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Iranerinnen bejubelten am 1. Februar 1979 in Teheran die Rückkehr des damals 78jährigen Ayatollah Khomeini aus dem Pariser Exil. Foto: epd
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Iranerinnen bejubelten am 1. Februar 1979 in Teheran die Rückkehr des damals 78jährigen Ayatollah Khomeini aus dem Pariser Exil.

Iran

„Ayatollah Khomeini wollte sich als islamischer Papst darstellen“

  • VonMichael Hesse
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Die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur über den iranischen Politiker, den Religionsführer und den Lyriker Ayatollah Ruholla Khomeini

Frau Amirpur, wird sich der Iran aufgrund der Repressionen aus dem Westen stärker an China anbinden?

Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass es in Richtung China geht. Aufgrund der harten Sanktionen hat das Land kaum Alternativen.

Welche Chancen geben Sie noch dem Atomabkommen?

Auf der einen Seite reagiert der Iran extrem trotzig. Sie haben da zum Teil auch ein gutes Recht dazu. Denn aus ihrer Sicht haben sie den Vertrag ja nicht gebrochen. Die Forderungen der USA unter Präsident Donald Trump waren kein Bestandteil des Atomwaffen-Vertrages. Das spielt übrigens den Falken im Iran massiv in die Hände.

Und auf der anderen Seite?

Man sieht doch klar, dass der Iran bereit ist einzulenken. Erstaunlicherweise. Da ist viel Verhandlungsbereitschaft auf der iranischen Seite zu erkennen.

Es gibt Konsultationen des Iran mit Saudi-Arabien, heißt es. Hat die neue US-Administration unter Präsident Joe Biden das Koordinatensystem für den Nahen Osten neu gesteckt?

Ja, absolut. Die Vorgänge sind interessant zu beobachten.

Welche Chance auf eine politische Umgestaltung des Landes gibt es?

Die Chancen gab es ja schon immer. Denken Sie daran, dass die Alphabetisierungsquote im Iran bei 90 Prozent liegt. Rund ein Drittel der Lehrstühle an den iranischen Universitäten werden von Professorinnen besetzt. 65 Prozent der Frauen studieren an Universitäten. Es gibt also sehr, sehr große Potenziale für eine Umgestaltung des Landes. Aber man darf keine falschen Maßstäbe anlegen. Ich rede hier von vielen kleinen Schritten. Wenn der Iran nicht mit Sanktionen bombardiert würde, wie es im Moment der Fall ist, dann hätte das Land viele Möglichkeiten und viel Potenzial, sich aus sich selbst heraus zu entwickeln. Die Sanktionen helfen hier überhaupt nicht.

Warum nicht?

Sie zerstören die Mittelschicht. Deshalb kann all das vorhandene Potenzial zur Umgestaltung keine Wirkung entfalten. Aus diesem Grund bin ich gegen die Sanktionen des Westens.

Andererseits, gab es überhaupt einmal Phasen der Entspannung für die Gesellschaft? Iran blickt im 20. Jahrhundert auf eine endlose Zeit leidvoller Erfahrungen zurück.

Da treffen Sie einen Punkt. Es gab keine Phasen der Entspannung. Mit einer Ausnahme: In den Jahren zwischen 1951 und 1953, als sich fast alle Iraner gegen Mossadeq eingesetzt haben, gab es zumindest ein gemeinschaftliches Aufbäumen und ein gemeinsames Handeln gegen einen Diktator.

Ende der 1970er Jahre ruhte die Hoffnung auf einer Person, über die Sie nun eine Biografie geschrieben haben: Ajatollah Khomeini. Er wurde ja nicht nur im Iran als Heilsbringer, sondern auch im Westen als eine Art Gandhi des Iran gesehen. War er ein kesser Täuscher?

Khomeini hat in seiner Zeit im Exil stets behauptet, er wolle sich aus der Politik raushalten. Man ist sich bis heute nicht darüber im Klaren, ob er das wirklich vorhatte oder die Weltöffentlichkeit und die Menschen im Land einfach getäuscht hat. Mir erscheint es möglich, dass er sich nur wegen des Laufs der Ereignisse wieder in die Politik eingeschaltet hat und ursprünglich keine derartigen Ambitionen hegte. Andererseits: Es kann auch Taktik gewesen sein. Viele unterstellen ihm, dass er alles genauso geplant hat, wie es dann gekommen ist. Trotz meiner langen Beschäftigung mit ihm, fühle ich mich nicht in der Lage zu entscheiden, ob das eine oder andere wahr ist.

Der französische Philosoph und Intellektuelle Michel Foucault wurde von einem Magazin in den Iran geschickt. Er schrieb, der einfache Wille des Volkes werde durch Khomeini repräsentiert. Hat er es richtig beobachtet?

Das würde ich so nicht unterschreiben. Die Bilder in der Revolution waren ja nicht nur Khomeini-Bilder. Da wurden auch andere hochgehalten. Es gab zu dem Zeitpunkt kein eindeutiges Votum für Khomeini. Er hat sich im Verlauf der Revolution durchgesetzt. Zuvor gab es zahlreiche andere Gruppierungen im Iran, die für ganz andere Positionen als die von Khomeini standen. Es gab kein eindeutiges Pro-Khomeini-Votum.

Dennoch hat er sich durchgesetzt.

Er hat im Verlauf der Revolution am erfolgreichsten manipuliert. Er hat am geschicktesten gespielt. Deshalb hat er sich durchgesetzt. Man kann aber nicht sagen, dass alle von Anfang an auf die Karte Khomeini gesetzt hätten.

Der Flug von Paris nach Teheran im Januar 1979 ist vielen Menschen noch aus dem Fernsehen in Erinnerung. An Bord waren viele Journalisten, nicht wenige befürchteten, in der Luft abgeschossen zu werden. Auch der deutsche Journalist Peter Scholl-Latour war in dem Flugzeug. Alle schienen von Khomeini berauscht zu sein.

Khomeini hatte ein besonderes Charisma. Wenn man sich das Bild auf dem Cover meines Buches genau ansieht, sieht man, dass er eine ziemliche Ausstrahlungskraft hatte. In diesem Habitus, den er in Frankreich hatte, konnte er andere durchaus mitreißen. Die Foucault-Anhänger waren hingerissen und viele andere auch. Der alte große Mann unter dem Apfelbaum, das war ein gängiges Bild von ihm.

Sie spielen darauf an, dass er in einem gemieteten Haus in Frankreich unter einem Apfelbaum saß und dort seine Gäste empfing. Wie würden Sie seine Persönlichkeit beschreiben? Sie schildern in Ihrem Buch Szenen, in denen er sehr impulsiv wirkt.

Zur Person

Katajun Amirpur , geboren 1971 in Köln, studierte Islamwissenschaft und Politologie in Bonn und schiitische Theologie in Teheran. Sie lehrte an der Freien Universität Berlin, dann auch in Bamberg, Bonn und München und nun an der Universität zu Köln. Amirpur ist zudem stellvertretende Direktorin der Akademie der Weltreligionen (AWR) der Universität Hamburg.

Zuletzt erschien von ihr: „MuslimInnen auf neuen Wegen: Interdisziplinäre Gender Perspektiven auf Diversität“ (2020, Ergon) und „Khomeini. Der Revolutionär des Islams“.
Foto: Andreas Lohmann

Ich war erstaunt, dass er auf der einen Seite sehr emotional war. Wenn Sie seine Gedichte lesen, erkennen Sie einen Menschen, der in seiner Lyrik eine große expressionistische Neigung aufwies, auf der anderen Seite war er völlig gefühlskalt.

Das müssen Sie genauer erklären!

Es gibt zwei superinteressante Geschichten hierzu. In der einen geht es um den Tod seines Sohnes, der 1977 starb, vermutlich vom iranischen Geheimdienst Savag ermordet. Als man ihm die Nachricht überbracht, dass sein Sohn Mustafa tot sei, reagierte er darauf mit den Worten: Wir sind alle von Gott und zu Gott kehren wir zurück. Und jetzt macht euch an die Arbeit, Männer!

Und die andere Geschichte?

Sie handelt von seiner Rückkehr nach dem 18-jährigen Exil. Als Khomeini nach der Landung iranischen Boden betrat, wurde er von einem amerikanischen Journalisten gefragt: Was empfinden Sie jetzt, da Sie wieder iranischen Boden betreten? Khomeini antwortete: Gar nichts. Das Verhalten ist sehr schwierig in Verbindung zu bringen zu den Gedichten, die er geschrieben hat. Wenn man diese liest, weiß man, dass er ein empfindsamer, hoch emotionaler Mensch gewesen sein muss.

Schon in jungen Jahren wich er ja vom Mainstream ab mit seinen Interessen für Philosophie und Mystik.

Andererseits hatte er schon in frühen Jahren ein großes Interesse an Politik. Das war in der Zeit außergewöhnlich. Man versuchte, ihn auf Linie zu bringen, indem man ihm dringend nahelegte, sich besser nicht in die Politik einzumischen. Andererseits war er selbst wirklich sehr daran interessiert. Und er schwamm auf einer Welle mit: Wir wollen die Amerikaner nicht in unser Land lassen, hieß es da, sie sollen sich nicht einmischen. Das sah er genauso. Insofern ging er auch mit dem Mainstream konform. Wie er dachten sehr viele Iraner in der Zeit.

Er wird als der Revolutionär des Islam angesehen. Khomeini selbst sah sich als Vertreter aller Muslime. Was bezweckte er damit?

Das ist einigermaßen erstaunlich. Er beanspruchte Geltung als der Gesamtpapst aller Muslime. Das ging nicht auf, denn dafür ist das Schisma zwischen Schiiten und Sunniten zu groß. Aktionen wie die Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie oder sein Versuch, die Revolution als eine islamische Revolution zu deklarieren, hatten ihren Grund darin, dass er sich als der islamische Papst darstellen wollte. Was er in andere Länder exportieren wollte, ging letztlich nur als schiitische Revolution durch, aber nicht als islamische Revolution. Eine Überraschung war das nicht.

Khomeinis Vater wurde ermordet, er wurde von zwei starken Frauen aufgezogen. Wie prägte das sein Bild von Frauen später?

Der Blick in seine Biografie offenbart an sich nichts Frauenfeindliches. Er hat sich auf das islamische Recht bezogen, in diesem gibt es sehr viele Vorgaben, die Frauen zu Personen zweiter Klasse degradieren. Er selbst hat sich in seiner Biografie nicht als frauenfeindlicher Mensch dargestellt. Was man hört, hatte er großen Respekt vor seiner Frau. Zwei seiner drei Töchter sind Professorinnen. Ihnen wird er also kaum vermittelt haben, sie gehörten an den Herd. Er hatte grundsätzlich kein frauenfeindliches Bild.

Khomeini wurde von Geistlichen beeinflusst, die ja nicht der Meinung waren, dass die Politik etwas für Geistliche sei. Wie kam es dann trotzdem zu dem theokratischen Staat?

Er hat schon in den 1940er Jahren geschrieben, dass er beabsichtigt, die politische Karte auszuspielen. Dass er in den 70ern abgetaucht ist, hatte eher mit den Umständen zu tun. Er war von Anfang ein extrem politischer Mensch. Er war überzeugt, dass die Geistlichkeit sich in die Politik einmischen müsse.

War er ein besonderer Rechtsgelehrter seiner Zeit?

Er hatte eine besondere Qualität. Aber herausragend war er sicherlich nicht. Das galt eher dafür, dass er eine Revolution entfesselt hat. Aber er hat nichts Großartiges in der Rechtswissenschaft geleistet. So einen Kredit würde ihm wohl keiner seiner Kollegen einräumen.

Die Stimmung im Iran war Ende der 1970er Jahre explosiv, was an der Politik der Schah-Monarchie lag. Sie gilt im Westen nach wie vor als Zeit der Moderne auch für Frauen.

Es war auf der einen Seite schon eine Zeit der Modernisierung. Zugleich war es eine Zeit der Unterdrückung und der Zensur. Genau das hat dann zur islamischen Revolution geführt. Hinzu kam der massive amerikanische Einfluss und die US-Präsenz im Iran, was allseits abgelehnt wurde. Bis zu 80 Prozent der Bevölkerung waren sich hierin einig. Und das war der Punkt, der Khomeini letztlich diesen Auftrieb gegeben hat. Er war ja seit 1963 im Exil. Damit fand der iranische Diskurs in der Zeit der 60er und 70er Jahre größtenteils ohne seine Beteiligung statt. Dennoch war er präsent. Man erinnerte sich an ihn als jemanden, der aufgestanden war und Widerstand gegen den westlichen Imperialismus geleistet hatte.

Khomeini verteufelte Israel, eine Doktrin, die im Iran bis heute gilt. Andererseits war er gegenüber Juden im eigenen Land tolerant. Wie erklärt sich das?

Khomeini wurde von keinem universalen Antisemitismus getrieben. Es ging vor allem um den Mossad, also um die israelische Präsenz im Iran. Gegen die hat er sich gewandt, er war kein ausgemachter Antisemit. Sie müssen wissen, dass der iranische Geheimdienst - also die Savag-Leute - selbst vom Mossad ausgebildet worden war. Aus iranischer Perspektive ist Israel ein Unrechtsstaat. Das heißt nicht, dass man aus dieser Sicht Bomben über Israel abwerfen muss, aber der Iran stellt sich klar auf die Seite der Palästinenser.

Er galt im Westen als Radikaler, wie pragmatisch war er?

Er war ein Pragmatiker. Khomeini hat gerade in der Rushdie-Affäre eine pragmatische Politik betrieben. Besonders deutlich wird das aber bei den Waffenkäufen. Er hat getan, was im Sinne des iranischen Staates war.

Was heißt das konkret?

Er hat von jenen Waffen gekauft, die dem Land noch Waffen liefern wollten. Und das waren in dem Fall die Israelis. Da ging es nicht mehr darum, ob das der kleine Satan oder der große Satan war. Insofern würde ich sagen, dass Ajatollah Khomeini gar nicht der große Ideologe gewesen ist, als der er oft dargestellt wird. In sehr vielen Fällen war er ein pragmatisch handelnder Politiker. In den Zeiten der Revolution warf er mit vielen Parolen und Slogans um sich. Als er aber an der Macht war, hat er sich auf die Realitäten der Politik eingestellt. Und dazu zählten die Waffengeschäfte mit Israel. Keine Frage: Er war ein Realpolitiker.

Interview: Michael Hesse

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