Ali Baba und der Pizza-Effekt

Frisch und gar nicht prüde: Claudia Otts Neuübersetzung von "Tausendundeine Nacht" nach der ältesten arabischen Handschrift

Von MARTINA MEISTER

Mitunter muss man um sein Leben laufen, vor der Gefahr flüchten, seinen Kopf retten. Andere, die nicht so schnell sind, erzählen um ihr Leben. Die Rede hat bekanntlich die Macht, den schon abgeschickten Pfeil aufzuhalten, schrieb Michel Foucault in einem kleinen Aufsatz zur Literatur und fügte hinzu: "Die todbringendsten Entscheidungen bleiben für die Zeit ihrer Erzählung zwangsläufig in der Schwebe."

Niemand hat uns das so eindrücklich vorgeführt wie Schahrasad mit ihren Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Glücklich, wer in ihren Bann geraten ist; glücklich, wer von ihrer Kunst und der Zauberkraft des Erzählens gekostet hat. Und beneidenswert derjenige, der das als Kind schon durfte und dem somit das geheime Wissen um die Macht der Literatur von Anfang an eingepflanzt wurde. Wer nicht dieses Privileg hatte, bekommt jetzt einen guten Grund, die Begegnung nachzuholen: mit einer sagenhaften Neuübersetzung von Tausendundeine Nacht, mit einer frischen, modernen und ganz und gar nicht prüden Version, die in der Neuen Orientalischen Bibliothek des Beck Verlags erschienen ist.

Die Arabistin Claudia Ott hat sie nach der ältesten arabischen Handschrift übersetzt, so dass der Leser tatsächlich eine Neuentdeckung macht: Die ferne Welt des Orients ist sprachlich an uns heran gerückt. Sie hat nichts mehr von der leicht angestaubten Strenge der Übersetzung Enno Littmanns, dessen Fassung bislang die Rezeption in Deutschland beherrschte. Andererseits erscheint sie fremder: Geschichten wie "Sindbad der Seefahrer" oder "Aladin und die Wunderlampe" fehlen ganz. Wir haben es folglich mit einer bereinigten, aber zugleich moderneren Fassung zu tun.

Natürlich erzählt Schahrasad auch in dieser Neuübersetzung jede Nacht ihre Geschichten, ohne sie jemals zu Ende zu bringen. Immer bricht sie an der spannendsten Stelle ab, um alles in der Schwebe zu halten. Denn sie weiß, dass nur die unstillbare Neugierde König Schahriyar davon abhalten würde, sie wie alle anderen Frauen nach der ersten Liebesnacht zu köpfen: "Da erreichte das Morgengrauen Schahrasad, und sie hörte auf zu erzählen. Und während die Dämmerung aufstieg und das Morgenlicht heller wurde sagte ihre Schwester: ?Wie spannend und wie aufregend ist deine Geschichte!' - ,In der nächsten Nacht', erwiderte sie, ?erzähle ich euch etwas, das noch aufregender und noch viel spannender ist.'"

Einstimmung auf den Orient

Zweihundertzweiundachtzig Mal wird Schahrasad den König in dieser oder leicht abgewandelter Form mit dem Versprechen auf die nächste Geschichte in ihren Bann ziehen. Die ungeheuerlichsten Dinge geschehen und werden von noch ungeheuerlichen übertroffen: Intrigen werden gesponnen, Verwechselungen inszeniert; Böse treffen auf Gute; Feste werden gefeiert und gestört: Es wird gerungen und gekämpft und immer wieder geliebt.

Tausendundeine Nacht ist die geeignete Einstimmung auf die arabische Literatur. Denn tatsächlich hat nichts so sehr unser Bild vom Orient geprägt wie diese Märchen. Es war der französische Orientalist Antoine Galland, der vor exakt 300 Jahren den ersten Band seiner französischen Übersetzung herausbrachte. Wenig später folgten deutsche und englische Editionen. Ein wahrer Orientkult entstand in der Literatur, vor allem in der französischen des 18. Jahrhunderts.

Dabei geriet schnell in Vergessenheit, dass dieses Geschichtenkompendium eigentlich indischen Ursprungs war. Dort ist die Rahmenerzählung angesiedelt. In Indien werden König Schahriyar und König Schahsaman von ihren Frauen betrogen, dort entsagen sie ihrem Thron und treffen auf eine junge Frau, die sie zum Liebesakt zwingt und ihre Ringe verlangt. Danach entleert sie einen Sack mit 98 Ringen: ",Alle Besitzer dieser Ringe', erklärt sie, ?haben mit mir geschlafen, und von jedem, der mir zu Willen war, habe ich mir einen Ring genommen.' Nun sei das Hundert voll."

West-östliches Erzählfieber

Nach dieser Demütigung beschließt König Schahriyar, seine Frau, alle Sklavinnen sowie Dienerinnen töten zu lassen und in Zukunft jede Nacht eine andere Frau zu nehmen, um sie am nächsten Morgen hinrichten zu lassen. Der König will sich, so würden wir heute sagen, vor seinen Gefühlen in Sicherheit bringen. Und Schahrasad will im Gegenzug durch ihre Erzählkünste die Welt und in gewisser Weise auch den König retten: "Entweder es gelingt mir, alle Welt vor ihm zu retten, oder ich sterbe und gehe zugrunde, dann ergeht es mir nicht anders als all denen, die schon gestorben und zugrunde gegangen sind."

Die Geschichten, die Schahrasad erzählt, spielen dann tatsächlich alle im Orient, zum größten Teil in Bagdad. Die mündlich überlieferte Erzählsammlung selbst aber kam dort erst über den Umweg Persiens im 7. oder 8. Jahrhundert an, also bereits viele Jahrhunderte nach ihrer mutmaßlichen Entstehung. Durch Zufall erhielt Galland 1701 die älteste existierende Handschrift in arabischer Sprache, die bis heute in der Pariser Nationalbibliothek aufbewahrt wird. Sie stammt aus Syrien und wird auf die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts datiert. Nur: Das Manuskript brach nach der 282. Geschichte ab. Vermutlich, weil die Zahl 1001 nur ein Synonym für die unendliche Vielzahl war. Galland aber hoffte, noch die anderen Bände zu finden. Doch so lange er sie nicht auftreiben konnte, behalf er sich damit, andere Erzählungen einzugliedern, neue zu erfinden und sich von einem in Paris lebenden Syrer namens Hanna Diâb zusätzliche Geschichten erzählen zu lassen. Bis er auf die Zahl 1001 kam. Galland setzte im Grunde die orale Tradition der Überlieferung fort und bügelte glatt, was ihm unpassend schien. Die zahlreichen Liebesszenen etwa entschärfte er.

Erst der Erfolg der Erzählsammlung in Europa machte Tausendundeine Nacht in der arabischen Welt interessant, wo man die Sammlung bis dahin als triviale Volksliteratur missachtet hatte. So dass es Ausgaben in arabischer Sprache gibt, in denen Sindbad, Ali Baba und Aladin auftauchen, die in keiner der Handschriften existieren. Die Orientalistin Wiebke Walther nennt das den "Pizza-Effekt": Etwas, das im Herkunftsland nichts galt, erfährt im Re-Import über das Ausland eine völlig neue Bewertung. Letztlich hat Europa dasselbe Erzählfieber ergriffen, das auch die Geschichten beherrscht, so dass man Tausendundeine Nacht eigentlich als eine west-östliche Geschichte begreifen muss. In der modernen Fassung von Ott lädt sie uns ein, von der Macht der Literatur zu kosten. Und ihr vollständig zu erliegen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion