+
Die Parlamentsabgeordnete und Sozialpolitikerin Marie Juchacz (li.) machte als eine der ersten Frauen in Deutschland in der Politik Karriere. 

Sachbuch Arbeiterwohlfahrt

Die Historie: Buch über die AWO in Zeiten des Skandals

  • schließen

Der Skandal um die AWO Frankfurt ist noch nicht aufgearbeitet. Ein Buch liefert jetzt eine historische Darstellung über die 1919 in Berlin gegründete Arbeiterwohlfahrt.

Die Anfänge der Arbeiterwohlfahrt, 1919, fallen in eine Zeit der Umbrüche und Orientierungslosigkeit. Der vom Kaiserreich angezettelte Erste Weltkrieg hatte mehr als zwei Millionen Deutsche das Leben gekostet, noch mehr Menschen waren schwer verwundet, arbeitslos, hoffnungslos. Der Aufstand bewaffneter Arbeiter für einen gesellschaftlichen Umsturz war vom Militär und von rechten Freikorps auf Geheiß des späteren sozialdemokratischen Reichspräsidenten Friedrich Ebert Anfang 1919 niedergeschlagen worden.

SPD gründet 1919 AWO

Am 13. und 14. Dezember 1919 kam in der Reichshauptstadt Berlin der Parteiausschuss der SPD zusammen. Auf Antrag der SPD-Reichstagsabgeordneten Marie Juchacz beschloss er die Gründung einer eigenständigen sozialdemokratischen Wohlfahrtsorganisation: der Arbeiterwohlfahrt.

Es ging darum, vielen in Not geratenen Menschen zu helfen. Dabei reichten die Gedanken, die Juchacz und andere bewegten, weiter. Ihr Motto war: „Teilhabe statt Almosen“. Das bedeutete, gerade den armen Menschen sollte durch Notspeisungen, durch Kinderbetreuung, durch Nähstuben und weiteres die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ermöglicht werden. Heute, 100 Jahre später, ist die Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Deutschland ein Großunternehmen der Wohlfahrtspflege mit 231 000 hauptamtlich Beschäftigten in mehr als 18 000 AWO-Einrichtungen, darunter Pflegeheimen, Kindertagesstätten, Jugendzentren und anderem mehr.

Skandal der AWO in Frankfurt

Philipp Kufferath, Referent der Friedrich-Ebert-Stiftung, und Jürgen Mittag, Leiter des Instituts für Europäische Sportentwicklung und Freizeitforschung, haben diesen 100-jährigen Weg in einem Buch nachgezeichnet, das den schlichten Titel trägt: „Geschichte der Arbeiterwohlfahrt“.

Das Buch ist wichtig, nicht nur wegen der darin dargestellten Umbrüche über Jahrzehnte von der Parteiorganisation zum Konzern. Nein, das 100-jährige Jubiläum wird überschattet von einem Skandal der AWO in Frankfurt und Wiesbaden. Unmittelbar nach dem Festakt am 13. Dezember 2019 in Berlin mussten Wilhelm Schmidt, der Vorsitzende des AWO-Bundespräsidiums, und Wolfgang Stadler, der Vorsitzende des Bundesvorstandes, nach Frankfurt eilen.

Ermittlungen gegen führende AWO-Funktionäre

Sie wollten dort für Aufklärung in einer Affäre sorgen, die schon seit Wochen Schlagzeilen machte. Die Staatsanwaltschaften in Frankfurt und Wiesbaden ermitteln gegen führende AWO-Funktionäre. Es geht um den Verdacht, dass städtische Zuschüsse für die Betreuung von Flüchtlingen gar nicht für diese Zwecke ausgegeben wurden. Es geht um völlig überzogene Gehälter für die lokalen AWO-Führungen, um Luxuswagen auf Kosten der Organisation, um ein unüberschaubares Geflecht von Tochtergesellschaften.

Als Schmidt und Stadler in der AWO-Zentrale in Frankfurt eintrafen, wurden sie nicht etwa mit offenen Armen, sondern von Anwälten empfangen, die führende Funktionäre vertraten. Bei einer Pressekonferenz sprachen Schmidt und Stadler hinterher von „unerträglichen Zuständen“ beim AWO-Kreisverband Frankfurt.

Image der AWO hat Schaden genommen

Das Image der Wohlfahrtsorganisation hat großen Schaden genommen. Umso mehr lohnt es sich, das Buch von Kufferath und Mittag zu lesen. Natürlich konnten sie die aktuellen Geschehnisse nicht mehr verarbeiten. Wohl aber zeigen sie, dass die AWO und mit ihr andere Wohlfahrtsorganisationen schon vor zwanzig Jahren in die Krise geraten waren. Schon damals gab es „Missmanagement im Bundesverband und in den Gliederungen sowie Skandale einzelner Persönlichkeiten“. Von „Pflegemafia“ war bereits 2008 die Rede, von „lukrativen Geschäften auf Kosten von Pflegebedürftigen“.

Schon 2005 wurde öffentlich darüber diskutiert und in Medien berichtet, dass das Rechnungswesen der AWO und anderer Verbände vielfach nicht transparent sei, dass Spendengelder veruntreut wurden. Eine Ursache: Die AWO und andere waren viel zu schnell zu großen Wirtschaftsunternehmen gewachsen, die häufig ehrenamtlichen Kontrolleure waren mit ihrer Aufgabe völlig überfordert. Überall hatte die AWO aus ihrer gemeinnützigen Hauptorganisation private Firmen ausgegliedert, die Profit machen sollten.

Mittlerweile hat die AWO begonnen, bundesweit unternehmerische Aktivitäten und den Mitgliederverband mit heute über 300 000 Personen zu entflechten. Seit 2008 gibt es einen Unternehmens-Codex, seit 2017 verschärfte Compliance-Richtlinien. Doch diese Reformen, dass zeigen die Vorgänge in Frankfurt und Wiesbaden, haben noch nicht überall gegriffen.

Das Buch ist lesenswert aber auch wegen der ausführlichen historischen Kapitel, etwa über die Zeit der Zerschlagung und des Widerstands während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft von 1933-1945.

Inzwischen sieht die AfD-Fraktion im Römer im Kontext der AWO-Affäre den Verdacht einer Begünstigung von Straftaten durch Amtsinhaber der Stadt erfüllt. Das Sozialdezernat weist die Anschuldigungen energisch zurück.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion