„Diese alte Sehnsucht“

Asche auf Cape Cod

Zwischen Slapstick und subtilem Familiendrama: Richard Russos Roman wird von der Erkenntnis getragen, dass man von dominanten Erzeugern nie richtig loskommt, dass man aber auch gleich so wird wie sie.

Von Christoph Schröder

Der schlimmste Gedanke für einen Mann: Den Erwartungen seiner Eltern nie gerecht geworden zu sein. Der zweitschlimmste: Mit zunehmendem Alter all die Angewohnheiten anzunehmen, die er an den Eltern immer verachtet hat. Dass man von dominanten Erzeugern nie richtig loskommt, ist das eine; dass man aber auch gleich so wird wie sie, das andere. Von dieser so grundlegenden wie desillusionierenden Erkenntnis ist Richard Russos Roman getragen; davon ausgehend entfaltet Russo, Pulitzer-Preisträger des Jahres 2002, eine Midlife-Crisis-, Ehe- und Familienkomödie. Oder Tragödie, je nachdem.

„That Old Cape Magic“, so lautet der Titel des Originals, und darin äußert sich gleich ein weiterer Vorzug von Russos Prosa: Sie ist auf sympathische Weise hemmungslos sentimental. Um gleichzeitig den Protagonisten ihre Gefühlsduseleien wieder auszutreiben. „That Old Cape“ ist Cape Cod, jene Halbinsel in Massachusetts, auf der vorwiegend die Ostküsten-Oberschicht ihre Sommerfrische verbringt. Hier hat auch Jack Griffin die Ferien mit seinen Eltern verbracht. Die sind weder reich noch von der Ostküste, dafür aber ausgestattet mit einem gigantischen Fundus an akademischem Dünkel und Snobismus. Zwei Literaturwissenschaftler, die mit dem Schicksal hadern, als Professoren im „Scheiß Mittleren Westen“ gelandet zu sein.

Natürlich gibt es den Traum eines eigenen Ferienhauses auf Cape Cod. Die Immobilien werden eingeteilt in zwei Kategorien: „Können wir uns nicht leisten“ oder „Würden wir nicht geschenkt nehmen“. Gerade gut genug ist nichts. All das ist schon lange her und wird in Jack Griffins Erinnerungsschleifen präsentiert. Der ist mittlerweile selbst seit Jahrzehnten verheiratet, hat eine wohl geratene Tochter und seinen Job als Drehbuchschreiber in Hollywood zugunsten einer Professur an den Nagel gehängt. Doch bei Jack ist vieles durcheinander geraten; „plötzlich war es, als eiferten sein toter Vater, seine lebende Mutter, sein alter Beruf, seine Kindheit und Jugend um seine Aufmerksamkeit.“ Den toten Vater fährt Griffin nun schon seit Monaten in einer Urne im Kofferraum spazieren, unfähig, die Asche wie geplant auf Cape Cod zu verstreuen.

Russo entspinnt ein Geflecht aus familiären Fallstricken, indem er zwei Modelle gegeneinander stellt: Der Zusammenhalt in der Sippschaft seiner Frau Joy (für die Jacks Eltern nur Verachtung übrig haben) und die verkrampften Versuche Jacks, vor allem seine Mutter aus seiner Ehe herauszuhalten – mit dem Ergebnis, dass sie dort umso machtvoller ihren Platz einnimmt. Irgendwann beginnt sie, in Jacks Kopf alles zu kommentieren. Dann wird es besonders gruselig. All das hat großes selbstzerstörerisches Potenzial.

Streckenweise bedient sich Russo aus dem Fundus des Slapstick; dann erinnert „Diese alte Sehnsucht“ an die Ben-Stiller-Komödie „Meine Braut, ihr Vater und ich“, was kein schlechter Referenzrahmen ist. Dazwischen allerdings gibt es immer wieder Momente von großer Subtilität. Griffin schreibt an einer Erzählung über einen der Kindheitssommer auf dem Cape. Als er seiner Mutter davon erzählt, korrigiert diese mit größter Selbstverständlichkeit Details, die sich in Jacks Kopf als Fakten abgelagert haben.

Ob das der perfide Versuch der Mutter ist, Erinnerung umzuschreiben, oder ein Hinweis darauf, dass Jack selbst ein unzuverlässiger Erzähler sein könnte, bleibt in der Schwebe. Hinter jeder dieser Biografien jedoch spürt man die Angst, bei aller vermeintlichen intellektuellen Selbstsicherheit am Ende doch nur eine große Lüge gelebt zu haben.

Richard Russo: Diese alte Sehnsucht. Roman. A. d. Engl. von Dirk van Gunsteren. DuMont Verlag, Köln 2010, 352 S., 19,95 Euro.

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