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Ermordung August von Kotzebues, Abbildung aus dem Band „Crimes célèbres“ von Alexandre Dumas, ca. 1841.

August von Kotzebue

Vor 200 Jahren wurde August von Kotzebue ermordet

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Die Ermordung Kotzebues war die Begründung für ein Verbot der Burschenschaften, der Pressefreiheit, der Turnerei und für die Entlassung liberaler Professoren.

Vor zweihundert Jahren wurde der Schriftsteller August von Kotzebue in seinem Haus (Mannheim: A 2,5) von dem Burschenschaftler Karl Ludwig Sand erstochen. „Hier, du Verräter des Vaterlandes!“ soll der Student der Theologie dabei gerufen haben. Der vierjährige Sohn Kotzebues wurde im Nebenzimmer Zeuge des Mordes.

Die Motive des Täters machen diese Zeilen aus dem Wikipedia-Eintrag über Kotzebue deutlich: „In seinem Literarischen Wochenblatt, das er in Weimar – dank der dort existierenden Pressefreiheit – veröffentlichen konnte, griff er die deutschen Universitäten und vornehmlich die Burschenschaften und Turnerbünde als Brutstätten der Revolution sowie den politischen Liberalismus an (dessen Ziele Volksvertretung und Pressefreiheit waren), verspottete den von den Studenten verehrten Turnvater Jahn und verhöhnte die Ideale der deutschen Nationalbewegung. Auf dem Wartburgfest 1817 wurde im Zuge der dort zelebrierten Bücherverbrennung seine „Geschichte des deutschen Reichs“ ins Feuer geworfen, worauf er nach Mannheim umzog.“ Dorthin folgte ihm sein Mörder.

Nach der Tat floh Sand nicht, sondern stieß sich einen zweiten Dolch in die Brust, stürzte zur Haustür und übergab an der Tür einem Diener die mitgebrachte Schrift „Todesstoß dem August von Kotzebue“. Auf der Straße angekommen, versetzte er sich einen weiteren Dolchstoß und verlor das Bewusstsein. Im Krankenhaus machten ihn die Ärzte wieder fit für Verhör und Gerichtsverhandlung. Das Hofgericht Mannheim verurteilte Sand, der seine Tat nicht bereute und sich weigerte, Mittäter zu nennen oder ein Begnadigungsgesuch einzureichen, am 5. Mai 1820 zum Tod durch das Schwert. Am 20. Mai wurde das Urteil vollstreckt.

Von dem Umfang der Verehrung Sands, der ja keinen Tyrannen, sondern einen ihrer geschicktesten Propagandisten, getötet hatte, macht man sich keine Vorstellung. Taschentücher sollen bei der Hinrichtung in Sands Blut getaucht worden sein. Die Späne des Schafotts, auf dem er hingerichtet worden war, wurden zu viel gefragten Reliquien.

Die im September 1819 gefassten Karlsbader Beschlüsse hatten wesentlich dazu beigetragen. Die Ermordung Kotzebues war die Begründung für ein Verbot der Burschenschaften, der Pressefreiheit, der Turnerei und für die Entlassung liberaler Professoren. Dem österreichischen Fürst Metternich gelang es, die deutschen Fürsten zu einem gemeinsamen „Krieg gegen den Terror“ zu bewegen.

Die gemeinsame Politik der Fürsten beendete allerdings auch die am 2. August 1819 in Würzburg gestartete gesamtdeutsche Judenverfolgung, die sogenannten Hep-Hep-Unruhen. Studenten waren daran nicht unbeteiligt. In einem von ihnen damals viel gesungenen Lied hieß es: „Der Deutsche will euch ferner nicht,/ Ihr habt euch schlecht betragen,/ Ihr leistet keine Bürgerpflicht,/ helft keine Last uns tragen,/ Ihr zeiget weder Ehr noch Muth,/ kauft gerne das gestohlne Gut./ Drum ruft des Volkes Stimme laut./ Fort mit den Juden – ausgehaut!“

Wie viele Burschenschaftler bei antijüdischen Aktionen beteiligt waren, lässt sich nicht ermitteln. Immerhin wurde neben Kotzebues Buch u.a. auch Saul Aschers „Germanomania“ auf dem Wartburgfest verbrannt. Mit den Worten: „Wehe den Juden, so da fest halten an ihrem Judentum und wollen über unser Volkstum und Deutschtum spotten und schmähen“. Gerade unter den radikalen Republikanern fehlte es nicht an Antisemiten. Fremdenhass und Judenfeindschaft „waren konstitutiver Bestandteil des deutsch-nationalen Denkens der frühen Nationalbewegung“, schreibt die Historikerin Karen Hagemann.

Sand fühlte sich erkannt und entstellt in den Stücken

Doch zurück zu Kotzebue. Von seinen mehr als 220 Theaterstücken inszenierte der von ihm rabiat angegriffene Goethe 87. Aber angewiesen war der Erfolgsautor keineswegs auf Weimar. Die deutschen Theater rissen sich um seine Stücke. Damals wurden Dramen auch vom Lesepublikum verschlungen. Kotzebue konnte ganze Verlage sanieren. Nicht nur das: Er schuf auch ein Publikum, eine Öffentlichkeit. „Die deutschen Kleinstädter“ war ein Stück, das noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgeführt wurde. Der Begriff „Krähwinkel“ kommt von dort. Das Stück ist die Adaptation eines französischen Stoffes auf deutsche Zustände. Die Aufregung, die Kriege um Nichtigkeiten wurden dort aus Pariser Perspektive geschrieben. Eine vergleichbare zentrale Position gab es in Deutschland nicht. In Deutschland wurde diese Zentrale gerade erst geschaffen. Zum Beispiel in der Gestalt der literarischen Öffentlichkeit. Die man sich aber besser im Plural vorstellt. Nicht nur in dem von Klassik und Romantik, sondern auch in dem von Hoch- und Unterhaltungskultur. Kotzebue war nicht deren Erfinder, aber doch einer der großen Motoren und Profiteure ihrer wachsenden Bedeutung.

Ludwig Tieck, der von Kotzebue geschmähte romantische Dichter, schrieb mit hellsichtigem Neid: „Kotzebue hat die Natur in allen ihren Erscheinungen entstellt! Gleichwohl hat die Natur, die menschliche, die Volksnatur, sich darin überall wieder erkannt, das beweist der Reiz dieser Stücke“. Die romantische Konzeptkunst, ihre theoretisch fundierte Volkstümlichkeit, ihr die Ohren von Kindern und Alten – ein Zielpublikum schon vor der Erfindung des Begriffs – umschmeichelnder Märchenton, siegte erst auf lange Sicht gegen Kotzebues frivoles Spiel mit dem Realismus. Dieses Sich-Wiedererkennen machte Kotzebues Erfolg aus. Aber ein Karl Ludwig Sand aus Wunsiedel erkannte sich und die Seinen eben auch darin. Mehr noch als von Kotzebues politischen Attacken auf sie fühlten sie sich womöglich erkannt und entstellt zugleich in seinen Stücken.

August von Kotzebue griff aktuelle strittige Themen auf und ertränkte sie in einer Soße, zu deren Ingredienzen die Lust an der Satire und die der Unterwerfung unter die Obrigkeit gleichermaßen gehörten. Man darf davon ausgehen, dass ein großer Teil der entstehenden bürgerlichen Öffentlichkeit sich damit ganz und gar identifizieren konnte.

Im Jahr 1791 erschien „Der weibliche Jacobiner-Club. Ein politisches Lustspiel in einem Aufzuge“. Darin argumentiert der alte Militär Duport gegen seine revolutionäre Tochter Julie: „Die Bänder der Liebe sind heut zu Tage gewaltig mürbe geworden. Das Schild, das sie aushängen ist gar bunt und schön bemalt: ‚Hier ist zu finden Vaterlandsliebe, Ehrliebe, Gerechtigkeitsliebe.‘ Man freut sich, man klopft an, man geht hinein und findet – Eigenliebe“. Natürlich gibt es ein Happyend. Die Politik weicht der Liebe. So haben die Zuschauer und die Leser, die man sich bei den Schauspielen der damaligen Zeit immer dazu vorstellen muss, beides: den Kitzel des Aufstandes und die Befriedigung seiner Niederschlagung. Kotzebues Erfolg war auch sein Erfolg bei Frauen. Sie stellten stetig wachsende Teile des Publikums. Der Hochkultur war das peinlich. Vielen der rebellierenden Studenten, denen es um „männlichen Muth und teutsche Ehre“ ging, nicht weniger.

Es ist eine Zeit radikaler Umbrüche. Es müssen sich nicht nur alle gesellschaftlichen Gruppen neu orientieren, sondern manche sind gerade erst dabei, sich müh- ja gewaltsam zu konstituieren. August von Kotzebue ist ein Autor dieser Epoche wie sein Mörder es ist. Bis zu Heinrich Manns Untertan bestimmen Kotzebues Helden, bestimmt Kotzebues Haltung ein Gutteil des, wenn man sagen darf, „deutschen Charakters“.

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