Kastberger ausführlich daran auf, dass Karl May bekanntlich nicht gesehen hatte, was er beschrieb, dass er ein kompletter Betrüger war. Dabei hatte der Juror so gar keine Freude daran, dass Snelas offenbar fleißiges Herumgoogeln der Abkupfertechnik des Vorbildes auf reizvolle Weise entsprach. Wenn eine Jury nicht spielen will, will sie nicht.

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