Reden

Mit aufmerksamer Gereiztheit

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Ein Band bringt politische Texte des österreichischen Schriftstellers Michael Köhlmeier zusammen.

Es mag an seinem eher leisen Auftreten liegen, dass der Name Michael Köhlmeier erst beim zweiten Nachdenken Erwähnung findet, wenn man die wichtigsten österreichischen Gegenwartsautoren aufzuzählen versucht. Er kommt nicht so weihevoll daher wie Peter Handke und ist politisch nicht so aktuell wie Robert Menasse. Seinen Lesern macht er es zudem schwer durch seine enorme Produktivität. Auf den neuesten Köhlmeier muss man nicht lange warten, er ist immer schon da.

Seit seinen literarischen Anfängen in den frühen 80er-Jahren hat er mehr als 30 Romane und Erzählungen geschrieben, beeindruckende Großwerke wie das Jahrhundertpanorama „Abendland“ (2007) oder eher dokumentarisch-psychologische Prosa wie „Spielplatz der Helden“ (1988), in der Köhlmeier sich auf die Spur von Extrembergsteigern begibt, die bei einer halsbrecherischen Grönlandexpedition ihr Leben aufs Spiel setzten.

Oft geht es um individuelles Scheitern in der modernen Welt, kaum einer ist in der Wahl seiner Themen aber so überraschend und in der formalen Umsetzung so experimentierfreudig wie Köhlmeier, etwa wenn er in seinem Roman „Zwei Herren am Strand“ die Bekämpfung der Depressionserkrankungen der Freunde Charlie Chaplin und Winston Churchill zum Thema macht und sie mit der Lebensgeschichte seines Vaters verknüpft.

Bei dtv ist nun ein Band mit vier Reden Michael Köhlmeiers erschienen, die ihn als politisch empfindsamen Zeitgenossen erscheinen lassen. Seine Rede zum österreichischen Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus am 4. Mai 2018 erregte Aufsehen, nicht allein, weil Köhlmeier passende Worte zum Jargon der Verachtung fand, der wieder salonfähig geworden ist. „Erwarten Sie nicht, dass ich mich dumm stelle“ hielt Köhlmeier den rechtspopulistischen Regierungspolitikern seines Landes entgegen. In den vom Fernsehen übertragenen Bildern sieht man das Unbehagen der direkt angesprochenen FPÖ-Elite, deren Vertreter in der ersten Reihe still aushalten müssen, was Köhlmeier ihnen vorhält. „Zum großen Bösen kamen die Menschen nie mit einem großen Schritt, sondern mit vielen kleinen, von denen jeder zu klein schien für eine große Empörung. Erst wird gesagt, dann wird getan.“

In anderen Reden, zum Beispiel zum Jubiläum eines österreichischen Kulturvereins, setzt sich Köhlmeier analytisch mit der rechten Rhetorik auseinander. Kleine sprachliche Verschiebungen sickern ein in die allgemeine Kommunikation und werden hoffähig. Michael Köhlmeier hält dagegen mit einer aufmerksamen Gereiztheit.

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