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Die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann.

Ingeborg Bachmann in Wien

In der babylonischen Gefangenschaft

Vor der Unbehaustheit: Der amerikanische Germanist Joseph McVeigh schildert die unbehagliche Situation der jungen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann in Wien.

Von Markus Schwering

Das Wien ihrer frühen Jahre hält für Ingeborg Bachmann die prägende, teils auch traumatische Lebenserfahrung bereit. Wenn man es sich nicht aus ihrem späten Roman „Malina“ erschließen könnte, erführe man es aus dem Buch des amerikanischen Germanisten Joseph McVeigh – „Ingeborg Bachmanns Wien“. Viel hat diese früh verstorbene Göttin des Literaturbetriebs ja nicht von sich selbst preisgegeben – wobei die Stilisierung ins Sphinxhafte wohl auch Teil ihrer Selbstinszenierung war. McVeigh jedenfalls zieht den Schleier ein ganzes Stück weit weg.

1946 also kommt Bachmann aus ihrer Kärntner Heimat über Graz und Innsbruck in die kriegszerstörte, von den Alliierten in Sektoren aufgeteilte Metropole. Sie studiert Philosophie (worin sie 1949 promoviert), Germanistik und Psychologie, findet schnell Anschluss an den literarischen Kreis um Hans Weigel im Café Raimund, lernt Paul Celan, Ilse Aichinger, Milo Dor und viele andere nachmaligen Größen des Literaturbetriebs kennen.

Ihre Brötchen verdient sie sich als Scriptwriter beim amerikanischen Besatzungssender Rot-Weiß-Rot. Endgültig auf geht ihr Ruhmes-Stern allerdings nicht in Österreich, sondern, 1952, mit der Lesung ihrer Gedichte bei der bundesdeutschen Gruppe 47 in Niendorf.

Das alles klingt nach einer Erfolgsstory. Bachmanns Wiener Jahre waren dies allerdings nur sehr bedingt – McVeigh legt es ausführlich dar, freilich mit einer auch sprachlich etwas glanzlosen Beflissenheit.

Erpresserische Umarmung

Bereits 1953 setzte sich die gefeierte junge Autorin nach Italien ab, um niemals mehr in die Stadt an der Donau zurückzukehren. Zumal die Beziehung zu ihrem Mentor und Liebhaber Weigel – McVeigh wertet als Erster Bachmanns Briefe an ihn aus – erwies sich als zunehmend kontraproduktiv, ja für sie selbst nahezu zerstörerisch. Dies erst recht, als Weigel 1951 die Schauspielerin Elvira Hofer heiratete.

Aber das war nicht der einzige Grund für den Weggang: Weigel hatte in einer nahezu erpresserischen Umarmung versucht, Bachmann für die eigenen Strategien einzuspannen, die sich auch gegen die junge, sich eben in der Gruppe 47 formierende bundesdeutsche Literatur richteten.

Ingeborg Bachmann empfand diese Situation offensichtlich als eine Art babylonischer Gefangenschaft, aus der sie im Wortsinn fliehen musste. Hinzu kam die – damals – gescheiterte Beziehung zu Paul Celan, der McVeigh sehr viel weniger Aufmerksamkeit schenkt. So oder so begann mit dem Abschied aus Wien jener Zustand der Unbehaustheit, den Ingeborg Bachmann bis an ihr Lebensende 1973 in Rom nicht mehr beenden konnte.

Wien aber war in mehrfacher Hinsicht eine Matrix. Viele Motive von Bachmanns späterer Dichtung formieren sich in den hier entstandenen Gedichten und Erzählungen – dies zeigen auch einige abgedruckte frühe Prosa-Versuche. Und zu ihrer später verfestigten Unfähigkeit, in der Welt heimisch zu werden, ist diese Lebensstation ebenfalls ein Präludium.

Joseph McVeigh: Ingeborg Bachmanns Wien. Insel Verlag, Berlin 2016. 316 Seiten, 24,95 Euro.

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