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Atavismus

Das Böse als Spiegel

Von Alexander Kluy

Das Böse trug Hornbrille, hatte dünnes Haar und war von mittlerer Größe. Vor 40 Jahren hatte es ein Gesicht und einen Namen - Adolf Eichmann. Hannah Arendt löste 1963 mit Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen eine lange, erbittert geführte Debatte aus. Denn sie plädierte für ein grundsätzliches Verstehen-Wollen des Bösen, das in der Person Eichmanns, des Buchhalters der Schoah, seinen ganz diesseitigen, unscheinbaren Kristallisationspunkt gefunden hatte. Obschon Arendt in ihrer Argumentation in manchen Punkten noch über die Vorschläge ihrer Kritiker hinausging - so war sie in diesem Fall für die Todesstrafe -, wurde sie für ihre empathische Haltung, das Böse intelligibel zu machen, heftig attackiert.

Die Geschichte der Philosophie war wieder einmal an einem Punkt angelangt, der seit der Aufklärung, seit Rousseau und Voltaire, den intellektuellen Diskurs über das Böse bestimmte und polarisierte. Die Lager teilen sich dabei in jene, etwa Voltaire, Nietzsche und Sartre, die gegen ein Verstehen des Phänomens des Bösen waren, da dies hieße, es im Akt des reflexiven Nachvollzuges moralisch zu entschuldigen. Andere - Rousseau, Hannah Arendt und Jean Améry - hingegen plädierten aus moralischer Sicht dafür, das Böse verstehen zu wollen. Sie waren der Meinung, dass das Böse gerade nicht verstehen zu wollen, jede Grundlage auflösen würde, sich diesem Phänomen theoretisch und praktisch zu stellen. Für Arendt war Auschwitz keine Verirrung innerhalb der Moderne. Durch die Arbeit des Verstehens würde der Mensch, so Arendt, seinen Bezug zur Welt finden und sich dadurch in ihr vertraut einrichten können. Über die Erfahrungen der Menschheit im 20. Jahrhundert analytisch zu reflektieren, hieß für sie, die Bruchstellen zu spiegeln und ins philosophische Denken zu integrieren.

Auschwitz ist der Endpunkt aufgeklärten Denkens über das Böse in der Moderne, das Erdbeben von Lissabon stand einst am Anfang. 1755 verwüstete ein Erdbeben die portugiesische Hauptstadt. Einwohner, die sich auf im Hafen liegende Schiffe gerettet hatten, fielen einer Springflut zum Opfer, an Land wütete zeitgleich eine Feuersbrunst. Die Reaktionen der Öffentlichkeit hätten nicht unterschiedlicher sein können. Gottlosigkeit und das Leben in Sünde seien Gründe für die Bestrafung Lissabons gewesen, behaupteten die einen. Anderen galt die Naturkatastrophe umgekehrt als Beweis dafür, dass eine sorgende, metaphysische Instanz nicht existierte. Seit dem Unglück von Lissabon beharren Philosophen auf der Unterscheidung von natürlichem, metaphysischem und moralischem Bösen.

So verschieden waren die Erklärungsversuche des Jahres 1755 nicht von fundamentalistisch inspirierten Deutungen, die nach dem 11. September 2001 kursierten und als Legitimation des Terrors bemüht wurden. Die Form des Bösen, die an jenem Tag manifest wurde, stellt allerdings keine neue Erscheinungsform dar, argumentiert eindringlich die amerikanische Philosophin Susan Neiman, seit drei Jahren Direktorin des Einstein Forum in Potsdam, in ihrem Buch über das Böse im modernen Denken (Evil in Modern Thought", Princeton University Press; erscheint voraussichtlich im Frühjahr 2004 auf deutsch). Vielmehr handele es sich dabei, so sagt sie, die in den 80er Jahren viele Jahre in West-Berlin lebte, im Gespräch, um die Wiederkehr eines altmodischen, dämonischen Bösen: "Bei Al-Quaeda ist es so, dass es dem Eichmann-Modell der Banalität überhaupt nicht entspricht. Ganz im Gegenteil, wir haben es mit Menschen zu tun, die sich darüber im klaren waren, was ihr Ziel war, nämlich möglichst viele unschuldige Menschen umzubringen und möglichst viel Angst zu verbreiten."

Im Nachlass Friedrich Nietzsches, der sich gern der Metapher des Spiegels bediente, fanden sich Notizen für eine "Brief- und Meinungssammlung", der er den Untertitel "Eine Gelegenheit zur Selbstbespiegelung für Europäer" geben wollte. An ‚9-11' mutierte das Böse von einer Form entmenschlichter Banalität zur atavistischen Spielart, zu frei flottierender Brutalität im Zeichen des Manichäismus. Dient das Böse also als Medium der Selbstbespiegelung? Zumindest als Folie des Denkens über eine moralische und gute Lebensführung in einer Welt, die das Böse miteinschließt, scheint es unabdingbar zu sein.

Es hat den Anschein, als seien die Europäer des 21. Jahrhunderts, zumindest jene, die Arendts Wendung von der "Banalität des Bösen" schon einmal gehört haben, zu abgeklärt und zu skeptisch, vielleicht tatsächlich zu alt geworden, um dem Bösen naiv wie ein Parzival redivivus entgegenzutreten und ihm einen heiteren Garaus zu bereiten. So schreibt Hans Magnus Enzensberger in "Namenskunde", einem Gedicht aus seinem jüngsten Buch Die Geschichte der Wolken: "Als wüßten wir, was Babylon war,/wenn wir Babylon Babylon nennen./Als wüßten wir nicht: Das meiste,/fast alles, wäre auch ohne uns da."

Ist ein gutes Leben im Angesicht des Bösen somit nur noch in abgeklärtem Eskapismus zu finden, wie dies Manfred Krug vormachte? Dieser, sich in heiterem Stoizismus verortend, nahm 1967 - vier Jahre nach dem Eichmann-Prozess - das "Optimistische Lied" auf, in dem es heißt: "Trink zwei Bier/Schnapp Dir 'n Klavier/ Lass Dir sagen: Alle Fragen sind zu lösen/ Auch die ganz bösen."

Beim Bösen geht es in der Philosophie wieder um Kopf und Kragen, um Leben und Tod - Kategorien, die Susan Neiman als Studentin in Harvard schmerzlich vermisste. Ihr nächstes Buch wird etwas ganz Anderes behandeln, nämlich Helden, "wie es ist, ein moderner Held, ein Held der Aufklärung zu sein".

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