Rolf Hochhuth in diesem Jahr.
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Rolf Hochhuth in diesem Jahr.

Rolf Hochhuth

Der Aufwiegler

Dem unermüdlichen Störenfried, dem Dramatiker Rolf Hochhuth zum 85. Geburtstag.

Von Dirk Pilz

Am heutigen 1. April wird der Dichter, Essayist, Politiker und Theatergrundstücksbesitzer Rolf Hochhuth 85 Jahre alt. Zu seinen Ehren liest er am Abend seines Geburtstages aus seinem Werk im Weimarer Reithaus, hübsch gelegen im Ilm-Park. Hochhuth in Goethe-Gefilden. Da gehört er hin: in die Großwirkungen der Literaturgeschichte.

Er galt als einer der wichtigsten deutschen Theaterautoren: Nun ist Rolf Hochhuth im Alter von 89 Jahren gestorben

Rolf Hochhuth kam im hessischen Eschwege zur Welt, als Sturzgeburt, wie in der sehr schönen, sehr unterhaltsam zu lesenden und aufschlussreichen Biographie von Birgit Lahann zu lesen ist, pünktlich erschienen zum Geburtstag. Er habe einen „langen Bruder“ gehabt, einen „sehr langen Vater“, und die Mutter sei auch „ziemlich lang“ gewesen, erfährt man dort. Er kam sich wie ein Kümmerling vor, und das Lange habe sein ganzes Weltbild bestimmt, glaubt er.

Sein ganzes Weltbild. So spricht er, so denkt und schreibt er: immer das Ganze im Blick, immer aufs Ganze gehend. Am 20. Februar 1963 kommt an der Freien Volksbühne in Berlin (West) „Der Stellvertreter“ zur Uraufführung, Regie: Erwin Piscator. Hochhuth war 26 Jahre alt, als er mit der Niederschrift seines „christlichen Trauerspiels“ begonnen hatte. Er recherchierte, wühlte sich durch Akten, war von der Vorstellung besessen, die ganze Wahrheit ans Licht zu holen.

Es ist die ganze Wahrheit über das Schweigen von Papst Pius XII. zum Holocaust während der Nazi-Herrschaft. Das Stück entlarvt den Papst, es löst eine Debatte aus, wie es sie zuvor in der Bundesrepublik nicht und auch danach nicht mehr gegeben hat. Hochhuth schrieb das Stück damals in Rom, ausgerechnet. 1959 ist es fertig, 1960 liegt es gedruckt bei Rowohlt und wartet auf das Umbruch-Lektorat. Aber es interessiert sich zwei Jahre lang niemand dafür. Piscator jedoch wird es später als „ungewöhnlich, bestürzend, erregend, groß und notwendig“ bezeichnen. „Wer verbirgt sich hinter dem Pseudonym Hochhuth?“, fragt er, „ich spiele das Stück.“

Er ist die Berühmtheit nicht mehr losgeworden

Nach der Urinszenierung ist Hochhuth weltberühmt, und er ist diese Berühmtheit nie wieder losgeworden. Hochhuth hat sich ins bundesrepublikanische Gedächtnis als Störenfried, Aufwiegler, Rebell eingebrannt. Er hat immer wieder in den Wunden der Republik gebohrt, hat Verdrängtes, Verleugnetes, Verdrehtes bearbeitet wie der Steinmetz den Stein: so lange, bis die ungeschönte Wahrheit sichtbar wird.

Mit seiner Erzählung „Eine Liebe in Deutschland“ (1978) hat er sich der Vergangenheit des damaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbiger als NS-Richter gewidmet. Mit „Wessis in Weimar“ (1993) hat er in „Szenen aus einem besetzten Land“ die Arbeit der Treuhandanstalt gegeißelt und die Uraufführung von Einar Schleef am Berliner Ensemble heftig bekämpft; er warf ihr Verzerrung des Textes, also der Wahrheit vor. Der Text verhandle „wahre Geschichten“, er „möchte sie nicht in ein Kunstprodukt verwandelt sehen“, zitiert ihn Lahann. Bei Schleef standen Uniformmenschen mit Beilen auf der Bühne, unvergessliche Kunstfiguren, aber nicht „historisch exakt“, wie Hochhuth sagt.

Dieses Beharren auf das Historische und die Exaktheit ist ihm oft vorgeworfen worden. Zum stehenden Hochhuth-Bashing-Repertoire gehört, seiner dokumentarischen Literatur alles Literarische abzusprechen. Aber das greift zu kurz: Gerade weil die historische Wahrheit bei ihm im Gewand der Literatur auftritt, entfaltet sie derartige Wucht. Das ist Hochhuths dialektischer Trick. Er funktioniert nicht immer. In „McKinsey kommt“ (2004) zum Beispiel behandelt er die regelmäßigen Massenentlassungen im Zuge von Fusionen. Wichtiges, debattenwürdiges Thema, aber leider ein hölzernes, bloß moralwedelndes Stück.

Doch der große, bissige Hochhuth hat große, bissige Reaktionen hervorzurufen verstanden. Franz Josef Strauß nannte ihn eine „Ratte“ und „Schmeißfliege“, Bundeskanzler Ludwig Erhard einen „Pinscher“, und Bundeskanzler Helmut Kohl gab sich viel Mühe, den Namen Hochhuth nicht in den Mund zu nehmen, als er glaubte, sich in Rom für einen „Schriftsteller deutscher Zunge“ entschuldigen zu müssen, dass durch diesen Papst Pius XII. „Unrecht geschehen sei“. Wer Literatur nach ihrer politischen Wirkung bemisst, wird in Hochhuth einen der wirkungsvollsten Autoren finden.

Zuletzt ist er vor allem als Polterer berühmt geworden. Mit einer List, über die nach seiner Mutter benannten Ilse-Holzapfel-Stiftung, wurde er zum Eigentümer des Grundstückes, auf dem das BE steht. Seitdem gibt es regelmäßig Streit, am lautesten 2009, als er zur Pressekonferenz in „sein Haus“, das BE, lud, vor verschlossener Tür stand und diese kurzerhand eintrat. Traurige Szene.

Am Ende ihrer Biographie fragt Lahann Hochhuth, ob er versuchen würde, mit dem Tod zu handeln. „Ich würde ihn bitten: Gib mir noch ein halbes Jahr. Ich möchte noch eine Komödie schreiben“, antwortet er. Wir wünschen bestes Gelingen.

Birgit Lahann: Hochhuth. Der Störenfried. Mit Fotografien von Karin Rocholl. Dietz Verlag, Bonn 2016. 384 S., 29,90 Euro.

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