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Aus tausend Papierzetteln bestehen die Stelen mit den Fotos brasilianischer Autoren im Pavillon von Brasilien.

Buchmesse Brasilien

Auswahl der Autoren-Delegation umstritten

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An der Auswahl der brasilianischen Autoren, die das Gastland auf der Frankfurter Buchmesse repräsentieren, gibt es viel Kritik. 70 Schriftsteller und ein buntes Rahmenprogramm bieten dennoch spannende Einblicke in die reichhaltige Kultur Brasiliens.

Das Gastland heißt Brasilien. Da darf, auch wenn es eigentlich doch um Literatur geht, im Hinblick auf die Weltmeisterschaft im nächsten Jahr der Fußball nicht fehlen – er spielt auf im Kulturstadion (Halle 3.1 L131), das ganze Wochenende über von morgens 9.15 Uhr an. Gleichwohl, betont Brasiliens Kulturministerin Marta Suplicy zur Eröffnung: „Brasilien tut alles dafür, sich als mehr als ein Land des Karneval und Fußballs zu präsentieren. Wir haben eine extrem reichhaltige Kultur.“ Womit sie bei einem weiteren Allgemeinplatz angelangt wäre, dem Verweis auf den Schmelztiegelcharakter des größten südamerikanischen Landes, einem „Land voller Stimmen“, wie es das Gastland-Motto verheißt.

92 literarische Stimmen aus Brasilien waren und sind dieses Jahr in Deutschland zu hören, auch abseits der Frankfurter Buchmesse, für deren Delegation 70 Schriftsteller offiziell ausgewählt wurden. Der Literaturkritiker Manuel da Costa Pinto, der Koordinator des Literaturprogramms in Frankfurt, Antonio Martinelli, und die Literaturwissenschaftlerin Anonieta Cunha haben dabei auf Kriterien wie Veröffentlichungen im Ausland, wichtige Literaturpreise, Genre-Vielfalt, Herkunftsregionen oder die Balance von etablierten und jungen Autoren geachtet – und es naturgemäß dennoch nicht allen recht gemacht.

So hat der am meisten geliebte und zugleich am meisten gehasste, sprich: bekannteste brasilianische Bestseller-Autor Paulo Coelho („Der Alchimist“) dieser Tage seine Einladung zur Messe ausgeschlagen, weil er die Autoren-Auswahl durch „Vetternwirtschaft“ bestimmt sieht und nur 20 der 70 Autoren kenne. Andere, wie Paulo Lins („Die Stadt Gottes“), neben Daniel Munduruku der einzige nicht-weiße Schriftsteller der Delegation, warfen dem Komitee rassistische Auswahlkriterien vor.

Performances in Wohnzimmern

Lins ist trotzdem dabei, er liest bereits heute zusammen mit Marçal Aquino im Ehrengast-Pavillon (16.30 Uhr), sowie in den Folgetagen beispielsweise auf dem Blauen Sofa (11.10., 11 Uhr).

Zu den Stars der Auswahl gehört auch Luiz Ruffato („Es waren Pferde“), der die Messe gestern mit eröffnet hat und sich unter anderem auf der Bühne des Weltempfangs präsentieren wird (Halle 5.0 E81, 10.10., 16.30 Uhr). Krimistar Patrícia Melo nimmt eben dort am 12.10. um 16.30 Uhr den Liberaturpreis von Litprom entgegen, der Frauen aus Ländern Afrikas, Lateinamerikas, Asiens und der Arabischen Welt ehrt.

Vertreter der jüngeren Generation sind etwa Daniel Galera, der in seinem dieses Jahr auf Deutsch erschienenen Roman „Flut“ die Geschichte eines Auschwitz-Überlebenden, seines Sohnes und Enkels beschreibt (Pavillon, zusammen mit Dramatiker Lourenço Mutarelli, 10.10., 16.30 Uhr) oder Andrea del Fuego, die ihren Roman „Geschwister des Wassers“ zusammen mit Musik des Duo con Tempo am 12.10. in der Romanfabrik präsentiert (20.30 Uhr, Hanauer Landstraße 186).

Und es sind Veranstaltungen wie diese, die die Vielfalt des Gastland-Programms besonders zeigen, die über die Literatur hinausreicht. Das Programm reicht von Street Art (Schirn-Kunsthalle) oder Architektur (Architektur-Museum) über brasilianisch-finnisch-deutsches Spoken Word (12.10., 20.30 Uhr, Cafe1 an der Fachhochschule, Nibelungenplatz 1) bis hin zu auf Autorentexten basierende Performances in Frankfurter Wohnzimmern (Videoinstallation „Utopia.doc“ im Künstlerhaus Mousonturm, Waldschmidtstraße 4, ab heute 17 Uhr).

Vielstimmig, unüberschaubar – weit mehr als Karneval und Fußball.

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