Das Image eines Feldherren kann allzu leicht Schaden nehmen.
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Das Image eines Feldherren kann allzu leicht Schaden nehmen.

Neuer Asterix-Comic

Asterix mit Internet und Whistleblower

Im neuen Asterix-Comic „Der Papyrus des Cäsar“ kommen die gallischen Helden im Medienzeitalter an. Noch nie hat es einen so anspruchsvollen, kulturtheoretisch aufgeladenen Asterix-Comic gegeben. Aber unterhaltsam und komisch ist er trotzdem.

Von Jens Balzer und Christian Schlüter

Wer hätte das gedacht: Endlich ist auch unser kleines gallisches Dorf im Medienzeitalter angekommen. Der 36. Asterix-Band heißt „Der Papyrus des Cäsar“ und deutet damit schon im Titel an, dass wir es mit einer Mediengeschichte zu tun bekommen. Die ersten Seiten bringen dann Gewissheit, ja, mit dem Papyrus ist hier eine antike Aufschreib- und Erinnerungstechnik gemeint, ein frühes Speichermedium.

Von ihm und allen seinen Weiterungen bis in unsere Gegenwart handelt die Geschichte, das Abenteuer von unseren Galliern. Noch nie hat es einen so anspruchsvollen, kulturtheoretisch aufgeladenen Asterix-Comic gegeben. Aber keine Bange, unterhaltsam bis krachkomisch ist er trotzdem. In „Der Papyrus des Cäsar“ besinnen sich der Zeichner Didier Conrad und der Szenarist Jean-Yves Ferri auf den Ursprung des Asterix-Universums, gewissermaßen die historische Grundkonstellation: das ist der Gallische Krieg, der Feldzug von Julius Cäsar gegen die die Barbaren im Norden.

Cäsar hat nun auf einer Papyrusrolle einen Kriegsbericht verfasst, in dem er Rechenschaft geben, aber auch seinen Ruhm mehren will; jedem Lateinschüler ist „De Bello Gallico“ bis heute bestens vertraut. Cäsars Berater, der gerissene Verleger Rufus Syndicus, stört sich allerdings an einem Kapitel, es handelt vom vergeblichen Krieg gegen die unbeugsamen Gallier. Das werde dem Ruf des Feldherrn und seinen politischen Ambitionen schaden, weiß Syndicus. Besser man lasse es weg, verschweige die Schmach.

Bekanntlich wird Geschichte von den Siegern gemacht. Und Cäsar ist so ein Sieger, seitdem der gallische Häuptling Vercingetorix ihm die Waffen zu Füßen warf. Doch gibt es zum Glück immer wieder Ausnahmen, eine List in der Überlieferung, dank derer wir auch heute noch von Asterix, Obelix und den anderen gallischen Kriegern wissen. Eben von dieser List erzählen Ferri und Conrad.

Cäsar streicht also das peinliche Kapital aus seinem „Kommentar zum Gallischen Krieg“ und folgt damit dem Rat des Syndicus. Doch einer seiner numidischen Schreibsklaven, er heißt Bigdatha, ist mit dieser Geschichtsklitterung nicht einverstanden und gibt das herausgerissene Kapitel an einen Journalisten weiter, einem „Kolporteur der Neuigkeiten“ mit Namen Polemix.

Bigdatha ist also ein Whistleblower und verantwortlich für ein Datenleak, das das gesamte römische Reich erschüttern könnte. Eine boulevardeske Zeitungsöffentlichkeit mit sprechenden Titeln wie „Imago“ oder „Tempus“ giert nur so nach einem neuen Skandal. Selbstverständlich gibt es in dieser dauernervösen Medienlandschaft auch schon ein Kurznachrichtendienst genanntes, wenngleich noch mit Brieftauben betriebenes Netzwerk, eine Art analoges Internet: Nicht nur das Imperium Romanum, also der mächtige Unterdrückungs- und Überwachungsapparat, sondern auch Polemix nutzt das antike Twitter für seine Zwecke. Mit anderen Worten, NSA kämpft gegen Wikileaks, hier wird abgehört und abgefangen…

Überflüssig zu erwähnen, dass in unserem gallischen Dorf Zeitung gelesen wird, die „Gallische Revue“, zugestellt von dem Boten Rohrpostix, den man schon in „Asterix und die Normannen“ und „Asterix als Legionär“ als Überbringer von Waffenmanufakturkatalogen und schlechten Nachrichten antreffen konnte.

Mehr Medien geht nicht. Dazu gehört dann auch die Medienkritik, insbesondere der Dorfdruide Miraculix stört sich an der Schriftfixierung seiner Gallier: „Viele Leute neigen dazu zu glauben, was geschrieben steht. Ein seltsames Phänomen.“ Der erfahrene Mann weiß stattdessen um die Macht der mündlichen Überlieferung, eben sie führt unsere gallischen Helden auf ihr kleines Abenteuer: Im Karnutenwald (bekannt aus „Asterix bei den Goten“) müssen sie den Druiden Archaeopterix finden, der ihre Geschichte, das peinliche Kapitel aus Cäsars Bericht, auswendig lernt und für die Nachwelt bewahrt.

In ihrem Asterix-Debüt aus dem Jahr 2013, „Asterix bei den Pikten“, erzählten Ferri und Conrad eine klassische Reise-Abenteuergeschichte und spickten sie, weitgehend frei von Gegenwartsbezügen, mit allerlei Zitaten aus den traditionsbildenden Comics von René Goscinny und Albert Uderzo. „Der Papyrus des Cäsar“ verhält sich dazu als Komplement, er deckt jene Werkhälfte ab, die damals noch unbearbeitet blieb.

In wesentlichen Teilen sind die unbeugsamen Helden in ihrem kleinen gallischen Dorf zu erleben, ähnlich wie in den Goscinny-Uderzo-Werken „Die Trabantenstadt“ und „Obelix GmbH & Co. KG“. An die Stelle der im „Pikten“-Band gepflegten Selbstreferenzialität sind Karikaturen und Metonymien unserer Jetztzeit getreten.

Besonders der Motivkreis der digitalen Kommunikation, der Netzkultur, des Datenschutzes und des Whistleblowerwesens wird ausgiebig ausgeschlachtet: von dem an den prominenten französischen Politikberater Jacques Sé- guéla erinnernden Syndicus bis zu dem Julian-Assange-Lookalike Polemix, der auf der Flucht vor der zensierenden Staatsmacht nach Zuflucht im Exil des gallischen Dorfes sucht; von den sattsam bekannten Piraten auf ihrem Schiff, die per Brieftaubenfang zu „Informationspiraten“ mutieren, bis zu den „tweet-tweet“-fiependen Eichhörnchen, die für die Nachrichtenübermittlung im Karnutenwald sorgen.

Derart dominant ist diese Motivik, dass man bald das Gefühl erhält, ihre möglichst lückenlose Repräsentation in der Geschichte habe den Autor und den Zeichner stärker beschäftigt als die Geschichte selbst. Selbige kommt eher langsam vom Fleck; es gibt im gallischen Dorf keine Intrige und (abgesehen von einem kleineren Ehestreit zwischen Majestix und Gutemine) keinen für sonderlichen Zunder sorgenden Konflikt; auch die kurze Exkursion in den Karnutenwald bleibt weitgehend risiko- und aufregungslos.

Beim Lesen fragt man sich daher zuweilen, wo das nun eigentlich alles hinführen soll. Und am Ende führt dieser Comic dann auch wirklich nirgendwo hin außer zu sich selbst zurück: Er zeigt, wie das, was man aus den Asterix-Comics bislang an von offiziellen Historiografen zensierter Geschichte erfahren konnte, über ein jahrtausendeüberspannendes System oraler Druidenkommunikation an die Ohren jener letzten großen gallischen Druiden gelangte, die das Schluss-Panel des Postskriptum zeigt: Albert Uderzo und René Goscinny.

So haben deren Erben Ferri und Conrad in ihrem zweiten Asterix-Werk den Ursprung und die Bedingung der Möglichkeit des eigenen Comic-Erzählens im Sinne der Autopoiesis rekonstruiert. „Der Papyrus des Cäsar“ ist ein tolles, oft witziges, intellektuell reiches Werk, das aber – wie schon „Asterix bei den Pikten“ – erneut von der funkelnd evozierten Verheißung lebt, dass es mit den Asterix-Abenteuern nun mal wieder richtig losgehen könnte.

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