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Augustinus' Urenkel

Der gerechte Krieg und die moderne katholische Ethik

Von Christoph Fleischmann

Die Kirchengeschichte ist nach Goethe ein "Mischmasch aus Irrtum und Gewalt". So liegt es nahe, die christliche Lehre vom gerechten Krieg gleich beiden Zutaten zuzuordnen: dem Irrtum und der Gewalt. In der Tat hat schon der Kirchenvater Augustinua mit der Lehre vom gerechten Krieg die Eroberungen "christlicher" römischer Kaiser legitimiert, Thomas von Aquin die Kreuzzüge und spanische Theologen die Eroberung Lateinamerikas. Das erklärt, warum diese Lehre auch bei Kirchenvertretern heute eher Unbehagen auslöst. So erklärte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Präses Manfred Kock, kürzlich noch apodiktisch: "Es kann keinen heiligen oder gerechten Krieg geben."

Anders der katholische Ethiker Gerhard Beestermöller. Er zeigt keine Berührungsängste gegenüber diesem Stück abendländischer Theologiegeschichte. Zwar will auch er nicht mehr von einem gerechten Krieg sprechen, aber er nutzt die Kriterien aus der Lehre vom gerechten Krieg, um den Krieg gegen Irak zu bewerten: Nach den traditionellen Kriterien ist ein Krieg nur legitim, wenn ein schwerwiegendes und dauerndes Übel, eine Bedrohung feststeht und wenn ein Krieg das einzige Mittel ist, das Übel zu beenden. Außerdem muss Aussicht auf Erfolg bestehen, und die Kriegsschäden dürfen nicht schlimmer sein als die Übel, die man beseitigen will - und zuletzt darf nur eine legitime Autorität mit einer gerechten Absicht Krieg führen.

Diese Kriterien löst Beestermöller aus ihrem historischen Kontext: Seit dem Kosovo-Krieg gehe es nicht mehr nur um die Frage der Selbstverteidigung und um die Frage nach einem korrekten UN-Prozedere. Der ethische und völkerrechtliche Diskurs stehe vielmehr vor der Herausforderung so genannter "humanitärer Interventionen", die im Fall Kosovo ohne Legitimation der UN durchgesetzt wurden.

Beestermöller greift deswegen auf die Vernunftethik von Immanuel Kant zurück: Mit Kant geht er davon aus, dass das Verhältnis zwischen Staaten nicht nach dem Recht des Stärkeren - oder Reicheren - funktionieren dürfe, sondern nach einer verbindlichen Rechtsordnung. Dabei macht Beestermöller sich keine Illusion darüber, ob mit den Vereinten Nationen bereits eine solche verbindliche Rechtsordnung vorliege. Beestermöller versteht seinen Ansatz als Reformethik für den Prozess zu einer Weltrechtsordnung. Dieser Weg zur Weltrechtsordnung knüpft freilich am - mangelhaften - Instrumentarium der UN und ihrer Ordnung an.

Für das Problem eines Krieges heißt das, dass nur der Krieg legitim sein könne, der einer Stärkung des internationalen Rechtes diene. Demnach könne eine zum Krieg legitimierte Autorität nur die sein, die sich selbst unter die Herrschaft des Rechtes stelle. Das aber sei bei der amerikanischen Politik, wie Beestermöller sie im Februar diesen Jahres beobachten konnte, nicht der Fall: "Den USA geht also, so muss man schließen, die legitime auctoritas zu einem Krieg, gegen wen auch immer, ab, da ihre Politik nicht darauf zielt, den Rechtszustand in der Welt der Staaten, der auch Amerika binden würde, zu fördern oder zumindest nicht zu destruieren."

Dabei ist es für Beestermöller nicht entscheidend, ob ein formaler Beschluss im UN-Sicherheitsrat vorliegt: "Die Ankündigung des US-Präsidenten, auch ohne UN-Mandat zu intervenieren, hat jedes UN-Mandat für einen Krieg gegen Hussein dessen potenzieller Legitimationskraft beraubt. Bush stellt sich schon mit seiner Ankündigung außerhalb der und damit gegen die UN-Ordnung."

Und schließlich müssten für Beestermöller auch mit UN-Mandat die anderen Kriterien aus der Lehre vom gerechten Krieg erfüllt sein. Es hätte also gezeigt werden müssen, dass von Saddam Hussein eine Bedrohung ausgeht, die exzeptionell - das konnten die USA bis heute nicht nachweisen - und nur mit militärischer Gewalt abzuwenden ist. Und die zu erwartenden Übel, die der Krieg anrichten wird, dürfen nicht schlimmer sind als der Zustand davor. "Die negativen Folgen eines Krieges müssen von den USA und ihren Verbündeten so ins Kalkül gezogen werden, als hätten sie sie selbst zu erleiden."

Wenn man den gerechten Krieg nicht nur als legitimierendes Schlagwort gebraucht - wie es einige intellektuelle Gehilfen der Bush-Regierung getan haben - sondern wenn man diese Kriterien für einen gerechten Krieg anwendet, dann braucht man keine Angst vor diesem Stück abendländischer Tradition zu haben. Beestermöller zeigt, dass die Kriterien des gerechten Krieges nicht den Kontakt mit der Wirklichkeit scheuen müssen. Mit ihrer Hilfe können die politischen Bewegungen nach wie vor mit generalisierbaren ethischen Standards bewertet werden - und das durchaus im Sinne der Kritiker des Krieges.

Dossier: Krieg gegen Irak

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