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Sherko Fatah bei seiner Antrittsrede im buntig beleuchteten Festzelt.
Sherko Fatah bei seiner Antrittsrede im buntig beleuchteten Festzelt. © Peter Jülich

Sherko Fatah wird ins Bergener Stadtschreiberamt eingeführt - eine traditionelle Veranstaltung, in diesem Jahr mit ungewöhnlich deutlichem tagespolitischen Bezug.

Von Andrea Pollmeier

Der Auftakt zum Stadtschreiberjahr 2016 im Frankfurter Stadtteil Bergen-Enkheim rückte in diesem Jahr ungewöhnlich nah an tagespolitische Fragen heran. Der neue Preisträger Sherko Fatah hat nicht nur die aktuelle Krisenregion Irak in seinen Büchern literarisch bearbeitet, sondern in seiner Antrittsrede zudem offen zur Frage nach einem Burka-Verbot im öffentlichen Raum Stellung bezogen. „Ja, ich bin für ein Verbot“, sagte er. Wer an den Ressourcen einer modernen Gesellschaft teilhaben wolle, müsse an ihr auch teilnehmen.

Dass man als Schriftsteller zu aktuellen politischen Themen befragt werde, habe er allerdings nicht erwartet, so Fatah. Als Jugendlicher habe er sich den Autor vielmehr als jemanden vorgestellt, der im Mozarthemd am Fenster sitze und etwas sehe, was noch nicht ist. Am Morgen des Stadtschreiberfestes sei er jedoch im Interview um seine Meinung gebeten worden und habe entsprechend geantwortet. Im Volksfestzelt in Bergen erntete er dafür viel Applaus.

Zuvor hatte bereits Festredner Valentin Groebner den Zeitgeist kritisch in den Blick gerückt. Der in Wien geborene und heute in Luzern lehrende Historiker entlarvte virtuos den Begriff „Identität“ als manipulativ genutztes Zauberwort der Gegenwart. Mit scheinbar harmlosen Fragen und Rückblicken machte er deutlich, wie die Idee der nationalen Identität als Propagandawerkzeug wirkt.

Seine Rede begann er mit der Beschreibung einer Karikatur, die während seiner Marburger Studienzeit in der Frankfurter Rundschau abgebildet war. Ein Personalchef mit gepflegter Glatze und Anzug sprach darin zu einem Bewerber, der mit gepflegter Glatze und Anzug vor ihm steht: „Bitte verstehen sie mich nicht falsch, aber wenn wir schon einen Ausländer einstellen, dann soll er wenigstens wie einer aussehen“.

Wie sieht man aus, wenn man wie ein Ausländer aussieht?

„Wie aber“, fragte Groebner, „schaut man aus, wenn man wie ein Ausländer ausschaut?“ Und wie komme es überhaupt zu solchen Identitätsbegriffen? Sie geisterten durch die Medienwelt und prägten, so der Wissenschaftler, die Cover großer Magazine. „Deutschland remixed“ hieß es beispielsweise in der Titelgeschichte von „Geo“ im September 2015. Gezeigt wurde ein Mädchen mit Sommersprossen, grünen Augen und dunklem Haar. Die nationale Identität lasse sich nicht vom Pass ablesen, sie werde, so der „Geo“-Beitrag, inzwischen selbst definiert.

„Seit wann glauben die Deutschen eigentlich, dass sie als Deutsche ursprünglich blaue Augen, blonde Haare und eine helle Haut hatten?“, fragte der Historiker. Studien aus früherer Zeit zeigten, dass vor 130 Jahren nur ein kleiner Teil der Schüler diesem Bild entsprochen habe. Wie stark die Vorstellungen von nationalen Identitäten interessengelenkte Konstrukte sind, zeige, so Groebner, auch das Beispiel China. „Erst Ende des 18. Jahrhunderts wurde der Chinese gelb.“ Erzeugt wurde die Vorstellung von einem Göttinger Professor, der die Stadt niemals verlassen habe.

Nationale Identitäten werden auch gern mit Markenbezeichnungen verbunden. Exportschlager, so der Luzerner Dozent, sei das Schweizer Offiziersmesser. Als echtes Produkt der Schweiz ist die Markenbezeichnung streng geschützt. Die ersten Messer dieser Art wurden jedoch kurioserweise in Deutschland hergestellt. Auch der österreichische Renner „Mozartkugel“, der in diversen Varianten als „echt“ oder „original“ im Land vermarktet wird, entsteht „echt“ auch in Bad Reichenhall.

Ruth Schweikert, die scheidende Stadtschreiberin, wehrte sich in ihrer Abschiedsrede ebenfalls gegen die Anwendung irreführender Begriffe. Sie schlug vor, in Diskussionen nicht von „Migrationshintergrund“, sondern offen von „Migrationsvordergrund“ zu sprechen.

Mit Verweis auf Hannah Arendts Lessingpreisrede von 1959 warnte sie davor, sich auf das Allgemeinmenschliche in einer Gesellschaft zu stützen. Die Erfahrung der Diktatur mache das Modell eines öffentlichen Sprachraums wünschenswert, in den möglichst viele hinein sprechen und in dem jede einzelne Stimme gehört werde.

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