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Philippe Lançon 2018 bei der Verleihung des „Prix Femina“ für seinen Roman „Der Fetzen“.

Attentat auf Charlie Hebdo

„Der blutige Schluckauf der Geschichte“

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Philippe Lançon hat das Attentat auf „Charlie Hebdo“ schwer verletzt überlebt. Über das Entsetzliche hat er ein Buch geschrieben, „Der Fetzen“.

Es ist ein einmaliges Buch. Man muss es nicht lesen, um das zu wissen. Der Journalist Philippe Lançon war dabei, als zwei muslimische Fanatiker am 7. Januar 2015 die Redaktion von Charlie Hebdo überfielen und innerhalb von fünf Minuten zehn Menschen ermordeten und weitere elf verletzten. Auf ihrer Flucht töteten sie einen Polizeibeamten. Philippe Lançon wurde schwer verletzt, Teile der unteren Gesichtshälfte waren nur noch Matsch. In 17 Operationen mitsamt Transplantationen mussten sie wieder aufgebaut werden. Über den Anschlag, über seine physische und psychische Zerstörung und seine Rekonstruktion hat er ein Buch von 550 Seiten geschrieben. So etwas gibt es nicht noch einmal.

Das lässt sich sagen, ohne auch nur einen Blick in das Buch geworfen zu haben. Ich hatte Angst davor, es in die Hand zu nehmen. Ich wusste, ich werde ihm nicht gewachsen sein. Ich würde es immer wieder beiseite legen. Vor Entsetzen. Ich dachte an die Fotos, die nach dem ersten Weltkrieg kursierten. Sie zeigten Kriegsüberlebende, denen halbe Gesichter fehlten. Es gab welche, an denen fiel einem nichts auf, wenn man nur das rechte Profil sah. Weil in entsetzlicher Präzision nur die linke Gesichtshälfte fehlte. Anderen war die ganze Mundgegend abhanden gekommen. Ich wollte das nicht kunstvoll beschrieben haben.

Philippe Lançon, Kunst- und Literaturkritiker, geboren 1963 in Vanves, begann schon kurz nach dem Attentat wieder zu schreiben. Am 18. März erschien von ihm in der Tageszeitung „Libération“ die Besprechung einer Rembrandtausstellung in Amsterdam. Ich würde jetzt gerne über diese kluge Rezension schreiben, nur um nicht anfangen zu müssen mit „Der Fetzen“, seinem Buch über seine Geschichte.

Das Buch ist ganz anders, als ich es erwartete. Philippe Lançon erzählt keine Geschichte. Er beginnt nicht mit der Zeit vor dem Attentat, schildert es und lässt dann die Operationen und die Genesung folgen. So wären das Attentat und seine Folgen Geschichte. Sie wären vorbei, schreckliche Vergangenheit. Der Leser legte das Buch aus der Hand mit dem Gefühl: Auch dieses Grauen hat ein Ende.

Das Buch endet am 13. November 2015. Philippe Lançon ist in New York. Dort erfährt er vom Anschlag auf das Pariser Vergnügungsetablissement Bataclan. 130 Tote, 683 Verletzte. Diese Zahlen habe ich aus Wikipedia. Lançon bringt sie nicht. Er erzählt, dass ein Freund ihn anrief: „Ich wollte es dir lieber gleich erzählen, damit du es nicht irgendwo anders erfährst, auf einem Bildschirm, in einem Café oder auf der Straße.“ Lançon schreibt: „Ich stand auf der Straße und dachte, dass es keine geeigneten Umstände gab, um so etwas zu erfahren, diesen blutigen Schluckauf der Geschichte und meines eigenen Lebens.“

Philippe Lançon liegt im Krankenhaus. Er hat Besuch. „Ich hielt Coco das Handy hin und entdeckte in diesem Moment mein Gesicht auf dem Display. Haare, Stirn, der Blick, die Nase, Wangen und Oberlippe – das alles war in Ordnung und unversehrt. Doch anstelle des Kinns und der rechten Seite meiner Unterlippe klaffte nicht etwa ein Loch, sondern ein Krater aus zerstörtem, herabhängendem Fleisch, der von der Hand eines kindlichen Malers zu stammen schien, wie ein dicker Deckfarbenklecks auf einer Leinwand... In den ersten Sekunden war ich fassungslos. Dann legte ich mir eine Hand unter das Kinn, um es abzustützen und zu reparieren, als würden die aneinandergepressten Fleischfetzen wieder zusammenwachsen, als könnte das Loch verschwinden und das Leben weitergehen.“

Das Loch ist auf den Fotos, die ihn heute zeigen, nicht mehr zu sehen. Rembrandt, schreibt Philippe Lançon, erspüre das Unsichtbare, er erforsche die diskrete Berührung von innerem und äußerem Licht, darin ein Werk der Aufklärung. Philippe Lançon zeigt uns, was unter seiner (fast) restaurierten Oberfläche liegt. Sein Leben: erinnern, wiederholen, durcharbeiten. Davon handelt „Der Fetzen“. Das lehrt uns das Buch. Nicht mit erhobenem Zeigefinger. Es nimmt uns mit. In des Wortes doppelter Bedeutung. Ich hatte recht. Ich muss das Buch immer wieder bei Seite legen. Aber nicht vor Entsetzen. Sondern weil ich einem Satz, einer Beobachtung nachdenken musste. „Der blutige Schluckauf der Geschichte“ zum Beispiel. Damit bin ich erst einmal beschäftigt. Gibt es kein Entrinnen?

Philippe Lançon reist und schreibt wieder. Aber er lebt sein Leben nicht weiter. Er lebt ein neues Leben. Er lebt im Bewusstsein seiner Verletzlichkeit. Er mag das vergessen, aber dann ist es wieder da. Nicht immer in den schrecklichen Bildern, wie er inmitten seiner toten Kollegen lag und einen der Attentäter beobachtete, der auf ihn blickte und glaubte sich die Kugel sparen zu können.

Es ist fünfzig Jahre her, da las ich „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“. 1951 hatte Adorno sie im Exil in den USA geschrieben und „Minima Moralia“ betitelt. Er schrieb angesichts von Nationalsozialismus und Stalinismus nicht über den Zivilisationsbruch. Er schrieb über die Brüchigkeit der Zivilisation.

Philippe Lançon lässt uns keine Sekunde vergessen, was ihm geschah. Er lässt es niemals aus den Augen. Aber. Ein schwieriges Aber. Es klingt falsch. Es hört sich an, als wolle man ihm die Einzigartigkeit seiner Erfahrung nehmen, als bilde man sich ein, man könne ihn durch Empathie verstehen. Dennoch ist dieses Aber in meinen Augen die großartige Leistung von „Der Fetzen“.

Das Buch öffnet uns die Augen dafür, dass wir unseren Augen nicht trauen können. Niemals. Wir wissen nicht, welche inneren oder äußeren Verheerungen die Dame im roten Kleid (siehe die Abbildung) erlebte, die Philippe Lançon so fasziniert betrachtet. Wir stehen unter den Menschen und kennen sie nicht. Das lehrt uns „Der Fetzen“. Darum ist er so großartig.

Das Buch konzentriert sich auf eine Begebenheit, zeigt sie von innen und von außen. In äußerster Intensität. Reißt aber – da ist dieses Aber – immer wieder den Horizont auf und für Sekunden sehe ich mich selbst als Beschädigten. Ich geniere mich. Ich habe nicht vergessen, dass ihm unvergleichlich viel Entsetzlicheres geschehen ist als mir. Aber ich kann auch nicht den Blitz vergessen, in dem ich mit einem Mal die Welt erleuchtet sah zum Beispiel in der Wendung vom „blutigen Schluckauf der Geschichte“.

So genau Philippe Lançon als Beobachter ist, so genau ist er als Autor. Er weiß sehr genau, wie er schreibt. Er erzählt uns von einem Artikel, in dem er beschrieb, was er empfand, als man ihn aus dem Redaktionsraum trug. In „Der Fetzen“ erinnert er sich daran, dass dieser Satz einen fast identischen Vorgänger gehabt hatte: ein Gebet.

Ein Gebet nicht an einen Gott, sondern an die um ihn liegenden Toten: „Ich wandte mich an sie, erst an jeden einzeln, dann an alle zusammen, als wären sie lebendig und ich nicht mehr. Ich sprach mit ihnen über das, was wir erlebt hatten, fragte sie, wie sie lebten und erklärte ihnen, wo ich mich aufhielt. Ich empfand keinen Kummer: Ich war der Kummer.“

Chagrin ist das französische Wort für Kummer. Es bezeichnet aber auch eine Ledersorte aus der Rückenhaut von Pferden. Balzac hat aus dieser Doppelbedeutung einen seiner großartigsten Romane gemacht. Philippe Lançon hat seine eigene Haut auf den Buchmarkt getragen. Den Terroristen, die ihn hatten töten wollen, war es nicht gelungen, ihn in ein Chagrinleder zu verwandeln. Er schrieb weiter. Erst wie zuvor. Dann erzählte er von seinem Kummer. Erst den Toten, dann den Lebenden.

Ihnen bringt er zu Bewusstsein, dass sie von lauter Toten umgeben sind, ohne die sie nicht hätten überleben können.

Das Buch: Der Fetzen

Der Fetzen. Aus d. Französischen von Nicola Denis. Tropen Verlag. 551 S., 25 Euro.

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