Frankfurter Lyriktage

Die Autobahn-Seite des Meeres

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Ein anregender Staffellauf und eine blaue Stunde beim langen Abend zum Abschluss der Frankfurter Lyriktage.

Auf dem Boden kniend schiebt Ursula Krechel Fotokopien ihrer Gedichte wie Puzzleteile hin und her. Sie will die Texte finden, die zusammen gehören. Zeile für Zeile wägt sie, wie alles zueinander passt. Die Lyriknacht im großen Saal der Evangelischen Akademie ist fast schon vorbei, als die Trägerin des Deutschen Buchpreises 2012 schildert, wie ihr letzter Gedichtband „Die da. Ausgewählte Gedichte“ (Jung und Jung, 2013) entstanden ist. Die Sammlung am Boden ist in vierzig Jahren gewachsen. Sie spiegelt nicht selten ins Bewusstsein gelenkte Traumbilder, die sprachlich verdichtet sind und mit rhythmischer Energie suggestive Kraft entfalten.

Wie stark Träume, aber auch Orte, Zeiten und Wünsche in Gedichte Eingang finden, zeigt auch die in Polen geborene und heute in der Schweiz lebende Dichterin Ilma Rakusa. 2016 ist im Droschl Verlag „Impressum: Langsames Licht“ erschienen, eine Gedichtsammlung reich an Patina der Vergangenheit. „Gedichte sind Geschichtsspeicher“, sagt Rakusa im Gespräch mit Michael Braun. Sie nutzt antike Textformen wie in dem Gedicht „Licht. Lumen“ die Litanei, um Ruhe und meditative Momente in Sprache zu verankern.

Gedichte können intime Kostbarkeit sein und es erscheint nicht selbstverständlich, solche Zeilen trotz der erfolgten distanzierenden Bearbeitung auf Podien einer Öffentlichkeit live vorzutragen. Doch gibt es auch eine Dichtkunst, die mit Effekten kokettiert und der Sprache ihre zum Teil hintergründig-akrobatische Seite entlockt. Das kann, wie Konstantin Ames („sTiL.e(zwi)Schenspiele“ , Edition Saarländisches Künstlerhaus 2016) im Gespräch mit Sabine Küchler erzählt, dazu führen, dass Leser die Wirkung von Gedichtzeilen erst im Vortrag entdecken.

Hinter Gedichtzeilen steckt oft methodische Feinarbeit und langwierige Recherche. Auf Nachfrage von Moderator Alf Mentzer dechiffriert Nico Bleutge das Container-Motiv, das in seinem neuen Buch „Nachts leuchten die Schiffe“ (C.H. Beck 2017) immer wieder erkennbar wird und die Autobahn-Seite des Meeres ins Bewusstsein rückt.

Rhetorisch geübt tritt Mara-Daria Cojocaru ans Mikrophon. Ihre starke, philosophisch geprägte Dichtung machen schnell vergessen, dass man den Namen der Schöffling-Autorin nicht im Programmheft genannt hatte. Cojocaru lehrt Philosophie und publiziert auch Fachbücher zu Natur- und Menschenrechtsfragen. In ihrem 2016 erschienenen Lyrikband „Anstelle einer Unterwerfung“ setzt sie unter ihre Gedichte Fußnoten, um Wissenschaftlichkeit zu persiflieren.

Nach der ersten Pause eröffnet Mara-Daria Cojocaru die zweite Leserunde und bekräftigt das Bild, dass sich bis zum Ende hin noch verstärken soll: Weibliche Stimmen geben an diesem Abend den Ton an und sind – wenn man die Organisatorin der Frankfurter Lyriktage, Sonja Vandenrath, einbezieht – sogar auch paritätisch präsent.

Für alle Geschlechter typisch ist die befruchtende Wechselwirkung zwischen Übersetzung und Dichtung. Norbert Hummelt, der 2016 bei Luchterhand „Fegefeuer“ publiziert hat, betont, wie sehr ihm die Arbeit an Werken u.a. von T.S. Eliots „Waste Land“ geholfen hat, auch über Phasen der Sprachlosigkeit hinweg zu kommen. Stark konzeptuell geprägt sind die Arbeiten von Steffen Popp („118“, Kookbooks 2017) und Ron Winkler. Während Popp analog zum Periodensystem der 118 chemischen Elemente ein eigenes System auf der Basis zehnzeiliger Gedichte entwickelt hat, nutzt Winkler in seinem Buch „Karten aus Gebieten“ (Schöffling 2017) das Format Postkarte, um Botschaften aus Regionen von großer Heterogenität zu senden. Das scheinbar naive Medium birgt jedoch einen Subtext, wenn es von Orten wie Aleppo, Krim oder Idomeni seinen Ausgang nimmt.

Einen dramaturgischen Höhepunkt gibt es noch am Schluss. Dagmara Kraus, die elfenhaft diskret die Bühne betritt und mit leiser Stimme über ihre außergewöhnlich phantasiereichen Sprachspiele spricht, eröffnet mit ihrer Lesung aus „Wehbuch (undichte prosage)“ (roughbooks 2016) die „blaue Stunde“. Die Leselichter gehen aus, die Traumzeit beginnt. Märchenhaft in blaues Licht getaucht endet eine klug moderierte, fünfstündige Lyrikstaffel.

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