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„Es geht nicht nur darum, etwas Historisches nachzuerzählen, sondern zu fragen: was kann ich eigentlich darüber erzählen“, sagt Merle Kröger. Rainer Schlesselmann
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„Es geht nicht nur darum, etwas Historisches nachzuerzählen, sondern zu fragen: was kann ich eigentlich darüber erzählen“, sagt Merle Kröger. Rainer Schlesselmann

Kriminalroman

Autorin Merle Kröger: „Mich hat die feministische Perspektive immer interessiert“

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Die Schriftstellerin Merle Kröger über den Kriminalroman als politische Literatur und ihren großen Dokumentar-Thriller „Die Experten“ über deutsche Raketenbauer in Ägypten.

Frau Kröger, als ich „Die Experten“ erhielt, habe ich erstmal den Klappentext gelesen, der so beginnt: „Kairo, sechziger Jahre: Ägyptens Präsident Nasser träumt davon, sein Land mit einer florierenden Rüstingsindustrie an die Spitze des afrikanischen Kontinents zu katapultieren, und wirbt in großer Zahl deutsche Ingenieure, Raketenbauer und Flugzeugexperten an.“ Davon hatte ich noch nie gehört. Ich habe dann beim Lesen bald angefangen, Namen nachzuschlagen im Internet – und war verblüfft, wie viele der Figuren zu finden sind, wie groß die Deckungsgleichheit mit tatsächlichen Ereignissen ist. Wann wurde Ihnen klar, dass das ein sehr stark dokumentarischer Roman wird?

Ungefähr am Ende des ersten Drittels der Arbeit, gerechnet seit dem Zeitpunkt, an dem ich von diesem Thema erfahren habe, von dem ich vorher auch überhaupt nichts wusste. Ich habe mit einem sehr privaten Archiv angefangen, das meine Freundin und Kollegin Stefanie Schulte Strathaus mir freundlicherweise geöffnet hat. Auch mit der Frage, was machen wird damit. Sie ist Kuratorin, leitet eine große Filminstitution und beschäftigt sich sehr viel mit Archiven und Archivpraxis. Sie hatte selbst schon ein bisschen recherchiert, hatte den „Spiegel“-Artikel gefunden, der damals für Aufsehen gesorgt hat, „Deutsche Raketen für Nasser“ war der Titel. Und nachdem wir uns alles angesehen hatten, habe ich gedacht, ich würde gern versuchen eine Geschichte zu schreiben, in der ich explizit mit Fiktionalisierung und dokumentarischem Material inklusive Klarnamen arbeite. Verfestigt hat sich das, als ich beschlossen habe, auch Quellenmaterial in den Text mit einzubeziehen. Das hätte ja nicht funktioniert, wenn ich den Beteiligten andere Namen gegeben hätte, dann hätten die Quellentexte keinen Anknüpfungspunkt gehabt. Ich fand die Nahtstellen interessant zwischen den Texten, die ich gefunden hatte, und meinen eigenen Gedanken und Geschichten. Irgendwann habe ich gedacht: jetzt musst du da durch, jetzt musst du auch Klarnamen benutzen. Das ist ja auch ethisch nicht ganz einfach. Ich habe auch tatsächlich versucht – obwohl die meisten schon lange tot sind -, niemandem etwas Fiktionales überzuhalftern. Oder wenn, dann in der Vagheit zu bleiben.

Sie nennen diese Form im Nachwort einen „schmalen Grat“. Welcher Teil des Balanceaktes war am schwierigsten?

Ich habe mich manchmal fluchend über meine Timeline gebeugt. Wir haben hier, auch für Filme, eine ganze Wand, an die man Sachen pinnen kann. Ich hatte also diese Zeitachse, die war klar definiert durch bestimmte Ereignisse, wie wann war der Raketenstart, wann waren die Attentate, wann ist welcher Artikel erschienen, wann wurde im Bundestag darüber gesprochen, wurden bestimmte Erklärungen verlesen. Dann hatte ich für die Hauptprotagonist:innen Backstories, Ideen, wie deren Geschichte sich entwickelt. Und das musste ich ja miteinander in Einklang bringen. Irgendwie hat es sich gefügt, ohne dass ich entweder das Gefühl hatte, dass ich die Wahrheit, die reale Grundlage, komplett verbiegen muss. Oder dass ich meinen Protagonist:innen irgendetwas abschneiden muss, was sich aus der fiktionalen Arbeit ergeben hat. Das war der Balanceakt.

Ich sprach kürzlich mit dem Kriminalroman-Autor Friedrich Ani, der meinte, im Genre sei schon allein durch die Fülle des Angebots viel mehr ermöglicht worden. Hätten Sie einen formal so herausfordernden Roman vor, sagen wir, 15 Jahren schreiben können?

Ich beschäftige mich mit dem Genre, wie Sie auch, ja schon sehr sehr lange, als Leserin, dann auch als Autorin. Durch den Austausch mit Menschen, die das Genre allein schon durch ihre Fragen, durch ihr Schreiben erweitern, bin ich bestimmt auch mutiger geworden. „Cut!“ (2003, d. Red.), mein erstes Buch, hat sehr viele dokumentarische Elemente, auch eine experimentelle, konzeptuelle Sprache, aber ich hatte doch noch stärker das Gefühl, bestimmte Dinge erfüllen zu wollen, auch zu müssen. Damals habe ich mit Else Laudan vom Argument-Verlag gearbeitet. Das war eine Zeit, in der man angefangen hat, über diese Dinge nachzudenken. Es war unheimlich schön, weil ich mit meiner Frage: kann ich, will ich in diesem Genre ein Zuhause finden, offene Türen eingerannt habe. Mit diesen Menschen, die die Türen geöffnet haben, entwickelt man sich dann ja auch weiter. Zum Beispiel das Netzwerk „Herland“, das wir dann gegründet haben, war wichtig, der Austausch mit anderen Autorinnen, die auch Fragen an das Genre haben und damit produktiv umgehen. Und die explizit einen politischen Ansatz haben.

Hat der Mut auch mit der Erfahrung einer mittlerweile ganzen Reihe von Veröffentlichungen zu tun?

Ich mache ja auch Filme, auch diese bewegen sich außerhalb der klassischen Genre-Grenzen. Ich mache keine „klassischen“ Dokumentarfilme, schreibe keine „klassischen“ Drehbücher, sondern wir operieren immer an der hybriden Grenze zwischen dokumentarisch und fiktional, inszeniert und nicht inszeniert. Dieses Buch ist ein hervorragendes Beispiel dafür, dass es nicht nur darum geht, etwas Historisches nachzuerzählen, sondern zu fragen: was kann ich eigentlich darüber erzählen. Wer hat welche Erzählung darüber in die Welt gebracht und welche ist vielleicht komplett unsichtbar? Das ist vom Inhalt aus in die Form hinein gedacht.

Ist „Die Experten“ für Sie ein dezidiert politischer Roman?

Während des Schreibens hat mich die politische Aktualität meines Tuns und Nachdenkens selber überrascht. Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass das Dringlichkeit bekommt. Ich fand das ermutigend, weil ich mich gar nicht mehr mit etwas zu beschäftigen schien, das lange vorbei ist. Und ich dachte, oh wow, das wird ja jeden Tag aktueller, es gibt so viele Anknüpfungspunkte an Dinge, die mich heute beschäftigen, an Fragen, die mich heute beunruhigen. Mein Denken wurde immer politischer. Es gibt ja politisches Handeln im Schreiben, das ist etwas, das mich immer begleitet. Dann gibt es die Frage nach dem Thema des Buches. Da begleitete es mich im Sinne von: wer macht Machtpolitik und wie wird gesprochen in der Politik? Aber auch im Sinne von: wie entsteht ein politisches Subjekt? Es hat mich sehr beschäftigt die Frage nach der Vorgeschichte der 68er:innen, speziell der Frauen. Wie hat sich jemand politisiert, wie haben die Frauen und Mädchen sich politisiert, die Ende der 50er, Mitte der 60er Jahre erwachsen wurden? Ich habe schon früh gemerkt, dass diese Geschichte weltpolitisch spannend ist, ich aber keine Lust habe, mich mit den Ingenieuren selber als Zentrum meiner eigenen Identifikation zu beschäftigen. Sondern, dass ich lieber aus der nächsten Generation und aus feministischer Perspektive draufgucken würde.

Sie würden sich als feministische Autorin bezeichnen?

Ja, ich glaube schon, ich hoffe. Mich hat die feministische Perspektive auf so ein klassisch männliches Genre wie den Thriller, die Kriminalliteratur immer interessiert, es haben ja immer auch viele Frauen darin geschrieben, aber die hatten es nicht leicht. Das Genre interessiert mich als Realismus-Genre, das möchte ich betonen. Ich fantasiere nicht in die Gewalt hinein, sondern versuche, strukturelle Mechanismen von Gewalt und Unterdrückung aufzudecken. Das tue ich aus verschiedenen Perspektiven. Und die feministische Perspektive ist mit Sicherheit eine der wichtigsten Achsen für mich, in denen ich auf die Welt blicke. Das bedeutet nicht, dass meine Protagonistinnen immer Feministinnen sind, das wäre ja zu einfach gedacht. Aber ich glaube, dass mich der Feminismus und die Frauenbewegung sehr geprägt haben als Mädchen. Ich habe auch immer geglaubt, das sei eine lineare Entwicklung, es gehe immer weiter vorwärts. Und musste irgendwann feststellen, dass es nicht unbedingt so ist. Aber es gibt auch andere Perspektiven, die mich beschäftigen, zum Beispiel die nicht-westliche, nicht-weiße.

Zur Person:

Merle Kröger , geboren 1967 in Plön, ist Roman- und Drehbuchautorin, Dokumentarfilmmacherin und Produzentin. 2003 erschien ihr erster Kriminalroman „Cut!“, ihr fünfter „Die Experten“ ist soeben erschienen.
Für „Grenzfall“ (2012) , das im deutsch-polnischen Grenzgebiet spielt und einen realen alten Fall verhandelt, erhielt Kröger den Deutschen Krimipreis. „Havarie“ (2015) erzählt von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer und wurde ebenfalls ausgezeichnet.
Merle Kröger: Die Experten. Thriller. Suhrkamp, Berlin 2021. 688 Seiten, 20 Euro.

Sie sprachen vorhin von Dingen, die Sie heute beunruhigen. Was wäre das?

Mich beunruhigt etwa die Frage, wie weltpolitisch operiert wird, welche Kräfte mit welchen Methoden sich politisch durchsetzen. Mich beschäftigt die politische Ethik. Das klingt sehr moralisch, aber das kann man ja runterbrechen auf alltägliche, persönliche Verhaltensweisen. Den Begriff Internationalismus zum Beispiel fand ich unheimlich wichtig und utopisch. Dann kam mit der Globalisierung eine Umdeutung dieses Begriffes. Da würde ich gern nochmal zurückgehen und fragen, was damals mit Internationalismus eigentlich gemeint war und dann passiert ist. Ich finde einerseits toll, wie Bewegungen wie MeToo und Black Lives Matter Dinge in ein breites Bewusstsein rücken, andererseits habe ich das Gefühl, es gibt verschiedene Welten, in denen komplett unterschiedlich operiert und agiert wird. Es gibt die akademische Welt, die politisch sehr genau und bewusst ist, dann gibt es eine andere Welt, die irgendwo anders stattfindet, die stark auf autoritäre und binäre Strukturen setzt. Ich möchte mit diesem Buch nicht eine neue Wahrheit hinzufügen, sondern verschiedene Lesarten von Wirklichkeit anbieten. Ich möchte einen Raum schaffen, in dem man darüber nachdenkt, was man da eigentlich gerade liest.

Zurück zum Genre. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie das reizt?

Ich habe ja mit Dokumentarfilmen angefangen. Es kam dann dieser Moment, in dem ich merkte, dass Dinge, die ich beobachte, sich darin gar nicht abbilden lassen. Wo der Möglichkeitsraum viel größer ist, wenn ich Fiktives hineindenke, wenn ich Dinge zusammendenke. Und warum Krimi? Das war für mich nie die Frage, denn es war das Genre, in dem ich mich als Leserin von Jugend an am meisten beschäftigt hat. Aber fragen Sie mich nicht, warum. Vielleicht, weil das Angebot am interessantesten war, die ganze Welt verfügbar war.

Hatten Sie das Gefühl, sich auf einer Party als Krimileserin zu outen sei schwierig?

Nein, nie. Mir war damals gar nicht bewusst, dass es solche Unterteilungen gibt. Das passierte erst viel später, als ich studierte. Da habe ich gemerkt, dass es Begriffe gibt, wo sich alle ein bisschen schaudernd abwenden. Ich habe keinerlei Berührungsängste gehabt. Mir hat es auch eher Spaß gemacht zu sagen: na klar guck ich Serie.

Irgendwann ist das Genre explodiert, man fragt sich, warum der Krimi so beliebt geworden ist.

Es gibt viele Antworten darauf, die aber alle ein bisschen zu kurz greifen. Man kann sagen, wegen dem klaren Plot. Oder weil es die heile Welt gibt, die in Unordnung gerät, dann räumt jemand auf und alles ist wieder gut. Es kann sein, dass es uns zu gut geht und wir deswegen Sehnsucht nach Unruhe haben. Dass wir spüren, dass um uns herum eine Atmosphäre von Gewalt herrscht, die wir aber nicht zu fassen kriegen, deswegen verlagern wir das. Alle diese Erklärungen haben wahrscheinlich etwas Richtiges, aber keine erklärt für mich den Erfolg des Genres. Wobei ich sagen muss: dieses Genre ist eigentlich gar keines. Es gibt gute und schlechte, einfache und komplizierte Romane und in der Spannungsliteratur ist es genauso. Ich würde die Linien woanders sehen: wie lege ich einen Plot an, wie offen ist der Raum, den ich schaffe, mache ich den Sack am Ende immer wieder zu, arbeite ich immer nach demselben Muster.

Man könnte das, in dem immer nach demselben Muster gearbeitet wird, Gebrauchsliteratur nennen.

Ich frage mich, was aus den anderen Gebrauchsgenres geworden ist, dem Liebesroman, Abenteuerroman. Das sieht man weniger, oder es sieht anders aus als früher.

Denken Sie, dass eine Diskussion überfällig ist über die in Krimis beschriebene Gewalt an Frauen?

Ja, auf jeden Fall. Aber ich finde, das ändert sich auch, je mehr Frauen in die Film- und Textproduktion einsteigen. Sehr viele Bücher und Filme operieren noch damit, es wird unheimlich viel Geld damit gemacht, aber ich lehne ab, das zu lesen. Ich mach das Buch sofort zu, wenn ich merke, dass Opferbilder reproduziert werden, die komplett aus einer anderen Zeit und aus einer anderen politischen Haltung stammen. Ich werde immer empfindlicher. Aber ich glaube, das wird sich ändern, je lauter wir werden, je stärker wir gemeinsam auftreten. Dewegen haben wir ja auch „Herland“ gegründet, wir haben gemerkt, dass man auf Podien als Autorin immer noch oft alleine und auch vorgeführt ist. Und wie schön es ist, wenn zum Beispiel acht Frauen eine Lesung machen. Das Gefühl ist großartig, sagen zu können: hier sind wir!

Interview: Sylvia Staude

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