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Autor Maxim Leo: „Die DDR ist heute ein Museumsstaat“

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Von: Cornelia Geißler

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Maxim Leo.
Maxim Leo. © svengoerlich.com Sven Görlich

Maxim Leo über das Erinnern und seinen Roman „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“.

Maxim Leo, die Erzählungen über die DDR sind ein Thema des Romans. Gerade wurde wieder kritisiert, dass die Ostdeutschen unterrepräsentiert sind in der neuen Regierung. Wie sehen Sie das?

Das ist schwierig, es beginnt mit der Definitionsfrage: Ist ein Ostdeutscher, wer auf dem Gebiet der ehemaligen DDR geboren wurde? Gilt da also eine Art Blutsrecht? Oder können auch Zugezogene irgendwann Ostdeutsche werden? Generell verstehe ich aber, dass man sich als Ostdeutscher nicht repräsentiert fühlt, wenn man vor einen Richter tritt oder wenn in der Politik Entscheidungen fallen. Am Anfang des Buches stand für mich das Unbehagen, dass ich oft das Land nicht erkannte, über das an den Feiertagen gesprochen wurde. Die DDR ist zu einem Museumsstaat geworden, wo karikaturhaft wahnsinnig fiese Stasi-Leute gelebt haben und wahnsinnig gutherzige, mutige Bürgerrechtler. Die ganz normalen Leute, die weder besonders mutig noch besonders fies waren, kamen da gar nicht vor.

Wie alt waren Sie zum Mauerfall?

19. Ich habe ja ein Buch über meine Familie geschrieben, „Haltet euer Herz bereit“, und wurde damit zum Beispiel nach Helsinki eingeladen, wie ein Zeitzeuge. Befragt wurde ich, als sollte ich über Eingeborene eines unbekannten Eilands reden: Man wollte von mir wissen, ob in der DDR gehungert wurde! Aber manchmal muss ich daran denken, wie ich selber eine Legende in Umlauf gebracht habe.

Welche?

Als ich bei meiner ersten Party in West-Berlin war, in Charlottenburg, hatte ich einen blauen Daumen, weil ich beim Regalaufbauen mit dem Hammer verrutscht bin. Einem Westler aus Düsseldorf habe ich erzählt: Wenn man bei uns im Staatsbürgerkundeunterricht die Hausaufgaben vergessen hat, bekam man erst eine Mahnung, aber beim zweiten Mal gab es einen Schlag mit dem Hämmerchen. Der Daumen ist nun leider verloren, aber die DDR zum Glück auch am Ende. Ich wollte das später auflösen, doch ich habe ihn nicht mehr gefunden. Inzwischen hat er vielleicht seinen Kindern davon erzählt.

Oder er hat sich irgendwann gedacht, dass er auf einen Hochstapler getroffen ist.

Das war ich auch. Noch zu Mauer-Zeiten bin ich mit einer alten FAZ unterm Arm und einem Stadtplan in der Hand durch Ost-Berlin spaziert und habe West-Tourist gespielt. Ich hoffte auf bessere Chancen bei den Ost-Mädels und ich wusste ja, wie wir uns die Westler vorstellen. Leider musste ich mich vor Mitternacht immer verabschieden. Also: Das Spiel mit den Identitäten hat mich schon immer fasziniert. Aber ich wollte auch wissen, wie dieses Schwarz-Weiß-Bild von der DDR entstanden ist.

Vielleicht, weil in den 1990er-Jahren die Bevölkerung sofort eingeteilt wurde in Täter – oder sagen wir: Funktionsträger – und Opfer?

Dabei wurde die große Mehrheit nicht erfasst, weil sie weder das eine noch das andere waren. Sicher ist es für jemanden, der nicht in der Diktatur gelebt hat, sehr schwierig, sich vorzustellen, wie normal der Alltag auch sein konnte.

Zur Person:

Maxim Leo , geboren 1970 in Ost-Berlin, ist Journalist und Schriftsteller. Er studierte Politikwissenschaften in Berlin und Paris. 2006 erhielt er den Theodor-Wolff-Preis.

Für sein autobiografisches Buch „Haltet euer Herz bereit: Eine ostdeutsche Familiengeschichte“ erhielt er 2011 den Europäischen Buchpreis. 2019 schrieb Leo ein weiteres autobiografisches Buch, „Wo wir zu Hause sind“, in dem er die Geschichte seiner vertriebenen jüdischen Familie erzählt.

In seinem jüngsten Roman „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ erzählt Maxim Leo von einem (fiktiven) Mann, der die Weichen so stellte, dass am 12. Juli 1983 eine S-Bahn aus Ost-Berlin in West-Berlin landete.
Maxim Leo: Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022. 304 S., 22 Euro.

Ihr Roman handelt von Helden verschiedener Sorten. Die „verdienten Bürgerrechtler“ haben dabei eine ziemlich traurige Rolle. Harald Wischnewsky nennt Nieselregen „Revolutionswetter“, und die Lehrerin, die ihn eingeladen hat, möchte ihn wegen seiner historischen Bedeutung einmal anfassen. Hatten Sie keine Skrupel, die Revolutionäre von 1989 so darzustellen?

Die taten mir natürlich auch leid. Es gibt aber so einen Bürgerrechtler-Schlag, der auch davon lebt, dass ein bestimmtes DDR-Bild vermittelt wird, für das sie als ewige Zeitzeugen herhalten. Aber sie wollten natürlich nie zu solchen Zootieren werden, an die man sich nur noch bei Jubiläen erinnert. Mein Wischnewsky hadert mit seiner Rolle, er begreift, dass er verpasst hat, rechtzeitig was anderes zu machen.

Damit kommen wir zur historischen Wahrheit: Ist wirklich mal ein S-Bahn-Zug am Bahnhof Friedrichstraße in den Westen gerollt, der dort nicht sein durfte?

Nein. Aber ich wollte, dass es gut erfunden ist und habe mich mit dem Stasi-Verantwortlichen getroffen, der dort zuletzt das Sicherheits-Regime geführt hat. Der hat mir das ausgeklügelte System erklärt. Er war ein bisschen stolz darauf, dass so eine Flucht im Grunde ausgeschlossen war. Also habe ich mir anhand der Original-Gleispläne überlegt, wie es möglich gewesen wäre. Die größte Zeit meiner Recherche habe ich darauf verwandt.

Erfolgreich! Als ich zu lesen anfing, fragte ich mich, ob ich das bloß vergessen habe, und danach gegoogelt.

Meine Lektorin wunderte sich, dass die S-Bahn nirgends bei Wikipedia auftaucht.

Haben Sie dem Stasi-Mann diesen Abschnitt des Romans gezeigt? Wie beurteilte er den Fluchtplan?

„Für Ihre Zwecke reicht’s“, hat er großzügig gesagt.

Wenn man sich die beiden Hauptfiguren anschaut, kommt derjenige, der Ihnen theoretisch näher stehen müsste, schlechter weg, der Journalist. Warum?

Es war eher ein Kollateralschaden. Meine Sympathie lag bei dem erfolglosen Videothek-Besitzer, der auf einmal berühmt wird. Man will bei Geschichten von Hochstaplern als Leser oder Zuschauer doch oft, dass der durchkommt. Aber auch der Reporter hatte nicht vor, die Wirklichkeit zu verändern. Er hatte den Fall in den Akten gefunden und wird dann ein bisschen fortgetragen von seiner eigenen Vorstellung des Ganzen. Das ist eine Erinnerung an meinen früheren Beruf: Dass viele Journalisten die Geschichten schon im Kopf fertig haben, bevor sie irgendwohin fahren.

Interview: Cornelia Geißler

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