Aufreißers Leiden

Tja, kommt vor: Éric Laurrent verzweifelt an unerwiderter Liebe

Von THOMAS LAUX

Das haut den stärksten Casanova um: Alle nur erdenklichen Optionen hat dieser (nach Selbstauskunft) attraktive Mann Anfang dreißig bei den Frauen, sammelt und wechselt, weil er einfach Spaß dran hat, seine Mätressen wie andere das Unterhemd, und dann passiert der eine, dummerweise nie ins Kalkül einbezogene Unfall - er verliebt sich in eine verheiratete Frau, eine Gambistin, die dieses Bäumchen-wechsle-dich-Spiel nicht mitzumachen bereit ist. All seine Avancen verpuffen, zumindest fürs erste. Dass überhaupt so etwas Gravitätisches wie Liebe in Erscheinung treten konnte, war bei diesem hyperaktiv hormongesteuerten Trophäensammler ohnehin nicht vorgesehen. Tja, shit happens.

Der 40-jährige Eric Laurrent entwirft ein zwar nicht unbedingt originelles, aber brauchbares Ausgangsszenario mit dem Porträt eines abgerissenen Großstadttigers, der sich geschickt durch die Pariser Upper-class-Partys mit ihren Dresscodes schlängelt, am Ende aber doch viel zu häufig steppenwölfig-abgebrannt in seinen altbekannten mastubatorischen Ersatzräumen landet. Selbstverständlich weiß er, dass nur die eine, die wahre Liebe - eben die zu Clara - ihn vor all den sattsam bekannten Mechanismen retten kann. Dass gerade sie ihm dies ausschlägt, ihm stattdessen Freundinnen schickt ("Frischfleisch", wie sie sagt), das ist wohl die narzisstische Kränkung schlechthin. Worauf allerlei psychosomatische Beschwerden folgen, man(n) kennt das - Schwindelanfälle, Koliken, Alkoholexzesse. In einem Wort, unser Held durchläuft Täler der Wirrniss und Zerknirschung.

Eines Tages landet Clara doch noch bei ihm im Bett, aber es wird ein schnöder Akt sein, denn gerade sie will nichts als Sex; seine große Investition namens Liebe wird weiterhin nicht erwidert. Sicher, man kann da und dort schmunzeln über die ewigen Leiden des liebenskranken Aufreißers, wer will, der kann diesem immerwährenden Spiel von Verlockung und Versagung ansatzweise philosophisch-witzige Züge attestieren (Kategorie: "Rohmer light"), aber richtig sympathisch wird der Protagonist einem dadurch nicht, zumal er immer wieder ansetzt, sein Liebesleiden qua wehleidiger Selbstbeobachtung in sublime Höhen zu schrauben. Denn leider folgt Eric Laurrent auch hier seiner Manie - in seinen vorigen Büchern war es nicht anders, auf deutsch wäre Was geschieht mit Artur Clein?(2002) zu nennen -, einem eher gewöhnlichen, bald schon veraussehbaren Plot eine unverwechselbare intellektuelle Note zu verleihen. Noch harmlos sind solche Behauptungen wie der "ontologische Überdruss", den unser abgehalfteter Don Juan bei einem Freund zu erkennen glaubt. Kritischer wird es bei eingestreuten Fachbegriffen, die ohne entsprechende Vorbildung zumeist nicht zu entschlüsseln sind, etwa, wenn die Rede von "Gymnopaedien" ist, wenn der Erzähler einem zarten "Sfumato" nachgeht oder wenn er den "ithyphallischen Körper" bedenkt.

Warum es einer Nomenklatur bedarf, um Laurrents Romane entschlüsseln zu können, das weiß wohl nur er selbst. Gewiss, die Liebe ist etwas Kompliziertes, doch wer das geliebte Gegenüber mit derartigem Reflexionssnobismus bedient, der darf sich eigentlich nicht wundern, wenn er nicht zurückgeliebt wird.

Éric Laurrent:

Clara.Roman.Deutsch von Frank Wegner.Rowohlt Verlag,Reinbek 2006,190 S., 16,90 Euro.

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