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Der Journalist Afnan Khan musste nach Todesdrohungen Pakistan verlassen und spricht am Buchmessestand von Amnesty International über seine Flucht.
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Der Journalist Afnan Khan musste nach Todesdrohungen Pakistan verlassen und spricht am Buchmessestand von Amnesty International über seine Flucht.

Buchmesse Frankfurt

Vom Autor zum Flüchtling

  • Marie-Sophie Adeoso
    VonMarie-Sophie Adeoso
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Das Thema Flucht und Asyl ist auch auf der Frankfurter Buchmesse präsent. Digital Publishing bietet Flüchtlingen die große Chance, über ihre Flucht und das Leben im Gastland zu berichten.

Die Flüchtlinge und ihr Smartphone. Wer immer noch nicht verstanden hat, warum die internetfähigen Mobiltelefone für Asylsuchende kein Luxus, sondern existenzielles Fluchtwerkzeug sind, mit dem Routen navigiert und Verbindung zu Schleusern oder vermisster Verwandtschaft gehalten wird, dem liefert die Buchmesse nun noch ein weiteres Argument, um die Notwendigkeit eines Smartphones für Flüchtlinge zu begreifen: Sie überwinden Grenzen, noch ehe ihr Besitzer es tut – und schaffen so buchstäblich Literatur.

Zum Beispiel jene des jungen Syrers Faiz, der auf seiner Flucht vor dem Islamischen Staat mit der Berliner Journalistin Julia Tieke chattet, die er in Istanbul traf, und sie fortan über seine Flucht auf dem Laufenden hielt, ihr Fotos schickte aus den Wäldern Mazedoniens oder von einer dörflichen Handy-Ladestation. Nach seiner Ankunft in Deutschland wird der Chat zum digitalen Buch: „Mein Akku ist gleich leer“ heißt das – natürlich Smartphone-kompatible – E-Book, das bei Mikrotext erschienen ist.

„So nah an der Flüchtlingsthematik war ich noch nie“, sagt Verlegerin Nikola Richter, die am Freitagmorgen auf der Buchmesse über die Chancen digitalen Publizierens für Geflüchtete spricht. Faiz‘ Buch ist nur eines von vielen, das die Berlinerin verlegt hat, die im Gespräch mit anderen Digitalverlegerinnen betont: „Ich arbeite nicht mit Flüchtlingen, sondern mit Autoren. Das politische Weltgeschehen hat sie zu Flüchtlingen gemacht, ohne dass sie es wollten.“ Autoren, wie Assaf Alassaf oder Aboud Saeed, die ihre Texte zunächst bei Facebook veröffentlichten. Denn, so erläutert Richter: „Wo soll denn ein syrischer Autor seine Literatur verlegen mitten im Krieg?“ Digital Publishing sei diesbezüglich eine große Chance, sagt auch Verlegerin Christiane Frohmann. In der aktuellen Situation biete es die Möglichkeit, schnell zu reagieren – und Flüchtlingen eine Stimme zu geben, statt nur über sie zu sprechen und zu schreiben.

Das tun während der Messe auch viele andere, etwa beim Weltempfang in Halle 3.1., dessen Programm zu Politik, Literatur und Übersetzung in diesem Jahr dem Motto „Grenzverläufe“ folgt. Am Freitagvormittag sprechen hier drei Autoren, die ihre Heimat verlassen mussten und über Programme für bedrohte Schriftsteller Zuflucht fanden in Paris, Malmö und München, über „das Rätsel der Ankunft“. „Es ist noch immer neu und ungewohnt für mich, in der Rolle der Migrantin zu sein“, sagt etwa die Autorin und Frauenrechtsaktivistin Parvin Ardalan aus dem Iran. Man werde als Flüchtling schnell in eine Schublade gesteckt. Die vielfältigen Fähigkeiten, Talente und Erfahrungen der Geflüchteten würden oft nicht gesehen, sagt Ardalan, die sich nach nunmehr fünf Jahren in Schweden aber sehr willkommen fühlt und ihr Angekommensein auch daran festmacht, dass es nun an der Zeit sei, hiesige Missstände zu thematisieren.

Auch der syrische Journalist Yamen Hussein, der über den PEN-Club Zuflucht in München fand, und der in Paris lebende afghanische Filmemacher und Autor Abdul Hakim Hashemi Hamidi, die erst seit wenigen Monaten in Europa sind, müssen sich noch daran gewöhnen, dass ihnen plötzlich das Label Flüchtling anhaftet. „Ich wünsche mir weniger Mitleid und mehr Solidarität“, sagt Hussein. Die Flüchtlinge, die nun kämen, müssten ihre kulturelle Identität nicht aufgeben, um in der deutschen Gesellschaft anzukommen, sondern könnten sie gerade mit ihrer Kultur bereichern, findet der syrische Journalist, der sich auch einen differenzierteren Blick auf seine Heimat wünscht, die nicht nur vom Islamischen Staat, sondern eben vor allem vom Assad-Regime ins Verderben gestürzt worden sei. Seine eigenen Möglichkeiten, über den Syrien-Konflikt zu schreiben, seien aus dem Exil heraus eingeschränkt, sagt der politische Journalist und Dichter. „Ich bin weit weg und als Journalist müsste ich doch eigentlich im Herzen des Geschehens sein.“

Seine journalistische Arbeit ganz aufgegeben hat Afnan Khan, der im Bus der Menschenrechtsorganisation Amnesty International auf der Agora von seiner Flucht aus Pakistan erzählt. Der 34-Jährige lebt seit Ende 2011 in Frankfurt, nachdem sein Verleger, der Politiker Salman Taseer, ermordet worden war. Khan hatte für dessen Zeitung „Daily Times“, wie auch für den britischen „Guardian“ und „All India Radio“ über Minderheitenrechte, gegen Blasphemie-Gesetze und Terrorismus geschrieben und sich außerdem in der Journalistengewerkschaft engagiert. Als er nun darüber schrieb, dass der pakistanische Geheimdienst seinen Verleger mitgenommen hatte, war er selbst massiven Drohungen ausgesetzt und musste das Land verlassen.

„Ein Reporter zu sein, über Missstände zu schreiben, war sehr wichtig für mich“, erzählt Khan, der heute in der Gastronomie arbeitet. „Ich bin überzeugt, dass es das ist, was mein Land braucht: Meinungsfreiheit und das Recht, sich informieren zu können.“ Doch der Preis für seine Arbeit sei zu hoch, sagt Khan am Rande der Buchmesse traurig: Würde er weiter als Journalist publizieren, wäre das Leben von Freunden und Verwandten in Pakistan in Gefahr. „Das ist der größte Kompromiss meines Lebens“, sagt der Vater zweier Kinder. „Ginge es nur um mein Leben, wäre ich diesen Kompromiss wohl nicht eingegangen“, sagt der Mann, der einst als Journalist über Missstände berichtete – und nun darüber spricht, was es heißt, ein Flüchtling zu sein.

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