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„Aussteigen um 1900“: Schreiben, was Andere ausprobieren

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Von: Ewart Reder

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Aussteigen vom Aussteigen: Hermann Hesse, 1929.
Aussteigen vom Aussteigen: Hermann Hesse, 1929. © epd

Ein Kongressband begeistert für Literatur, die von Aussteigern begeistert ist. Von Ewart Reder

Im Anfang sprach Nietzsche. Dessen „Zarathustra“ inspirierte die Aussteigerbewegung um 1900 wie auch die Lebensreformkommune auf dem Monte Verità bei Ascona, so die These der Herausgeberin Barbara Mahlmann-Bauer. Nietzsches Kulturkritik, sein Rekurs auf die unterdrückte Körperlichkeit, sein Vitalismus und Wanderpredigergestus wirkten in der Tat auf viele, die zum „Berg der Wahrheit“ pilgerten. Gusto Gräser, der dort den radikalsten Ton anschlug, zitiert Nietzsche in Gedichten, durchwandert Teile Europas, schließt 1933 einen heiklen Frieden mit den Nazis.

Ida Hofmann dagegen, Gründerin des Sanatoriums, um das die Reformbewegung sopra Ascona sich scharte, spricht in ihren Schriften nirgends von Nietzsche. Kein Christentum, vielmehr die Naturferne des Industriemenschen ist für sie das Problem. Aussteigen heißt die Devise sowohl ihrer Lebensführung als auch ihres Schreibens. „Wahrheit ohne Dichtung“ nennt sie ihr Hauptwerk. Den Schreibkollegen Nietzsche und dessen im „Zarathustra“ imaginierte Höhlenexistenz lässt sie zwei Mal hinter sich, lebt an Luft und Licht und zieht ihr Schreiben aus der Fiktionalität zurück auf die Mitteilungsebene einer frühen Alternativszene.

Das Buch

Barbara Mahlmann-Bauer u.a.: Aussteigen um 1900. Imaginationen in der Literatur der Moderne, Wallstein-Verlag, 588 S., 64 Euro.

Der Kongress „Aussteigen um 1900“ beschäftigte sich allerdings vorrangig mit ‚echten‘ Schriftstellern, Aussteigern per se, Solitären, die das Leben schreibend reflektieren und keine Zeit haben zum Parallelausstieg aus dem Elfenbeinturm. Hermann Hesse mit seinen längeren Aufenthalten auf dem Monte Verità ist da schon die Ausnahme. Yahya Elsaghe beschreibt den spannenden Weg Hesses von einer frühen Bachofen-Lektüre zu den mutterrechtlichen Ideen seines Romans „Demian“. Klar wird, dass das Thema untrennbar mit Hesses Biografie, insbesondere seiner ersten Ehe verbunden ist. Im Streit um die Kinder wird Noch-Ehefrau Mia sich bald auf das „Mutterrecht“ berufen – ironischerweise als entfernte Nachfahrin von dessen Erfinder Bachofen. Hesse selbst zieht sich spätestens im „Glasperlenspiel“ in eine ungestörte Männerwelt zurück – Ausstieg vom Ausstieg.

Emmy Hennings, die Ehefrau Hugo Balls, kommt in dem Band mit Briefen zu Wort, die sie vor allem an Hermann Hesse richtet. Dass der selten antwortet, stört Hennings nicht. Sie führt seit ihrer Jugend ein unstetes Leben, Irmgard M. Wirtz nennt sie eine „permanente Umsteigerin“. Später lebt Ball-Hennings am Lago Maggiore und doch nicht in Ascona. Ihr Ausstieg führt in eine private Welt der Beziehungen und Wörter, geteilt von ihrem Mann, umfasst von einem sich entwickelnden katholischen Glauben.

Das Schwergewicht des Kongressbands bilden acht Aufsätze zum Werk Hermann Brochs. Der Wiener Industrielle und spätere Autor verfolgte die Lebensreformbewegung interessiert, aber distanziert. Durch seinen Verleger, der die Eranos-Jahrbücher vom Monte Verità herausgab, wurde er bis in sein New Yorker Exil mit denselben beliefert. Die Spuren von Brochs Beschäftigung mit den Gedanken von Eranos-Heroen wie C.G. Jung oder Gershom Scholem sind spannend zu lesen. Sie führen quer durch das Romanwerk, vom Esch über „Die Verzauberung“ bis zum „Tod des Vergil“. Nur wer kennt diese Romane?

Dem Kongress sei Dank dafür, dass er so tat, als würden sie noch gelesen. Denn Broch lohnt sich. Was er aus Sprache herstellt, ist nicht weniger als ein Spiegel der modernen Kulturkrise, erzähltes Philosophieren. Der Verführer Ratti in der „Verzauberung“ und der Imker-Schamane Lebrecht Endeguth in den „Schuldlosen“ sind die zwei Gesichter der Lebensreform in Brochs Wahrnehmung: das Massenunheil und sein kleinerer, heilender Widerpart. In beiden Figuren spiegelt sich Gusto Gräser, der Wanderprediger von Ascona. Es spricht sogar einiges dafür, dass Hermann Broch zum Verkauf seiner Firma und zur Aufnahme einer literarischen Tätigkeit erst durch eine Begegnung mit Gräser in Wien bewegt wurde.

Das Tiersein der Menschen

Zu Recht nimmt also Broch hier den Vorzugsplatz ein. Zu Recht schließt der Band mit einem Aufsatz über Brochs Schwanengesang „Der Tod des Vergil“. Denn mit dem Roman schließt sich ein Kreis. Für Broch war Nietzsche nur ein Teil des Problems, das im Relativismus bestand. Mit der Zertrümmerung einer verbindlichen Philosophie, die noch in der Aufklärung bestanden hatte, hinterließ Nietzsche als einziges Sinnzentrum das Individuum. Neue Verbindungen entstanden von außerhalb des Rationalismus: in der Lebensreform, in Jungs Archetypen, in der Literatur. „Der Tod des Vergil“, ein rhetorisches Wunderwerk, erzählt auf fünfhundert Seiten das Sterben eines römischen Dichters. Im Angesicht des Todes hält Vergil fest, was ihm als unzerstörbar erscheint. Zum Schlüsselbegriff wird „die Hilfe“ – Reminiszenz an einen prominenten Besucher des Wahrheitsbergs: den Anarchisten Pjotr Kropotkin und sein Hauptwerk „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“. Die Schlussvision des Romans versöhnt den Sterbenden unter anderem mit dem Tiersein des Menschen, seiner Zugehörigkeit zur Natur – ebenfalls ein Thema der frühen Aussteiger. Für intellektuelle Pilger mit starken Nerven und Sitzfleisch ist „Der Tod des Vergil“ ein lohnendes Ziel.

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