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Asozial und amoralisch

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Von: Christian Schlüter

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Gotthold Ephraim Lessing, gemalt von Anton Graff.
Gotthold Ephraim Lessing, gemalt von Anton Graff. © getty

Zum Glück muss die Philosophie nicht jeden Mist mitmachen. Weshalb wir der Kunst bedürfen, erklärt Christoph Menkes "Kraft".

Zum Glück muss die Philosophie nicht jeden Mist mitmachen. Aber warum eigentlich nicht? Das Publikum mit unterhaltsamen Einsichten aus der ja nun wahrlich üppigen Geschichte gedachter Gedanken zu erfreuen, muss doch keine Sünde sein. Plato für Manager, Descartes in fünf Minuten oder Flirttipps mit Heidegger - warum eigentlich nicht? Philosophie soll Trost spenden und Ratgeberin sein.

Im Bereich der praktischen Philosophie, der Ethik und Moral, bieten sich ohnehin allerhand Dienstleistungen an. Die Frage nach dem richtigen Tun ist schließlich, je unübersichtlicher uns die Verhältnisse scheinen, umso dringlicher. Und beim Kunstgenuss hilft die Philosophie ebenso gerne mit ästhetischen Handreichungen aus. Wer denn also will, darf sich auch der sinnlichen Erfahrung mit höchstem Beistand hingeben.

Christoph Menke verbindet in seinem Buch "Kraft" beide philosophischen Teilbereiche, den praktischen und den ästhetischen, allerdings vermeidet er jeden spaßkulturellen Anklang. Ratgeberhaft will er an keiner Stelle sein. Dem Potsdamer Philosophen geht es mit der Kraft vielmehr um einen "Grundbegriff der ästhetischen Anthropologie" und damit, so das erklärte Ziel seines Buches, um die Begründung der menschlichen Freiheit aus dem Geiste der Kunst, respektive der künstlerischen Tätigkeit. Das ist kein leichtes, zumal auch kein ganz ungefährliches Unterfangen.

"Die Kraft des Künstlers", so Menke in seinen Überlegungen zu Friedrich Nietzsche, "besteht darin, sich freizumachen, sich loszureißen von der Macht des praktisch Guten und sich einem anderen Guten zu verschreiben: dem Guten seines eigenen Zustands spielerisch lebendigen Wirkens gesteigerter Kräfte." Diese im und durch den Künstler freigesetzten schöpferischen Kräfte folgen allerdings nicht den allgemeinen Prinzipien ethisch-moralischer Erwägungen; sie toben jenseits von Gut und Böse und bedürfen deswegen einer philosophischen Einhegung, einer Milderung.

Und so kommt alles darauf an, "die den Künstlern abgelernte ,Kraft' zur Beantwortung einer anderen Frage, der Frage der Weisen, der philosophischen Frage zu nutzen. Das ist die Frage nach dem guten Leben." Anregungen für sein ambitioniertes Projekt sucht Menke im 18. Jahrhundert.

In der nicht immer glücklichen, mitunter allzu schematischen Abgrenzung von Alexander Gottlieb Baumgarten und im Rückgriff auf Johann Gottfried Herders Überlegungen zu einer ,dunklen Ästhetik' soll mithin ein Begriff der Kraft gewonnen werden, in dem die menschliche Existenz ihren angemessenen Ausdruck findet.

Menke sucht nach etwas, das den Menschen nie vollkommen Subjekt sein lässt, das heißt, ein allein nach allgemeinen Gesetzen bestimmtes Wesen. Dazu grenzt er den Begriff der Kraft in dreifacher Weise ab: Er verweist weder auf ein praktisches und daher normengeleitetes Vermögen, noch auf ein mechanisches, die äußere Welt beherrschendes Gesetz, noch auf einen biologischen, etwa der Reproduktion dienenden Zweck. Die Bestimmung der "dunklen Kraft der Seele" liegt vielmehr darin, unbestimmt zu sein. Sie ist rauschhaft, wuchernd, verschwenderisch, eigentlich ein (begriffliches) Nichts, allerdings eines, das es in sich hat. Eben darin besteht ihr ästhetischer Sinn.

Das Können des Künstlers versteht sich in diesem Zusammenhang als Nichtkönnen: Gerade in dem Moment, in dem er aus allen lebensweltlichen, normen-, gesetzes- oder zweckbestimmten Belangen herausfällt, um zu einem schöpferischen Ausdruck seiner selbst zu gelangen, gewinnt er beispielhaft für sein Publikum jene Freiheit, die es ihm erlaubt, anstatt sich der Notwendigkeit zu unterwerfen sich dem Zufall auszusetzen - "dem lebendigen Spiel der Kräfte". Dass eine solche Freiheit asozial und amoralisch ist, ermöglicht dem Künstler eine experimentelle Existenz, innerhalb derer alles sich in ästhetisches (Spiel-)Material verwandelt.

Für Menke, der hier Nietzsche folgt, ist damit eine zweifache Distanznahme verbunden: Der sich im Rausch seiner schöpferischen Kräfte selbst verwirklichende Künstler darf nie ganz seinem Selbstgenuss erliegen, sondern muss in einer gewissen, vielleicht nur minimalen Entfernung zu sich selbst verharren, um den Rausch als solchen überhaupt erleben zu können; zugleich entfernt sich der Künstler vom gesellschaftlich Allgemeinen mit dessen praktischen Erfordernissen, den Normen, Gesetzen und Zwecken, um sich im ästhetischen, rauschhaft erfahrenen Ausdruck seiner selbst als Künstler zu vergewissern.

In dieser doppelten Distanz zum ästhetischen wie zum praktischen Guten, dem Guten seines rauschhaften Zustands und dem Guten seines gesellschaftlichen Handelns, sieht Menke die "ethisch-politische Bedeutung" der künstlerischen Tätigkeit. Denn sie erhält mit der Unterscheidung des Guten noch ein ganz anderes Gut: die Idee einer gelingenden, also glücklich-glückenden Selbstführung des menschlichen Individuums. Wie diese allerdings, so Menke abschließend, "durch Gründe und Zwecke begrenzt und durchlöchert" wird, weil sie den Menschen an seine Subjektivität, an seine soziale Teilnahme kettet, ohne dadurch unfrei zu werden, ist die Lehre, die die Künstler erteilen". Dafür herzlichen Dank.

Christoph Menke, Kraft. Ein Grundbegriff ästhetischer Anthropologie,

Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2008,

155 Seiten, 15 Euro.

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