Ein Musikerleben

„Avantgartainer“ Steffen Schleiermacher blickt zurück: Was Roger Whittaker ihn damals lehrte

  • vonStefan Schickhaus
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Der „Avantgartainer“: Pianist und Komponist Steffen Schleiermacher blickt launig zurück.

Unter W im umfangreichen Personenregister dieses Buches, ziemlich in der Mitte zwischen Richard Wagner und Iwan Wyschnegradsky, taucht auch Roger Whittaker auf. Damit war nicht zu rechnen. Aber ihm, dem britischen Barden, ist es zu verdanken, dass Steffen Schleiermacher nicht ein komponierender Pianist geblieben ist, sondern ein komponierender und moderierender Pianist wurde.

Das kam so: Im Leipziger Gewandhaus begegneten sich beide, Schleiermacher und Whittaker, nach jeweils beendetem Auftritt im Fahrstuhl. „Did you put up a good show“, fragte der Sänger – Schleiermacher bejahte vehement, kam aber dann doch ins Sinnieren, ob seine Auftritte als Pianist und Ensembleleiter für Neue Musik wirklich als gute Show durchgehen können. Auch ein klassisches Konzert sei eine Form von Entertainment, erkannte er und wurde nach diesem Damaskus-Erlebnis – jetzt mal grob verkürzt – zum Musikvermittler für Zeitgenössisches, zum „Avantgartainer“.

Eigentlich wollte er rocken

Das Buch - Olaf Wilhelmer (Hrsg.): Steffen Schleiermacher. Der Avantgartainer. Texte u. Gespräche. Kamprad 2020. 224 S., 34,90 Euro.

So betitelt ist der Sammelband mit Essays und Interviews, der jetzt kurz nach dem 60. Geburtstag des Leipzigers erschienen ist und das zum Unverklauseltsten gehört, was man über die Welt dieser Musik lesen kann. Kurz zuvor hatte Schleiermacher den etwas sperrig betitelten „Friedlieb Ferdinand Runge-Preis für unkonventionelle Kunstvermittlung“ zugesprochen bekommen, eine Auszeichnung, die seine Arbeit auf den Punkt bringt, wie Olaf Wilhelmer im Vorwort. Wilhelmer ist Musikredakteur von Deutschlandfunk Kultur und der Gesprächspartner der Interviewstrecken des Buches.

Steffen Schleiermacher, dessen Einspielung der John-Cage-Klavierwerks ein Maßstab ist und der sich auch als Satie- und Eisler-Pianist Lorbeer verdient machte, ist nicht nur heute ein Unikat im deutschen Musikleben, er war es schon immer. Das wird deutlich aus seinen Rückblicken auf seine Lehrjahre in Halle und Leipzig: Das „langhaarige Untier“ (so ein Zeitzeuge) scheiterte an der Aufnahmeprüfung, studierte dann aber an der Pop-Abteilung der Hochschule, wo er zum Staatsexamen mit Kompositionen von Boulez, Stockhausen und Berio antrat – in der DDR der frühen 1980er wohlgemerkt. Eigentlich wollte er Rockmusiker werden, nun aber saß er bald überall dort, wo in Leipzig ein Tastenmusiker für ungewöhnliche Aufgaben gebraucht wurde. Ob Celesta, Orgel, Vierteltonklavier, Harmonium, Klaviaturglockenspiel: Schleiermacher stand bereit.

Kurt Masur, der in der Jury für seine Dirigier-Aufnahmeprüfung saß, wurde ein Förderer und leitete die Uraufführungen einiger seiner Orchesterwerke. Ihm ist ein eigenes Kapitel gewidmet, ebenso etwa Satie, Eisler, Cage, Stockhausen, Glass, den Schleiermacher-Komponisten eben.

Aber auch solche, die nur in wirklichen Kennerkreisen als namhaft gelten können, lernt man hier kennen. Und schätzen. Wolfgang Heisig etwa, Komponist und Spezialist für das Selbstspiel-Klavier Phonola: Ihn porträtiert Schleiermacher hochachtungs-, ja liebevoll. Bei einer Essenseinladung in Peking wurde Schleiermacher geraten, zu genießen und nicht zu fragen, was genau er da esse. Ähnlich ergehe es ihm zuweilen mit Heisigs oft skurrilen Kompositionen, etwa dem zur Währungsumstellung modifizierten Beethovenschen „Wut über den verlorenen Groschen“, wo alle D’s (D-Mark) in E’s (Euro) eingetauscht sind. Was für ein schönes Bild, und es ist nur eines in dieser so bildstarken wie launigen Text- und Gesprächssammlung eines Künstlers und Solitärs mit scharf-unverblümter Zunge und Feder.

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