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Authentisch ausgedacht

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Von: Marie-Sophie Adeoso

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Fatma Aydemir liest im Frankfurter Literaturhaus aus ihrem Romandebüt „Ellbogen“.

Warum Sie eigentlich einen Roman geschrieben habe und keine Reportage, fragt die Literatur- und Theaterkritikerin Shirin Sojitrawalla Fatma Aydemir relativ zu Beginn des Abends, an dem die taz-Redakteurin ihr Romandebüt „Ellbogen“ im Frankfurter Literaturhaus präsentiert. Schließlich hat Aydemir gerade erzählt, dass reale U-Bahnhofschlägereien ihr die Idee zu ihrem Roman über die 17-jährige Deutschtürkin Hazal geliefert hätten. Diese verschlägt es nach einem ebensolchen Gewaltexzess im öffentlichen Raum vom Berliner Wedding nach Istanbul, just im Sommer des gescheiterten Militärputsches.

Aydemir stutzt kurz. Und erklärt dann doch bereitwillig, dass sie das Thema als „journalistisch ausgereizt“ empfunden habe; die Art und Weise, wie stets im Umfeld von Tätern nach Erklärungen für Gewalt gesucht werde, die heute häufig auch als Youtube-Video kursiert, und wie das Problem am Ende meist „in einer Region verortet wird, die ganz weit weg von Deutschland ist, weil die Eltern von dort kommen“. Gleichwohl, gesteht Aydemir ein, sei es ihr anfangs schwergefallen, sich vom journalistischen Schreiben zu lösen, in dem jeder Satz in einen Kontext eingeordnet werden müsse. „Ich musste lernen, vom Faktischen wegzukommen und Gefühle, Atmosphäre zu erzeugen. Wenn ich immer alles erklärt hätte, wäre das ja der beschissenste Roman der Welt geworden.“

Wut als zentrales Gefühl

Die Frage nach der Authentizität des literarischen Stoffes zieht sich trotzdem noch eine Weile durch das Gespräch. Bis Aydemir nach Fragen über den rotzigen Tonfall ihrer Figuren und inwiefern dieser „abgelauscht“ oder „konstruiert“ sei, sagt: „Es steht Roman oben drauf und Roman vorne drin, ich weiß nicht, was da noch stehen muss.“ Es sei komisch, Literatur stets darauf abzuklopfen, wie sehr sie der Realität gleiche. „J.K.Rowling muss sich doch auch nicht dafür rechtfertigen, dass sie keine Zauberschule besucht hat“, sagt sie, ehe sie die erste von drei Romanpassagen vorliest.

Es ist eine Schlüsselszene, in der Hazal und ihre Freundinnen, aufgebrezelt und angeschickert ihren 18. Geburtstag in einem Nachtclub feiern wollen und dann von den Türstehern abgewiesen werden. Die Wut, die sich daraufhin aufbaut und entlädt, zieht sich als zentrales Gefühl durch den Roman, auch wenn der Tonfall der Ich-Erzählerin immer wieder auch Lacher im Publikum hervorruft.

Insgesamt aber kreiste das von Sojitrawalla erkenntnisfördernd moderierte Autorinnengespräch weniger um Heiteres, als um drängende Fragen der Gesellschaft. Um patriarchale Familienstrukturen, gesellschaftliche Machtverhältnisse, Mehr- und Minderheiten, Aus- und Abgrenzung. Nicht, weil Sojitrawalla Aydemir auf ihre Rolle als Journalistin reduziert hätte. Sondern weil der Roman eben „von Anfang bis Ende“ ein politischer sei, so die Autorin.

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