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Zeichnung einer Burg. Ein Mann mit schwarzem Mantel und Hut läuft auf sie zu.
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„Die Akte Klabautermann“ von FR-Autor Oliver Teutsch.

Neuerscheinung

Großer Mann - was nun?

  • Oliver Teutsch
    VonOliver Teutsch
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Hans Fallada wollte sein letztes Werk, das Widerstandsbuch „Jeder stirbt für sich allein“, eigentlich gar nicht schreiben. Warum nicht? FR-Redakteur Oliver Teutsch hat die Hintergründe recherchiert und einen Roman darüber verfasst – ein Auszug

FR-Redakteur Oliver Teutsch war von der Wiederentdeckung von Hans Falladas letztem Roman „Jeder stirbt für sich allein“ so fasziniert, dass er sich auf eine ausführliche Recherche nach der Entstehung dieses Buches machte – und nun seinen eigenen Roman-Erstling geschrieben hat: Über die Zeit nach Kriegsende, vom Sommer 1945 bis Ende 1946, in der Rudolf Ditzen alias Hans Fallada sein berühmtes Buch über das Ehepaar Otto und Elise Hampel schrieb, das Postkarten-Flugblätter gegen Hitler ausgelegt hatte und denunziert worden war.

Als Teutsch erfuhr, dass Fallada diesen letzten Roman in nur wenigen Wochen vor seinem Tod geschrieben und die Veröffentlichung nicht mehr erlebt hatte, begann er 2014 zu recherchieren. Nach und nach schälte sich die wirkliche Entstehungsgeschichte heraus: Der Roman war eine Auftragsarbeit nach Vorlage einer Gestapo-Akte, die Johannes R. Becher an Fallada herangetragen hatte. Becher war damals Präsident des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands in der Sowjetischen Besatzungszone, der späteren DDR. Falladas Werk gilt als das erste Buch eines deutschen nicht-emigrierten Schriftstellers über den Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

Becher schaute sich verblüfft in dem Salon um. Wo hatte Wilhelm nur das ganze Zeug her? Die Gründerzeitmöbel fand Becher ja noch ganz schick. Klar, Wilhelm war gelernter Tischler, der legte Wert auf sowas. Aber dieser ganze Kitsch. Die Spitzengardinen. Dieses Hirschgeweih an der Wand und die vielen kleinen Porzellanfigürchen auf dem großen Schreibtisch. Einen solchen Hang zum Kleinbürgertum hatte er Wilhelm nicht zugetraut. Aber vielleicht war das seine Art, sich über die Rückkehr in die Heimat zu freuen, oder waren Porzellanfigürchen auch eine Erinnerung an seine Frau Christine, die schon 1936 in Moskau gestorben war.

Neues Buch von FR-Autor Oliver Teutsch: „Die Akte Klabautermann“

Becher konnte sehen, daß auch die anderen ein wenig erstaunt um sich blickten. Erpenbeck konnte sich sogar ein Grinsen nicht verkneifen. Nur Otto Winzer, der alte Apparatschik ließ sich nichts anmerken oder fand das ganz normal, daß Pieck sie hier in sein Museum der plüschigen Gemütlichkeit eingeladen hatte.

Obwohl Becher und Pieck seit etwa einem Dreivierteljahr fast Tür an Tür im Städtchen wohnten, war es das erste Mal, daß Becher bei seinem Parteivorsitzenden zu Besuch war. Die Einladung dazu hatte Pieck an Weihnachten bereits vage ausgesprochen. Aber was als launiger Gegenbesuch gedacht war, hatte sich nun eher zu einer Krisensitzung gewandelt.

Mit dem Kulturbund ging es nicht recht voran. Die Russen beklagten, der Kulturbund sei keine Massenorganisation geworden, die Mitgliederzahlen ließen zu wünschen übrig. Zwar war die magische Grenze von 100 000 Mitgliedern fast erreicht, aber den Russen schwebten ganz andere Zahlen vor. (…)

Pieck setzte sich als letzter an den Tisch und schaute in die Runde. „Schön, daß Ihr alle gekommen seid. Das ist ja fast ein kleines Veteranentreffen.“ Die Männer in der Runde schauten sich verblüfft an. In der Tat hatten die sechs Genossen am Tisch die vergangenen zehn Jahre in Moskau gemeinsam verbracht und dort mehr oder weniger miteinander zu tun gehabt. „Wie geht es euch, wie kommt ihr voran mit eurer Arbeit?“, fragte Pieck ganz väterlich.

Die Männer schauten sich wieder reihum an. Nur Becher und Willmann blickten aneinander vorbei. Zwischen den beiden Freunden hing der Haussegen schief. Sie hatten sich vor ein paar Tagen morgens im Garten getroffen. Becher war allerbester Laune gewesen. Ein bißchen zu guter Laune, so früh am Morgen. Wahrscheinlich ist ihm wieder irgendein Vers geglückt im Morgengrauen, dachte sich Willmann. Wie zur Bestätigung rezitierte Becher unaufgefordert:

Dort in dem Bergwald steht mein Baum, die Eiche und rauscht gewaltig in die Zeiten fort.

Becher schaute Willmann erwartungsvoll an. Willmann war noch nicht nach rauschenden Eichen zumute so früh am Morgen. „Hätte es ’ne Fichte nicht auch getan?“ Becher bedachte Willmann mit einem vernichtenden Blick, warf den Kopf in den Nacken, stapfte ins Haus und war Willmann nun zehn Tage lang böse. Es war an der Zeit, eine eigene Bleibe zu finden, dachte sich Willmann. Winzer ergriff als erster das Wort.

„Die SPD in Charlottenburg hat jetzt einen …“ „Bitte, Otto, ich will jetzt mal nichts über den Zusammenschluß hören, das ist hier heute keine Parteiveranstaltung“, fiel ihm Pieck ins Wort. Winzer schwieg beleidigt, die anderen freuten sich insgeheim. (…) Pieck schaute noch einmal in die Runde. „Wie kriegen wir mehr Schwung in den Laden?“ Becher war etwas pikiert, das war indirekt ein Vorwurf gegen ihn. „Das Problem ist, daß wir außerhalb Berlins nicht genügend gute Leute haben. Genosse Heinz und ich waren ja unlängst in Dresden. Wir haben von Hanstein absetzen müßen, das war schlicht nicht machbar mit ihm.“ Genosse Heinz, dachte Willmann.

„Das ist mir jetzt zu klein gedacht. Es kann doch nicht an einzelnen Personalien in Sachsen liegen, daß unsere Akzeptanz in der Bevölkerung eher schwindet als steigt“, gab Pieck zu bedenken. „Wir brauchen einen großen Erfolg. Etwas, woran niemand vorbeikommt, auch die Amerikaner nicht“, sagte Weinert. (…)

„Wie könnte so ein Erfolg aussehen?“, fragte Pieck. Die Augen wanderten zu Becher. Der Präsident des Kulturbunds zögerte. „Was ist denn mit dieser Akte, die ich dir gegeben habe, sollte Fallada da nicht den großen Roman draus zimmern?“, fragte Winzer scheinbar ganz arglos. „Er ist dabei, aber er macht momentan eine schwierige Phase durch“, sagte Becher.

In der Runde murmelte und prustete es. Willmann feixte innerlich. Da hatte sich Becher wirklich verzockt. Von dieser ausgemergelten Gestalt würde gar nichts mehr kommen, vor allem kein großer Roman. Das hatte er bei seinem ersten Besuch schon gemerkt, das hatte er Fallada angesehen. „Nun ja, wenn ich mir die Stadt so anschaue, machen alle Berliner momentan eine schwierige Phase durch“, sagte Pieck mit ungewohnter Süffisanz.

„Die Akte Klabautermann“ von Oliver Teutsch, Roman, Axel Dielmann Verlag, Frankfurt a.M., 312 Seiten, 20 Euro.

„Die Frage ist doch, ob es überhaupt noch Sinn macht, daß Fallada den Roman schreibt, so wie er nach den öffentlichen Angriffen dasteht“, gab Weinert zu bedenken. „Kein schlechter Einwand“, sagte Pieck und schaute zu Becher. „Aber das war doch von den Amerikanern lanciert. Fallada hat mir gesagt, die Amerikaner hätten ihn selbst noch gefragt, ob er für sie arbeiten wolle“, sagte Becher. „Interessant. Aber ist an den Vorwürfen auch wirklich nichts dran. Was wissen wir über Fallada?“, fragte Pieck und versuchte dessen jämmerlichen Auftritt an Weihnachten auszublenden. Gute Schriftsteller mußten keine guten Menschen sein, aber …

„Also ein Widerstandskämpfer war er jetzt nicht gerade“, begann Becher vorsichtig. „Das wissen wir. Aber hat er sich nun den Nazis angedient?“, fragte Pieck. Willmann mußte an das Foto aus der Illustrierten denken, die sie 1943 bei einem gefangenen deutschen Soldaten gefunden hatten. Auf dem Foto posierte Fallada in der Uniform eines Offiziers des Reichsarbeitsdienstes. Becher hatte ihn beschwichtigt. Das sage noch nichts, Fallada sei kein politischer Mensch, er habe sich nicht wirklich auf den Faschismus eingelassen.

„Die Akte Klabautermann“: Auszug aus dem neuen Buch von FR-Autor Oliver Teutsch

Aber aus marxistischer Sicht hatte Fallada sich auf alle Fälle mitschuldig gemacht. Er gehörte zu jenem Kleinbürgertum, das immer nur das Beste gewollt, aber alles mitgemacht hatte. „Ich glaube, er hat versucht, sich so durchzulavieren“, sagte Willmann jetzt. „Nach dem, was ich gehört habe“, gab Erpenbeck zu bedenken, „hat er bei seinem Eisernen Gustav mehr Zugeständnisse an die Nazis gemacht, als nötig gewesen wären. Sogar gegen den Rat von Rowohlt und seinem Lektor Mayer.“ „Das soll ein Zusatzauftrag von Goebbels gewesen sein“, sagte Willmann.

Weinert ächzte leise, weil ihn das Thema langweilte. „Er mag kein schlechter Mensch sein, aber die größere politische Sensibilität, die von Schriftstellern und Künstlern verlangt wird, hat er wohl nie erkannt.“ „Also gut“, sagte Pieck und blickte dankbar zu Weinert. „Wir veröffentlichen Fallada, wenn er denn was schreibt, aber wir gehen mit seiner Biografie nicht hausieren.“

Winzer räusperte sich. Er hatte das Thema Fallada auch angeschnitten, weil er nicht viel von ihm hielt und insgeheim hoffte, es würde sich für den Roman noch ein Schriftsteller finden, der etwas mehr für die gemeinsamen politischen Ziele stand. Oder wenigstens jemand, der überhaupt politisch dachte. Jetzt war zumindest die Gelegenheit, eine andere Entscheidung gegen Fallada zu verkünden. „Unabhängig davon will ich darauf hinweisen, daß wir alle Exemplare von Bauern, Bonzen, Bomben aus den öffentlichen Bibliotheken entfernt haben. Die SPD kommt darin zu schlecht weg, das können wir uns jetzt vor der Vereinigung beider Parteien nicht leisten. Im Westen der Stadt haben wir ohnehin schon mehr Gegenwind als uns lieb sein kann, Genossen. Die Gründung der SED darf jetzt nicht mehr gefährdet werden.“

Becher hatte bei Winzers Worten kurz die Brauen gehoben. Im Sinne der Kultur war das nicht. Gerade erst hatte er erfahren, daß der Jungherr von Strammin keineswegs nicht veröffentlicht wurde, weil es nur seichte Unterhaltung war. Vielmehr kam in dem Buch der Grundbesitz zu gut weg, und das hätte den Verlag leicht in den Verdacht bringen können, gegen die Bodenreform zu sein, hatte Klaus Gysi, der nun den Verlag leitete, Becher hinter vorgehaltener Hand erklärt. Aber wegen eines alten Romans würde Becher jetzt nicht für Fallada kämpfen, er hatte schon genug Ärger mit ihm. „In der Frage, ob Fallada diesen Roman überhaupt schreiben wird, sind wir übrigens noch keinen Schritt weitergekommen“, setzte Winzer nach.

Becher war ein bißchen in der Zwickmühle. Es wäre ja glatt gelogen gewesen, den Genossen zu erzählen, jener Mann, der da ausgemergelt in seinem Krankenbett lag und etwas von Alpdruck faselte, würde jetzt ziemlich bald den großen antifaschistischen Roman schreiben, den Deutschland so dringend benötigte, um im Ausland wieder zu etwas Ansehen zu kommen. Andererseits schien ihm dieser besessene Schriftsteller immer noch der geeignetste Mann für diesen Auftrag. (…)

Pieck seufzte. „Kann diesen Roman denn nicht jemand anderes schreiben?“ „Was ist mit Remarque? Der kann doch sowas auch“, warf Weinert ein. „Oder Döblin“, schob er noch nach. Die Augen wanderten zu Becher. „Liebe Genossen, ich denke es dürfte klar sein, daß diesen Roman jemand schreiben muß, der die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland verbracht hat. Es bringt uns doch nichts“, gab Becher zu bedenken, „wenn ein antifaschistischer Roman in den USA, Frankreich oder der Schweiz entsteht.“

Die Runde schwieg einen Augenblick. Da hatte Becher natürlich recht. Die Signalwirkung mußte von Deutschland ausgehen. Aber wer blieb dann noch? „Was ist mit Ricarda Huch?“, schlug Erpenbeck vor. „Die hat seit 1935 nichts geschrieben, und ehrlich gesagt ist das glaube ich nicht ihr Thema“, sagte Becher. „Ernst Wiechert?“, schlug Winzer halbherzig vor. „Ach bitte nicht“, sagte Erpenbeck. „Was ist mit Kiaulehn?“, legte Winzer nach, der scheinbar einfach nur Fleißpunkte sammeln wollte. „Also bitte“, empörte sich Weinert, „da können wir ja gleich die Rökk für uns tanzen lassen, Walter Kiaulehn war doch Sprecher der Wochenschau.“ (…)

Erpenbeck studierte die Porzellanfigürchen. Ähnlich wie Winzer war er nur mäßig begeistert davon, daß Fallada die große Abrechnung mit dem Nationalsozialismus schreiben sollte. Und ähnlich wie Becher waren auch Erpenbeck die Klagen verdienter Autoren zu Ohren gekommen, warum denn dieser Fallada vom Kulturbund so hofiert wurde. Aber damit wollte er jetzt nicht anfangen. Es war Willmann, der das betretene Schweigen brach. „Was ist mit Thiess, hat er nicht auch das Zeug dazu? Sein Roman Tsushima hat eine gewisse düstere Größe.“

FR-Autor Oliver Teutsch veröffentlicht neues Buch: „Die Akte Klabautermann“

Weinert seufzte. „Also ich will jetzt nicht schon wieder anfangen, aber auch Thiess ist ja alles andere als unbeschädigt und von seinem Tsushima gab es sogar eine eigene Frontbuchhandelsausgabe.“ „Auf Thiess bin ich derzeit ohnehin nicht gut zu sprechen“, sagte Becher. Wieso, hat er einen Witz gemacht?, dachte sich Willmann, dem dann aber einfiel, worauf Becher anspielte. Thiess führte gerade einen öffentlichen Disput mit Thomas Mann. Der Auslöser dazu war Walter von Molo gewesen. Der ehemalige Präsident der Dichterakademie hatte Mann in einem offenen Brief zur Rückkehr nach Deutschland aufgefordert.

Mann hatte daraufhin aus Kalifornien einen Brief an die Bayerische Landeszeitung geschrieben, in dem er darlegte, warum er nicht wiederkehren würde. Der Hitlerismus habe Deutschland zu einem dickwandigen Folterkeller gemacht. Die Menschheit schauere vor Deutschland, das als politische Nation untragbar sei.

Thiess hatte Mann daraufhin, ebenfalls in einem offenen Brief, scharf kritisiert und alle anderen Exilanten gleich mit. Er selbst sei nicht emigriert, weil er hoffte, aus dieser schauerlichen Epoche reicher an Wissen und Erfahrung hervorzugehen. Das sei besser gewesen, als von den Logen und Parterreplätzen des Auslands der deutschen Tragödie zuzuschauen. Ein ungeheuerlicher Vorwurf, wie die Runde der Moskauer Exilanten nur zu genau wußte. Er selbst sei, so schrieb Thiess weiter, stattdessen innerlich emigriert.

Der Brief hatte eine Debatte über innere und äußere Emigration ausgelöst, jeder Künstler sah sich nun genötigt zu erklären, warum er emigriert oder nicht emigriert war. Die Antwort Manns ließ nicht lange auf sich warten. In seinen Augen seien Bücher, die zwischen 1933 und 1945 in Deutschland überhaupt gedruckt werden konnten, weniger als wertlos und nicht gut in die Hand zu nehmen. Während Molo erneut schwieg, weil er schon bemerkt hatte, daß das Kind in den Brunnen gefallen war, legte Thiess nochmal nach und warf Mann vor, er begrenze seine Welt mit dem Horizont, den die Sonne seines Erfolges beschreibe.

„Wie ist denn da eigentlich der neueste Stand, hattest du schon Kontakt zu Mann?“, fragte Erpenbeck Becher. „Ich habe ihm einen Brief geschrieben, aber er hat bislang nicht geantwortet. Ich glaube, er fühlt sich sehr missverstanden. Allerdings möchte ich hier in dieser Runde zum Ausdruck bringen, daß auch ich Manns Worte an ein Volk, das hungert und friert, unpassend fand.“ Becher mußte dabei an einen Spruch denken, den er neulich an einer Hauswand am Reichskanzlerplatz gelesen hatte: Gebt uns mehr zu fressen, sonst können wir Hitler nicht vergessen. (…)

„Ich habe noch was anderes, Hans“, fing Weinert jetzt an, der genug von dem Thema hatte. Becher versuchte, ein freundliches Gesicht zu machen. „Was ist eigentlich mit deinem Kurtz los?“ „Mit meinem Kurtz? Was ist mit ihm?“ „Er soll neulich bei einer Redaktionskonferenz im Schlafanzug aufgetaucht sein.“ Allgemeine Erheiterung in der Runde. „Der Chefredakteur kommt im Schlafanzug?“, staunte Erpenbeck. „Im Schlafanzug?“, fragte auch Becher ungläubig.

„Also zumindest soll er ihn drunter gehabt haben und das wohl nicht zum ersten Mal.“ Becher kannte Kurtz für seine pointierte Ironie. „Wahrscheinlich ist es seine Art mitzuteilen, daß ihn der Job unterfordert“, mutmaßte er. „Ich glaube eher, daß er seine Aufgabe da beim Nacht-Express nicht richtig ernst nimmt. Das Feuilleton hat er vollständig Wiegler überlassen, eigentlich taucht er nur noch im Impressum auf“, wandte Winzer ein.

„Der Nacht-Express hat ein Feuilleton?“, witzelte Weinert, aber es mochte niemand lachen. Becher mußte daran denken, was Kurtz ihm neulich gesagt hatte. Der Nacht-Express sei eine Zeitung, die die Leute am Alex kaufen und in der Friedrichstraße wegschmeißen. Insofern war er vielleicht wirklich nicht ganz überzeugt von seiner Zeitung. „Vielleicht kann er ja bei der neuen Wochenzeitschrift mitmachen, die demnächst kommt“, schlug Becher vor. „Gysi wird ihn nicht haben wollen, da bin ich mir sicher“, sagte Erpenbeck. „Ich spreche mal mit ihm. Ansonsten könnte er auch mit Wiegler zusammen als Lektor bei Aufbau arbeiten“, schlug Becher vor. „Genau, dann kann Kurtz den Roman lektorieren, den Fallada niemals schreiben wird“, scherzte Weinert. Willmann frohlockte, Becher grummelte.

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