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Autorin mit Spieltrieb: Joyce Carol Oates.

Joyce Carol Oates

Autorin Joyce Carol Oates liebt es, ihre Leser erschaudern zu lassen

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„Sieben Reisen in den Abgrund“ - eine Sammlung von Alptraum-Geschichten von Joyce Carol Oates.

Im großen Werk der Joyce Carol Oates – und groß ist in einem doppelten Sinn gemeint – gibt es bereits den veritablen Horrorroman inklusive Vampir und schaurigem Sumpf („Die Verfluchten“) wie auch eine grausige Jekyll-und-Hyde-Geschichte mit dem Titel „Pik-Bube“. Letztere erlaubt sich manche Schundroman-Anspielung und -Ironie, denn die Hauptfigur schreibt unter dem Pseudonym Pik-Bube vulgäre, frauenfeindliche Groschenhefte. Oates hat keine Berührungsängste, jedes literarische Genre weckt früher oder später ihren Spieltrieb. Und besonders liebt sie es, ihre Leser erschaudern und erzittern zu lassen.

Bereits 2011 erschien in den USA eine Geschichtensammlung (mit zwischen 1996 und 2011 entstandenen Stories), die „Nightmares“, Alpträume ankündigt: Sagen Sie also beim Bücherkauf nicht, Sie seien nicht gewarnt worden. Der Droemer-Verlag hat sich jetzt für den Titel „Sieben Reisen in den Abgrund“ entschieden.

Die Sammlung eröffnet in fast schon Romanlänge mit „Die Maisjungfer“, hinterlistiger Untertitel „Eine Liebesgeschichte“: Drei Teenager entführen ein jüngeres Kind, die elfjährige Marissa Bantry, die lange, seidige, maisgelbe Haare hat, um sie nach einem angeblich indianischen Mythos zu opfern. Jude, Anführerin der drei, mager und „wachsamer Nagetierblick“, ist raffiniert genug, den Verdacht auch gleich auf einen Lehrer zu lenken, Mikal Zallman, von dem sie sich missachtet fühlt. Zallman kommt von einer Wanderung zu seinem Auto zurück, da erwartet ihn schon die Polizei.

Das Kind verschwindet - ein Alptraum für die Mutter

Ein Alptraum aber ist das Verschwinden des Kindes zuallererst für die alleinerziehende Mutter, die zudem klug genug ist zu begreifen, wie man in den Medien über sie berichten wird („Verzweifelte Alleinerziehende. Bescheidene Wohnung.“) Sie ist etwas später heimgekommen an diesem Abend, hat einen Zwischenstopp gemacht, sie weiß, dass die sogenannte Öffentlichkeit ihr das nicht nachsehen wird. Außerdem ihr die Schuld geben wird an Marissas Lernschwäche. Und womöglich auch am Verschwinden des Vaters. Sie weiß ja nicht einmal, wo und ob er noch lebt.

Zwei Mal bedient sich Joyce Carol Oates des Zwillingsmotivs. In „Fossile Figuren“ macht sich der gutaussehende, sportliche Edgar – im Mutterleib ein „Dämonenbruder“, dann „eine Führernatur“ – erfolgreich auf in die Welt, während der kränkliche Edward als Einsiedler im Elternhaus seltsame Kunstwerke schafft. In „Totenmahl“ taucht plötzlich der skrupellose Alastor wieder im Leben seines Zwillingsbruders Lyle auf, dieser versucht, ihn mit Hilfe von Amanita phalloides, eines Knollenblätter-Pilzgerichts loszuwerden. Oates lässt offen, warum das, während Lyle schlechten Gewissens wartet, so gar nicht funktioniert.

Joyce Carol Oates unterläuft Erwartungen

Oft entsteht das Grausen in diesen Geschichten aus bloßer Andeutung. Oft verweigert Oates die finale Auflösung, lässt die Fäden, an denen sie die Leserin und ihre Angst-Fantasien führt, ganz plötzlich los. Ein Baby stirbt, weil die Katze es erstickt. Aber die neunjährige Schwester hatte die Katze im Blick. Kam sie tatsächlich nur zu spät? Und was hat das mit Rumpelstilzchen zu tun, so dass die Story den Titel trägt „Niemand weiß, wie ich heiß“?

Eine noch recht junge Witwe fühlt sich hingezogen zu dem rauen Ex-Soldaten von der Veteranenhilfe, der sie vielleicht am Ende vergewaltigt, vielleicht auch nicht („Helfende Hände“). Ein Schönheitschirurg gerät mit einer Leiche im Kofferraum in eine Polizeikontrolle („Loch im Kopf“). Marissas Mutter und ihr Lehrer lernen sich kennen – „eine Liebesgeschichte“ also doch noch?

Was jeweils dann passiert? Joyce Carol Oates unterläuft Erwartungen, unterläuft auch jeden Versuch, ihre Figuren festzulegen, in Schubladen zu stopfen. So spuken sie dann im Kopf der Leserin aufs Beunruhigendste weiter.

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