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Deutsche Soldaten 1941 in Delphi an der Orakelstätte der Pythia
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Deutsche Soldaten 1941 in Delphi an der Orakelstätte der Pythia

Mark Mazower: "Griechenland unter Hitler"

Ausbeutung und Aushungern

Mark Mazowers Sachbuch „Griechenland unter Hitler“ beschreibt die Jahre einer brutalen Okkupation in ungewohnter Detailschärfe.

Von Markus Schwering

Ich nahm einen anderen Weg durch das Dorf, doch wo ich auch hinkam, waren die Häuser niedergebrannt worden. Ich sah niemanden, der lebte. Auf der Straße lagen so viele Leichen, Männer, Frauen und Kinder, und die meisten waren offenbar verbrannt. Ich sah eine alte Frau, die in sitzender Stellung verbrannt war.“

Das ist eine Augenzeugenschilderung des Massakers, das eine Einheit der deutschen Wehrmacht am 16. August 1943 in dem kleinen griechischen Ort Kommeno beging. Nachzulesen ist sie in Mark Mazowers Darstellung „Griechenland unter Hitler. Das Leben während der deutschen Besatzung 1941-1944“, die erst jetzt, 23 Jahre nach der englischen Originalausgabe, auf Deutsch erscheint. Für historische Fachliteratur ist das ungewöhnlich genug. Aber manchmal wächst halt einschlägigen Büchern im Lauf der Zeit eine Aktualität zu, die bei der Premiere gar nicht zu ahnen war.

Genauso verhält es sich mit der Arbeit des derzeit an der New Yorker Columbia Universität lehrenden britischen Historikers. Sicher haben die deutsch-griechischen Konflikte, die sich im Zuge der griechischen Finanzkrise und der Versuche ihrer Bewältigung ergaben, nicht unmittelbar mit dem hier behandelten Ereigniskomplex zu tun. Mittelbar aber schon – nicht von ungefähr wurden in der griechischen Öffentlichkeit Forderungen laut, die Bundesrepublik solle endlich Entschädigung für die Verwüstungen leisten, die die deutsche Besatzungsmacht – Wehrmacht, SS, Geheime Feldpolizei und andere – im Zweiten Weltkrieg auf der Halbinsel angerichtet hatte. Tatsächlich ist diese skandalöserweise nach 1945 nie erfolgt – wofür allerdings nicht nur die Adenauer-Regierungen verantwortlich waren, sondern auch die USA, die den neuen Verbündeten moralisch und finanziell nicht über Gebühr belastet sehen wollen.

Großspurige Wehrmachtsgranden

Die Wehrmacht überfiel und besetzte 1941 Griechenland, weil Hitler es nicht hinnehmen konnte, dass das verbündete Italien auf dem Balkan eine schmähliche Niederlage einzustecken sich anschickte. Das Land wurde zunächst unter den Achsenmächten aufgeteilt – wobei Italien sogar territorial der Löwenanteil zufiel. Erst 1943, als es aus dem Krieg ausschied, übernahmen die Deutschen auch die italienischen Zonen.

Nun könnte man vermuten, dass das Besatzungsregime nicht so katastrophal wie in Osteuropa ausfiel, waren doch die Griechen in der Rassen-Ideologie der Nazis keine slawischen „Untermenschen“, sondern Arier mit glanzvoller Vergangenheit. Die auf der Akropolis gehisste Hakenkreuzfahne und die großspurig davor posierenden Wehrmachtsgranden (siehe das Foto auf dem Cover) dokumentierten denn auch den Erbanspruch: Wir Nazis sind die wahren Nachfolger der athenischen Polis. Ein lächerlicher Wahn, steht das perikleische Bauwerk doch für etwas, was das Dritte Reich am allerwenigsten sein wollte: die politische Demokratie.

Wie auch immer: Mazower legt eindringlich dar, dass die immer wieder, auch hier geäußerte Vermutung falsch ist. Vielmehr wurde die Okkupation für die Bevölkerung zu einer Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes. Aufgrund der brutalen Ausbeutung der ländlichen Ressourcen und der administrativen Unfähigkeit der Athener Marionettenregierung stürzte das Land bereits im Winter 1941/42 in eine Hungersnot, der rund 250 000 Griechen zum Opfer fielen. Der sich daraufhin in den unzugänglichen Bergen des Peloponnes formierende Widerstand einer anschwellenden Partisanenarmee und ihre Aktionen führten dann zu jener Enthemmung und Eskalation bei den deutschen Einsatzkräften und den Hilfsbataillonen sympathisierender rechtsgerichteter Griechen, die sich nicht mehr vom entsprechenden Vorgehen in Polen oder Russland unterschied. Für einen getöteten oder vermissten Deutschen wurden wahllos, in großer Zahl und erbarmungslos griechische Geiseln erschossen, Orte niedergebrannt, ganze Landstriche verwüstet. Dem deutschen Terror fielen, schätzt der Autor, in den vier Besatzungsjahren 300 000 Menschen zum Opfer. Der gewünschte Einschüchterungseffekt, der oft genug als pseudorationales Motiv für viehischen Sadismus herhalten musste, blieb dabei aus: Die linke Volksbefreiungsarmee Elas brachte ganze Landesteile unter ihre Kontrolle, errichtete einen Staat im Staat.

Ein besonders bedrückendes Kapitel ist die Vernichtung der griechischen Juden, zumal der blühenden Gemeinde von Saloniki, die von Anfang an im deutschen Besatzungsbereich lag. Bemerkenswert indes, dass die Italiener dem von Eichmanns Schergen gestellten Ansinnen, „ihre“ Juden für den Transport nach Auschwitz zu überstellen, mit hinhaltendem Widerstand begegneten – was zu permanenten Auseinandersetzungen zwischen den Verbündeten führte. Aufschlussreich, ja faszinierend ist schließlich Mazowers Darstellung der verwirrenden innergriechischen Konfliktlage zwischen linken und rechten Widerstandskräften, Monarchisten und Republikanern, Anhängern und Feinden der in Kairo residierenden Exilregierung – mitsamt ihren ausländischen Unterstützern. So war etwa die britische Regierung ein strikter Gegner der kommunistisch beeinflussten Elas – und konnte diesbezüglich der deutschen Besatzungsmacht gleichsam die Hand reichen. Bereits in den letzten Kriegsjahren formieren sich also nicht nur die Frontlinien des folgenden, 1949 mit einer Niederlage der Linken endenden griechischen Bürgerkriegs, sondern auch des globalen Kalten Kriegs.

Das alles mag in Grundzügen bekannt sein – Mazower aber beschreibt es mit ungewohnter Detailschärfe und, dank der zahlreichen zitierten Berichte von Zeitzeugen, großer Anschaulichkeit. Und wenn das Buch jenseits seiner Quellenfülle und sorgfältig wägenden, ohne vordergründig-wohlfeilen Empörungsfuror auskommenden Urteilskraft eine aktuell relevante Lehre bereithält, dann ist es diese: Deutsche sollten angesichts dessen, was ihre Großväter und Väter in dem Land anrichteten, auf herablassend-besserwisserische Kritik an „den Griechen“ verzichten. Jedenfalls sollte der Ton, in dem sie geübt wird, die auf deutscher Seite eben nie angemessen aufgearbeitete historische Schuld berücksichtigen.

Mark Mazower: Griechenland unter Hitler. Das Leben während der deutschen Besatzung 1941-1944. S. Fischer, 528 S., 29,99 Euro.

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