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Auch die Kunst wird geboren, altert und stirbt

Hier aber gibt es eine triumphale Wiederkehr zu vermelden: Die Neuedition von Giorgio Vasaris Werk im Wagenbach Verlag

Von ELKE BUHR

Zur Zeit stehen sie wieder in langen Schlangen der Sonne vor den Uffizien. Deutsche, Amerikaner, Japaner, und alle mit der gleichen Gewissheit: Die Kunst der toskanischen Renaissance ist die schönste der Welt, und Michelangelo, dessen David auf ihren T-Shirts prangt, ist ihr Meister.

Sie wissen das aus ihren Reiseführern. Doch eigentlich wissen sie es von einem Mann, der selbst, wenn auch fälschlich, behauptet hat, er habe bei Michelangelo Buonarotti das Zeichnen gelernt. Giorgio Vasari, geboren 1511 im toskanischen Arezzo, war Maler, Architekt, Höfling und Autor eines Werkes, das die gesamte Kunstgeschichte und mit ihr noch unser heutiges Bild von der unvergleichlichen Blüte der norditalienischen Kunst zur Zeit der Medici begründete. Man müsse die hervorragenden Maler der Zeit dem Vergessen entreißen und damit einem Schicksal, das einem zweiten Tode gleichkäme, hatte Vasari in der Vorrede zu seinem Opus Magnum geschrieben; und mit den Lebensbeschreibungen der berühmtesten Maler, Bildhauer und Architekten, kurz Vite genannt, ist ihm das offensichtlich gelungen.

Dem in Frankfurt lehrenden Kunsthistoriker Alessandro Nova und dem Wagenbach Verlag ist es wiederum zu verdanken, dass auch Vasaris Vite zu neuem Leben kommen. Seit einigen Jahren arbeitet Nova gemeinsam mit einer Gruppe von Nachwuchswissenschaftlern und - wissenschaftlerinnen an der ersten Neuübersetzung seit über hundert Jahren, nah am Original und doch gut lesbar, dazu ausführlich kommentiert. Und der Wagenbach Verlag bringt sie - auch dies ein Novum - nach und nach in Einzelbänden heraus.

Schlanke, elegante Taschenbuchausgaben sind das, die sich eben nicht nur für das Quellen-Wälzen in Bibliotheken anbieten, sondern Vasari erstmals zum praktischen Begleiter machen: So kann man nun vor den Uffizien stehen, für die Vasari selbst als Architekt verantwortlich zeichnet, und gleich nachlesen, wie das war, als Francesco de' Medici 1565 die 17-Jährige Johanna von Österreich heiratete und sein Hofkünstler Vasari in rasender Geschwindigkeit den Palast ausgestalten und den Korridor der Uffizien fertig stellen musste, damit die Hochzeitsfeierlichkeiten auch angemessen vonstatten gehen konnten.

Die Suche nach Vollkommenheit

Dieses beschreibt Vasari in seiner eigenen Autobiographie, dem Band, der die insgesamt 159 Lebensbeschreibungen in ihrer zweiten, erweiterten Fassung von 1568 beschloss; er ist im Frühjahr als jüngster Band der Neuedition erschienen, gleichzeitig mit dem Leben des Tizian. Für Oktober diesen Jahres sind die Biographien Andrea del Sartos und Giulio Romanos angekündigt; die Lebensbeschreibungen von Parmigianino, Sebastiano del Piombo, Rosso Fiorentino, Jakobo Pontormo und Raffael liegen bereits vor, dazu der Band Kunstgeschichte und Kunsttheorie mit den ausführlich kommentierten Einführungen Vasaris zu seinen Vite-Ausgaben und einem Glossar, das die ästhetische Begrifflichkeit entfaltet.

Es ist bewundernswert, wie es dem Herausgeber-Team sowohl hier als auch in den textkritischen Kommentaren zu jeder einzelnen Vita gelingt, aus Vasaris biographischen Erzählungen und seinen oft sehr bildhaften Werkbeschreibungen die zu Grunde legende Ästhetik herauszufiltern.

Wie der menschliche Körper, so wird auch die Kunst geboren, altert und stirbt - um dann irgendwann wiedergeboren zu werden. Nach diesem Modell entwirft Vasari seine Teleologie der Kunst, und prägt nebenbei den Begriff der Renaissance. Während ihm die Gestalten auf den byzantinischen Mosaiken von Ravenna wie Monstren erscheinen, präsentiert er seine Zeitgenossen Raffael und Michelangelo als Ausdruck höchster Vollkommenheit: Eine Kunst, die nicht nur die Natur in ihrer perfekten Nachahmung beherrscht, sondern in ihrer Perfektion erstmals auch über sie hinausweist.

Vasari will die Bildende Kunst vom Ruch des Handwerks befreien, um sie der Literatur oder der Philosophie ebenbürtig zu machen. Den Kern seines Versuches, die künstlerische Praxis intellektuell zu fundieren, liegt in seinem Begriff des disegno, der mit dem deutschen Wort "Zeichnung" nur sehr unzureichend übersetzt werden kann und darum zu Recht im Original stehen gelassen wurde. "Disegno ist der Vater unserer drei Künste Architektur, Bildhauerei und Malerei, der aus dem Geist hervorgeht und aus vielen Dingen ein Allgemeinurteil schöpft, gleich einer Form oder Idee aller Dinge der Natur, die in ihren Maßen einzigartig ist", schreibt Vasari in seiner Einleitung zur Malerei. Disegno bezeichnet hier den Entwurf, die Konzeption - ein Bild im Kopf, das bereits das Maßverhältnis der Teile zueinander erkennt und wie ein gestaltender Filter zwischen Natur und Bild liegt.

Mit seiner Akzentuierung des Disegno verlagert Vasari den entscheidenen Teils des künstlerischen Aktes in den Geist des Künstlers und bereitet so der Vorstellung des Genies und damit auch der theoretischen Ausformulierung der Autonomieästhetik Ende des 18. Jahrhunderts den Weg; in letzter Konsequenz macht er heutige Konzeptkunst denkbar. Aus seinen Lebenserzählungen spricht dabei jedoch nicht die Vorstellung vom Schöpfer-Künstler, der alles aus sich heraus schafft. Seine Viten, für die er übrigens, wie auch die Maler seiner Zeit, einen Stab von Assistenten beschäftigte, verankern das künstlerische Subjekt immer fest im sozialem Umfeld, porträtieren Künstlerkarrieren als Ergebnis von Bildung und Erfahrung und erforschen die Stellung des Malers als Günstling der Herrschenden, manchmal Akteur, manchmal Spielball der Politik.

Eine gewisse Tollheit und Kühnheit

Und während Michelangelo, dessen neue Vita man noch mit Sehnsucht erwarten muss, sich durch ausgesucht grobe Manieren ausgezeichnet haben soll, zeigt sich Vasari von Raffaels versiertem Auftreten bei Hofe begeistert: "Tatsächlich wurde den meisten Künstlern bis dahin von der Natur eine gewisse Tollheit und Wildheit mitgegeben", schreibt er. In Raffael dagegen habe die Natur alle Tugenden der Seele hell erstrahlen lassen, "begleitet von so viel Anmut, Fleiß, Schönheit, Bescheidenheit und den besten Umgangsformen, die genügt hätten, jedes noch so hässliche Laster und jeglichen Makel, sei er noch so groß, zu verdecken." Erst später liest man, was Vasari mit dem zu verdeckenden Laster Raffaels gemeint haben könnte: "Raffael war eine sehr liebevolle Person und den Frauen sehr zugetan und ihnen ständig zu Diensten." Auch Raffaels früher Tod mit 37 Jahren, der allen, die ihn kannten, die Seele vor Leid zerrissen habe, soll Ergebnis einer erschöpfenden fleischlichen Ausschweifung gewesen sein, so flüstert uns der Chronist. Ältere Übersetzungen waren über solche Stellen schamhaft hinweggegangen. Wie schön, dass die Neuedition uns auch sie wiederschenkt.

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