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Autor Christoffer Carlsson: „Verbrechen ist hart und schmutzig und es tut weh“

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Von: Sylvia Staude

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„Gute Kriminalgeschichten können uns wie alle gute Literatur etwas darüber sagen, wer wir sind“, sagt Christoffer Carlsson. Foto: Emelie Asplund
„Gute Kriminalgeschichten können uns wie alle gute Literatur etwas darüber sagen, wer wir sind“, sagt Christoffer Carlsson. Foto: Emelie Asplund © Emelie Asplund

Der schwedische Schriftsteller Christoffer Carlsson über seine Romane, seine kriminologische Forschung und warum er der Politik keine Ratschläge gibt.

Herr Carlsson, Sie sind Schriftsteller und gleichzeitig mit Forschungsarbeiten hervortretender Kriminologe. Wie verbinden sich Ihre wissenschaftliche Arbeit und Ihr Schreiben – beziehungsweise tun sie das?

Ja, das tun sie. Wenn Sie über Verbrechen schreiben und über Verbrechen forschen, beeinflusst sich das unweigerlich gegenseitig. Aber die wichtigste Verbindung zwischen beiden ist ziemlich grundsätzlich. Wenn Sie Kriminologie studieren, sich damit beschäftigen, stellen Sie fest, dass die Umstände, die zu Verbrechen führen, sehr menschlich sind. Verbrechen sind rar, aber wenn sie passieren, dann hat das zu tun mit Liebe, Verrat, Gier, Leidenschaft, Loyalität, Sucht – lauter sehr menschliche Dinge. Kriminologie gibt Ihnen auch ein Gefühl dafür, was Verbrechen ist, dass es nicht diese romantisierte, blutspritzende Tat ist – Verbrechen ist hart und schmutzig und es tut weh, es verletzt Menschen, es verletzt viele Menschen.

Damit beschäftigen sich die meisten Autorinnen und Autoren in der Tat nicht vorrangig.

Sie bekommen als Forschender auch ein Gefühl für die Phänomenologie des Verbrechens und wie es erfahren wird, vom Täter, vom Opfer oder auch den nahen Verwandten. Die meisten großen Kriminalromane handeln in der Hauptsache von etwas anderem als Verbrechen. Die Kriminologie zeigt das gut auf. Aber Literatur wirkt auch zurück auf die Kriminologie. Denn was wir als Kriminologen machen, ist, Geschichten über Verbrechen zu erzählen. Diese basieren auf wissenschaftlichen Daten, aber im Grunde versuchen wir, eine Geschichte zu erzählen. Was alle großen Kriminologen in der Vergangenheit gemeinsam hatten: sie waren wirklich gute Autoren. Haben eine klare Prosa geschrieben, waren präzise, haben sich für das Schreiben interessiert.

Was hat Sie veranlasst, den Schritt zum literarischen Schreiben zu machen?

Ich habe mit dem Schreiben angefangen, lang ehe ich überhaupt wusste, was Kriminologie ist. Ich habe schon als Kind Kurzgeschichten geschrieben. Ich habe zwar erst mit 23 etwas veröffentlicht, aber an Kurzgeschichten und Romanen gearbeitet, seit ich neun oder zehn war. Für Kriminologie habe ich mich entschieden, weil ich nach dem Abitur etwas studieren wollte. Ich wollte nicht arbeiten – arbeiten war etwas, das die Erwachsenen machten. Und Kriminologie interessierte mich.

Das Genre True Crime reizt Sie aber nicht?

Ich bin angesprochen worden, ob ich das machen möchte. Doch es interessiert mich einfach nicht. Es ist zu nahe am kriminologischen Aspekt meiner Arbeit.

Sie schreiben eher Gesellschaftsromane, der jüngste, „Was ans Licht kommt“, ist eigentlich ein Roman über eine Vater-Sohn-Beziehung, finde ich.

Man merkt, dass man gar nichts über Joker weiß, das ist es, was so erschreckend ist.

Christoffer Carlsson

Ja, ich habe nie gesagt, jetzt schreibe ich einen Serienmörder-Roman oder etwas mit viel Gewalt. Ich arbeite intuitiv, wenn ich beginne, weiß ich nie, wo ich landen werde. Ich dachte viel über Vater-Sohn-Beziehungen nach, als ich „Was ans Licht kommt“ schrieb. Verbrechen finde ich interessant, weil sie die Dinge auf den Kopf stellen. Sie müssen bestraft werden, sie sind die größten Tabus, die wir haben. Ich fange beim Schreiben nie mit einem Verbrechen an, aber früher oder später lande ich da, dass ich mich frage: was braucht dieser Roman? Braucht er einen Diebstahl, braucht er einen Mord?

Sie spekulieren in Ihren Romanen auffällig wenig über mögliche Motive der Täter. Dabei forschen Sie unter anderem über den Zusammenhang zwischen Lebensläufen, Lebenserfahrungen und Verbrechensneigung.

Ich habe mich hier dafür entschieden, das nicht zu tun. Der Erzähler des Buches macht sich gegen Ende Gedanken darüber, warum diese Person, dieser Täter so geworden ist, wie er geworden ist: vielleicht war es ein Trauma, vielleicht hat er Pornos geguckt – er versucht also, die Faktoren anzuwenden, von denen er glaubt, dass sie Gründe sein können. Aber sie funktionieren nicht. Die Frage ist, was passiert, wenn wir keinen Sinn in dem Geschehen finden können. Schauen Sie zum Beispiel auf den Joker in dem Film „The Dark Knight“, er ist nicht wegen seiner Taten so furchteinflößend, sondern weil wir nicht verstehen, was ihn zu diesen Taten treibt. Er sagt: Willst Du wissen, woher ich diese Narben habe? Und er erzählt eine Geschichte, woher er die Narben hat. Später wird er dasselbe gefragt. Und erzählt eine andere Geschichte. Man merkt, dass man gar nichts über ihn weiß, das ist es, was so erschreckend ist.

Zur Person

Christoffer Carlsson , geboren 1986, promovierte an der Universität Stockholm in Kriminologie und wurde 2012 mit dem internationalen Young Criminologist Award ausgezeichnet.

Für seinen Debütroman „Der Turm der toten Seelen“ (dt. bei Bertelsmann) erhielt er 2013 den Schwedischen Krimipreis – als bisher jüngster Preisträger.

„Was ans Licht kommt“ ist Christoffer Carlssons jüngster auf Deutsch erschienener Kriminalroman, übersetzt von Ulla Ackermann (Rowohlt, 492 S., 23 Euro).

Machen wir einen Fehler, wenn wir – Polizei, Medienschaffende – immer schnell nach dem Motiv eines Verbrechens fragen?

Wir versuchen immer, ein Motiv anzuwenden, zum Beispiel: Er hat das getan, weil er arm ist. Oder: er ist gewälttätig, weil er geisteskrank ist. Ich glaube aber, das sagt mehr darüber aus, wer wir sind, als über den Täter. Wir Menschen brauchen Bedeutung. Wenn wir uns die Welt ansehen, versuchen wir, Sinn darin zu erkennen. Und wenn wir ihn nicht finden können, versuchen wir, ihn zu erschaffen. Und wenn das nicht funktioniert, forcieren wir es. Ich glaube, wir müssen akzeptieren, dass der Sinn manchmal zu tief versteckt ist. Oder es gibt keinen, manchmal passieren Dinge einfach, die Welt ist voller Zufälle, Geheimnisse, Verwirrung, Komplexität. Auch die allerschrecklichsten Dinge passieren manchmal einfach, aus keinem Grund.

So ist es auch in diesem Roman?

Als ich die erste Version geschrieben habe, gab es ein Motiv. Aber dann hat die Person, der das Buch gewidmet ist, es gelesen und gesagt: das funktioniert nicht wirklich. Ich war ihrer Meinung. Und habe es dann anders gemacht. Aber sogar ich, der Autor, versuche, die Dinge zu erklären, die passieren, warum diese Morde passieren, was für eine Erklärung ich für sie habe. Genau wie der Erzähler des Buches versuche ich es und versuche es und versuche es ... Der Leser muss es auch ohne Motiv akzeptieren. Die Regeln der Kriminalliteratur sind zwar, dass da Scherben auf dem Boden liegen, dann fügt jemand die Einzelteile zusammen und wir erhalten das ganze Bild. Aber in „Was ans Licht kommt“ ist das nicht so, und das ist ja auch in der Wirklichkeit oft so.

Wie wichtig sind Ihnen die Genreregeln?

Sie sind sehr wichtig. Die Regeln sind Ihr Ticket. Sie wissen zwar, dass ich das erfunden habe, aber wenn Sie es lesen, müssen Sie glauben, dass das so wirklich ist wie die Welt um Sie herum. Und die Regeln lauten: Es gibt ein Verbrechen, es gibt jemanden, der es zu lösen versucht, am Ende wird es gelöst. Auf dem Weg zur Lösung wird es unerwartete Wendungen und Ereignisse geben. Und zuletzt werden die Puzzleteile zusammenpassen. Diese Regeln machen den Vertrag aus, den man mit dem Leser schließt. Allerdings kann man sie auch auf viele Arten brechen. Die Frage ist: wie bricht man sie, welche Regeln bricht man, funktioniert es in diesem speziellen Buch? Ich bin ein Kriminologe und ja, Regeln gibt es, damit sie gebrochen werden.

Sie haben sich mit dem Zusammenhang von Geschlecht und Verbrechen beschäftigt.

Was wir machen ist, Lebensläufe von 1953 in Stockholm geborenen Straftätern zu verfolgen, Wege in die Kriminalität. Wir fragen, wie viele Risikofaktoren diese Menschen haben, ob sie die gleichen Risikofaktoren haben, wie viele Straftaten sie begehen, ob sie unterschiedliche Straftaten begehen, ob es Geschlechtsunterschiede gibt, Ähnlichkeiten. Es gibt diese Kontroverse in der Kriminologie, ob man Straftaten mittels der gleichen Reihe von Faktoren erklären kann. Unsere Kohorte ist ziemlich alt, wir finden in Bezug auf Gender sowohl Ähnlichkeiten als auch Unterschiede. Natürlich begehen Frauen viel weniger Straftaten. Es gibt durch Frauen weniger Gewalt, mehr Drogenmissbrauch. Aber das Projekt läuft noch ein Jahr, wir arbeiten noch daran.

Ein Freund von mir sagte: Weißt du, in Mexiko am Flughafen gab es keine Kriminalromane, sie brauchen dort keine Kriminalromane. 

Christoffer Carlsson

Schließt Ihre Forschung auch Überlegungen zur Prävention ein?

Ich denke, mein Job als Forscher ist es, die Welt zu beschreiben, zu erklären, nicht zu verbessern. Dinge zu verbessern, das ist eine Aufgabe der Politik. Wenn ein Politiker oder eine Politikerin Sie nach Veränderungen fragt, dann möchte er oder sie einen Vorschlag, der politisch akzeptabel ist. Es gibt Dinge, die die Kriminalitätsrate erheblich senken würden, man kann in jungen Jahren einiges tun, um die Straffälligkeit zu senken, aber dies ist politisch nicht gewünscht. In Schweden haben wir zum Beispiel freie Schulwahl, private Schulen und Community-Schulen koexistieren. Aber auf die privaten Schulen gehen all die guten Schüler, die Community-Schulen unterrichten den Rest. Wenn Sie das Schulsystem verändern würden, würden Sie in 20, 25 Jahren in Bezug auf die Kriminalität eine große Verringerung sehen. Aber das ist keine Lösung, die die Politik derzeit akzeptabel findet. Als Forscher bin ich vorsichtig, eine politische Lösung vorzuschlagen. Man muss auch erwähnen, dass es eine Zeit gab, in der Politiker auf Wissenschaftler gehört haben. So gab es in den sechziger Jahren in der westlichen Welt viel Kritik an den psychiatrischen Anstalten. Das kam vor allem von Akademikern. Was passierte war, dass Politiker die Kliniken schlossen und einfach alle Insassen auf die Straße setzten. Das führte zu Unfällen, Gewalt, Suiziden, sogar Morden. Das ist ein extremes Beispiel, aber es bringt die Sache auf den Punkt, dass der Vorschlag eines Forschers nicht immer ein guter sein muss. Aber vielleicht kann er die Leute, die die Entscheidungen treffen, mit besserem Datenmaterial versorgen.

Die Kriminalliteratur boomt seit vielen Jahren, warum lesen die Menschen so gern über Verbrechen?

Das ist die 1000-Dollar-Frage (lacht). Kriminalgeschichten sind üblicherweise ziemlich aufregend, und wir mögen es, unterhalten zu werden. Und wenn sie gut gemacht sind, dann können sie uns wie alle gute Literatur etwas darüber sagen, wer wir sind. Sie können uns zu einem Verständnis unserer selbst oder der Welt verhelfen, das wir vorher nicht hatten. Aber ich denke auch, wir mögen es, aufgeregt und in Angst versetzt zu werden – aber zu unseren eigenen Bedingungen. Ein Freund von mir reiste nach Mexiko, kam zurück und sagte: Weißt du, in Mexiko am Flughafen gab es keine Kriminalromane, sie brauchen dort keine Kriminalromane. Schweden ist für die große Mehrheit immer noch ein sehr sicheres Land, und so liest man über schreckliche Dinge, aber aus der Entfernung. Aus einer Entfernung, die man selbst auswählt. Und wenn es einem zu viel Angst macht, kann man die Geschichte einfach verlassen.

Interview: Sylvia Staude

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