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Bach, die einzige Rettung

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Das Recht, der böse Typ zu sein: James Rhodes.
Das Recht, der böse Typ zu sein: James Rhodes. © Dave Brown

„Der Klang der Wut“: Der Pianist James Rhodes hat eine wüste, erschütternde Autobiografie geschrieben - voll von Hass auf die Welt und sich selbst.

Von Markus Schwering

Von klassischer Musik krieg ich ’n Ständer.“ Das ist der Satz, mit dem der Londoner Pianist James Rhodes seine Autobiografie beginnt. Die Provokation ist Programm, hier werden Sphären zusammengezwungen, die üblicherweise einander nicht berühren. In das Allerheiligste bürgerlicher Kulturpraxis, wo allenfalls in der Pause distinguiert trockener Sekt getrunken wird, fällt der Prolo ein – grölend, fluchend, mit Bierflasche und Stinkefinger.

Wer sich da als Leser angeekelt abwendet, verzichtet indes auf die Möglichkeit, eine außerordentliche Figur kennenzulernen. Hoffnung, dass sich auf einer Strecke von gut 300 Seiten das Benehmen des Schreibers bessert, kann ihm freilich nicht gemacht werden: Nahezu jede Seite ist mit Fäkalsprache gewürzt, da kippen die „Scheiße“, die „Flachwichser“ und „Arschlöcher“ kübelweise über ihn herein. Dies übrigens in beschränkter Variationsbreite – die einschlägige Erfindungskraft des Autors nötigt keinen Kniefall ab.

Wie auch immer: Dass Klassik und Kloake einander – jedenfalls in diesem Fall – nicht ausschließen, darüber kann eine kurze Youtube-Recherche belehren: Mag da ein ausgezehrter Freak am Flügel sitzen – wie Rhodes die Busoni-Bearbeitung von Bachs legendärer Chaconne für Violine oder den zweiten Satz aus Beethovens Klaviersonate Opus 31/3 spielt, das hat Tiefe, Kraft und zeugt allemal von tadelloser handwerklicher Profession. So bleibt die Frage: Kann so jemand sich nicht auch anders ausdrücken?

Die Antwort muss wohl lauten: Er könnte schon, aber er will nicht. In seinem Buch – es trägt im Unterschied zum neutralen englischen „Instrumental“ die inhaltsreichere Überschrift „Der Klang der Wut“ – lässt der heute 40-Jährige seinen Hass auf die Welt, sich selbst, sein Lebensschicksal heraus, genauer: auf ein Schicksal, das so monströs ist, dass es dem damit Geschlagenen jedenfalls in seinen Augen ein für alle Mal das Recht verleiht, den Bad Guy par excellence zu geben.

Als Kind jahrelang misshandelt

Worum es geht, das erfahren wir auf den ersten Seiten: Rhodes wurde als Kind über mehrere Jahre hinweg in hoher Frequenz und mit der Folge fortdauernder schwerster psychischer, aber auch körperlicher Verletzungen vom Lehrer einer Sportschule vergewaltigt – ohne dass seine Umgebung, ohne dass Eltern oder andere Lehrer dies mitbekamen beziehungsweise aus auffälligen Verhaltensänderungen die zutreffenden Schlüsse zogen.

Scham und Schuldgefühle wiederum hinderten Rhodes jahrzehntelang daran, über seine Geschichte zu sprechen. Was ihm in dieser Situation nicht nur half, sondern buchstäblich das Leben rettete, war die Musik, klassische Musik, und zuallererst – Johann Sebastian Bach. „Stellen Sie sich vor“, schreibt Rhodes über besagte d-Moll-Chaconne – „es würde Ihnen irgendwie gelingen, das ganze Universum von Liebe und Trauer, in dem wir existieren, zu erbauen, es in eine musikalische Form zu bringen, es auf Papier niederzuschreiben und es der Welt zu schenken. Genau das hat er getan, tausendfach, und das allein genügt, um mich davon zu überzeugen, dass es etwas Größeres und Besseres auf der Welt gibt als meine Dämonen.“

Das ist zweifellos eine ganz eigene Art, über Musik zu sprechen, erfüllt nicht vom Geist einer Konzerteinführung, sondern von einer existenziellen, durch extreme Leiderfahrung beglaubigten Dringlichkeit. Von dieser Position aus kritisiert Rhodes, der den russischen Pianisten Grigori Sokolov sein großes Vorbild nennt, auch mit Verve, teils bedenkenswerten Argumenten und wieder einmal unter reichlicher Nutzung von Fäkalvokabular die eingefahrenen Rituale des Konzertbetriebs. Er wird bei ihm zur Experten-Gerontokratie, die die Klassik, wenn sich nichts ändere, über kurz oder lang unter die Erde bringen werde. Was sie Rhodes zufolge aber mitnichten verdient: Vielmehr gehöre sie nicht einer Elite, sondern allen Menschen, gleich welcher ethnischen oder sozialen Herkunft.

Man muss nicht alles für richtig halten, was Rhodes schreibt. Etwa die kurzen Kapitel über Lieblingskompositionen und ihre Verfasser, die in die Lebensgeschichte eingelagert sind: Deren Biografien – gleich, ob es um Bach, Beethoven oder Schubert geht – werden teils allzu umstandslos unter Umgehung gesicherter Fakten auf die Linie des eigenen Kreuzwegs gebürstet. Die unmittelbare stürmische Anverwandlung mag sympathisch sein, aber sie ist fehlerbehaftet.

Ein zehrendes Auf und Ab

Rhodes’ Befreiung aus dem Loch der traumatischen Erfahrung und daraus resultierender vielfältiger seelischer Störungen verlief im übrigen alles andere als gradlinig. Das Klavier und der zunächst sporadische, später dann regelmäßigere Klavierunterricht allein reichten jedenfalls als Therapeutikum offensichtlich nicht aus. „Der Klang der Wut“ beschreibt vielmehr eine atemberaubende Achterbahnfahrt zwischen Konsolidierungen und katastrophalen Stürzen in Drogen, Tabak und Alkohol – mit anschließenden Aufenthalten in Kliniken, aus denen Rhodes je nachdem als Psychopharmaka-Wrack zurückkehrte.

Auch die Beziehungen zu Frauen – ein einziges zehrendes Auf und Ab zwischen Glück und Scheitern. Das Buch beschreibt für die menschliche Mitwelt schwer erträgliche Ticks – darunter die lustvolle Selbstverletzung mit der Rasierklinge –, Obsessionen und Bösartigkeiten, aber auch immer wieder das Wirken guter Engel am Wegesrand – in Gestalt von Freunden, Frauen, Partnern, Managern, fähigen „Seelenklempnern“. Und die Liebe zu seinem Sohn wird immer wieder zum Rettungsanker.

Dennoch: Dass Rhodes bei diesem Intensivtrip durch eine Horrorlandschaft überhaupt am Leben blieb, grenzt an ein Wunder. Und auch, wenn der Pianist mittlerweile seine Karriere einigermaßen zielstrebig entwickelt, fünf Alben vorgelegt hat und als engagierter und eloquenter Klassikvermittler im Fernsehen reüssiert, bangt der Leser nach allem, was er hier vorgesetzt bekam, vor möglichen künftigen Stürzen. Der Schreiber dieser Zeilen drückt ihm jedenfalls die Daumen. Auch wenn Rhodes Hässliches zu seiner Profession schreibt: „Kritiker: Einsame, verbitterte, gescheiterte Musiker, als Akademiker verkleidete Arschlöcher und Wichser. Der Inbegriff all dessen, was mit der klassischen Musik heutzutage nicht stimmt.“ Nun ja, ganz so ernst nehmen darf man das wohl nicht, über gute Rezensionen seiner Platten und Auftritte freut sich Rhodes nach eigenem Bekunden sehr.

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