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Hinter die Fassaden blicken die Erzählungen Jan Costin Wagners.
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Hinter die Fassaden blicken die Erzählungen Jan Costin Wagners.

Jan Costin Wagner

In Ausnahmezuständen

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Jan Costin Wagners schattenreicher, Familien und ihr Unglück umkreisender Erzählungsband „Sonnenspiegelung“.

Aber erst muss die Zeit beginnen, wieder Zeit zu sein.“ Das ist ein typischer Jan-Costin-Wagner-Satz. Denn obwohl der 1972 in Langen geborene, mit seiner Familie teils in Finnland lebende Autor dem Kriminalroman zugeschlagen wird, kümmert er sich eher wenig um Ermittlungsdetails und gar nicht um Actionsequenzen oder finale Showdowns. Eigentlich umkreist er immer nur ein Thema: Wie geht der Mensch mit dem Tod ihm Nahestehender um, wie trauert er, wenn es just und unvorhergesehen passierte, wie plagt ihn das Gewissen, we nn er (mit-)schuldig wurde, etwa durch einen Autounfall. Doch auch das Seelenleben seiner Figuren wird nicht ausbuchstabiert und durchkonjugiert. Die Dinge bleiben in der Schwebe, im ungewissen Licht einer Dämmerung. Die Bücher heißen „Nachtfahrt“ oder „Schattentag“.

Recht schmal sind alle seine (Kriminal-)Romane. Jetzt legt Wagner einen Band mit Erzählungen vor, mit acht Geschichten auf knapp 200 Seiten. Sie drehen sich wieder um das übermächtige Thema Tod und Verlust, sie sind penibelst geformt, verschlankt, ziseliert. Und sie steuern allesamt auf eine dunkle Schlusspointe zu. Das macht sie dann doch ein wenig berechenbar. Jedes Mäkeln bezieht sich im Fall von Jan Costin Wagner allerdings auf Texte hohen Niveaus.

Züge eines Psychothrillers

Die titelgebende Erzählung „Sonnenspiegelung“ hat Züge eines Psychothrillers – ein geheimnisvoller Mann steht plötzlich vor dem Haus der Familie Harford, steht nur stumm und schaut ihnen und dem Gärtner zu –, endet aber mit einer einerseits harmlosen Auflösung, andererseits bitter-ironischen Wendung, die ein bisschen zu kalkuliert, zu gebaut wirkt. Kunstvoll kippt dagegen auf lediglich fünf Seiten „An einem anderen Ort“: Der Ich-Erzähler scheint mit seiner kranken kleinen Tochter fliehen zu müssen, aber dann versteht man plötzlich, dass er ein Täter ist. Der sich wie dem Leser was vormacht; der aber, festgenommen, vielleicht einen kleinen Frieden finden wird.

Eine virtuos angewandte Technik des Perspektivwechsels überzeugt bei den längeren Geschichten. Es ist, als umkreise Wagner seine – unglücklichen, normalen – Familien ganz langsam, blicke in die Köpfe, höre hin und wieder einem kurzen Dialog zu. Oder als schalte er von einer Kamera zur nächsten.

Zum Beispiel von Jakob zu Sandra (zwei Teenager wohl), zu Großmutter Anne, Schwiegertochter Karin. Mittelpunkt wie auch Leerstelle in „Am hellen Tag“ ist Oliver, sportlich, noch gar nicht alt – und doch nach schweißtreibender Fahrt tot vom Rad gefallen. Nun versucht Karin, eine Todesanzeige zu formulieren, landet bei der Wendung „am hellen Tag“, die das Ungeheuerliche des plötzlichen Todes ihres Mannes fassen soll: „Sie weiß nicht, ob das geht, ob das angemessen ist. Ob das erlaubt ist. Sie kennt die Regeln nicht.“

Ein Stückchen wieder ins Leben

Währenddessen lässt sich Jakob von einem Freund, mit dem zusammen er in einer Band spielt, schon ein erstes winziges Stück wieder ins Leben, jedenfalls aus dem Haus der Trauer locken. Im Dunkeln erst kommt er zurück (hat aber vorher angerufen, damit die Mutter sich keine Sorgen macht!): „Es sind Schatten, die ihm den Weg weisen, und durch seine Finger fährt ein Kribbeln, ein Prickeln wie von Brause, als er den Schalter findet, der das Licht zurückbringt.“

Manchmal finden Wagners Figuren einen Schalter, der ein wenig Licht zurückbringt – aber es sind Ausnahmemomente. Vor allem die Männer (gute Ehemänner, Familienmänner durchaus), die der Autor ins dunkle Zentrum seiner Erzählungen rückt, stecken fest in seelischen Ausnahmezuständen. Sie sind depressiv, denken daran, sich das Leben zu nehmen, denken daran, ihrer Familie und sich das Leben zu nehmen. Man merkt ihnen nichts an, in der Arbeit funktionieren sie, werden sogar befördert wie Tim in „Ein lachendes Herz“, können sich was leisten, der Familie was bieten. Aber eine Weile schon sind sie aus dem Gleichgewicht. Und während sie nach Hause fahren, liebäugeln sie mit dem Tod. Stellen sich auf die Schienen – und überlegen es sich vielleicht wieder anders, im letzten Augenblick. Der Zugführer wundert sich, denn das ist ihm noch nie passiert, „dass einer an dem verdammten Gleis gestanden und sich für das Leben entschieden hat“.

Wagner ist kein Erzähler sozialen Elends. Die Familien seiner Männerfiguren würde man als intakt bezeichnen, als verständnis- und liebevoll – was aber nicht hilft: Tims größte Sorge ist, „dass er von Menschen umgeben ist, die für ihn da sind, die verstehen, die alles richtig machen, während er auf der Stelle tritt, auf einer Stelle, unter der der Boden entgleitet“.

In jeder dieser Erzählungen gibt es irgendwo eine solche Stelle, trügerisch, schwankend. Selten schaffen es Jan Costin Wagners Menschen, ihr auszuweichen, so sehr man es ihnen doch wünschen würde.

Jan Costin Wagner: Sonnenspiegelung. Galiani Berlin 2015. 188 Seiten, 18,99 Euro.

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