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Artur Becker: Niemand darf verloren gehen

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Von: Artur Becker

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Artur Becker in Tokio. Foto: Goethe-Institut Tokyo/Yohta Kataoka
Artur Becker in Tokio. Foto: Goethe-Institut Tokyo/Yohta Kataoka © Goethe-Institut Tokyo/Yohta Kataoka

Mag die Weltgeschichte auch ein unverbesserlicher Menschenfresser sein, ich gebe nicht auf. Dankrede für den Kakehashi-Preis von Artur Becker.

Aus einem Land zu kommen, in dem alles ständig verschwindet, die Grenzen andauernd verschoben werden und dessen Bewohner austauschbar sind, bringt mit sich – ist man Dichter – gewisse Aufgaben und sogar Verantwortung. Wie geht man poetisch, historisch, politisch, philosophisch und metaphysisch mit so einer Zerbrechlichkeit um?, fragt sich der Autor, der in Ermland und Masuren, dem ehemaligen Ostpreußen im heutigen Polen, geboren wurde und dort seine Kindheit und einen Teil seiner Jugend verbracht hat. Und warum spürt man diese Zerbrechlichkeit als verpflichtend gegenüber der Literatur und dem Menschen? Warum fühlt man sich schuldig und für all die Toten, die das wunderbare Land einst bevölkert haben, verantwortlich? Warum will man sie schließlich alle retten, die Toten und die noch Lebenden, die doch vielleicht gar nicht gerettet werden wollen oder gar müssen?

Ich habe jedenfalls nie verstanden, wie ein einzelnes Schicksal wichtiger sein kann als das der anderen Menschen, was Diktatoren zum Beispiel kein Kopfzerbrechen bereitet. Für mich steht nämlich fest: Alle Schicksale sind wichtig und ihre Spuren und individuellen „Codes“ müssen irgendwo im Weltall wie auf einer Festplatte eine Ruhestätte haben, so dass man alle Daten jederzeit wieder abrufen kann. Niemand darf mit seiner Geschichte verloren gehen, denn meine schriftstellerische Aufgabe habe ich stets als die angesehen, uns alle zu retten – über die Geschichten und in den Geschichten, was natürlich quantitativ nur misslingen kann. Trotzdem gebe ich mein Vorhaben niemals auf, mag die Weltgeschichte auch ein unverbesserlicher Menschenfresser sein.

Zur Person

Artur Becker, geboren 1968 in Polen, kam 1985 nach Deutschland und lebt als Schriftsteller in Frankfurt. Zuletzt erschien sein Essayband „Links. Ende und Anfang einer Utopie“.

Der Kakehashi-Literaturpreis soll die deutschsprachige Gegenwartsliteratur und ihre Übersetzung ins Japanische fördern. Der Preis ist mit 20 000 Euro dotiert und wird seit 2013 alle zwei Jahre von dem Unternehmen Merck und dem Goethe-Institut in Tokio ausgelobt. Die Übersetzerinnen und Übersetzer reichen dafür Vorschläge ein. 2020 gewannen Lutz Seiler und der Übersetzer Jisung Kim mit „Kruso“ .

Übersetzerin Tsuzuko Abe hat Beckers „Drang nach Osten“ (weissbooks 2019) vorgeschlagen. Der Roman, so heißt es in der Jurybegründung, zeige, „wie sorgsam man mit der Vielschichtigkeit der Geschichte umgehen kann, um daraus eine kritische, offene, europäische Identität zu stiften“. Abe und Becker wurden jetzt in Tokio ausgezeichnet.

Der Wunsch, möglichst vielen, mir bekannten Menschen Unsterblichkeit in meinen Geschichten zu verleihen, sehe ich als eine Pflicht an, und sie resultiert daraus, dass ich nicht verstehe, wie man Geschichten dem Vergessen preisgeben kann. Mir scheint es auch, dass wir Schatten unserer wahren Geschichten sind, Schatten unserer wahren Beweggründe und unserer wahren Tode und Leben. Mir kommt es so vor, als würden wir uns innerhalb von unzähligen Wirklichkeiten, die wir und andere kreieren, das Leben besonders schwer machen, da wir meistens die Geschichte, in der wir meinen, tatsächlich zu leben und zu sterben, für die einzig wahre Geschichte halten.

Nein, das ist falsch. Wir leben eine mögliche Geschichte, eine, die sich selbst gewählt hat und die uns vorgaukelt, unsere eigene und eine spezielle zu sein. Aber wir hätten genauso gut jemand anderes werden können und hätten dann diese Geschichte für die richtige, die wahre gehalten. Hinter dieser List gibt es eine Methode: Es ist ein Spiel, das wir nicht einmal bemerken – es ist das ewige Spiel des Seins, das uns die Freiheit schenkt und den freien Willen und vorgaukelt, wir könnten uns selbst erzählen, ja, wir könnten sogar die Welt, in der wir täglich agieren, erzählen. Das tun wir auch, aber welche Geschichte die Welt wirklich vollständig erzählt, wissen wir nicht, und da sich dieses Problem wiederholt, trotz epistemologischer Fortschritte unserer Wissenschaft und Kultur, glauben wir oft, unsere Welt ist uns zwar wohlgesonnen, aber sie braucht uns und unsere Geschichten nicht. Es ist ein schmerzlicher Bewusstseinszustand, in dem wir dann Religionen oder Philosophie oder Kunst bemühen, um unserem Leben einen Sinn zu ermöglichen. Oder wir stürzen uns in die Arbeit und verdrängen die Tatsache, dass auch unsere Werke vergänglich sind.

In meinem Roman „Drang nach Osten“ fliehe ich nicht vor all den Gedanken und Spekulationen über die Qualität der Wirklichkeit, in der wir leben und denken und uns die Welt ausdenken. Denn nur die Literatur gibt mir das Gefühl, dass ich nicht lüge und dass meine Figuren keine Lügner sind, sondern aus Fleisch und Blut geschaffene Wesen, die sich ihrer Existenz vollkommen bewusst sind.

Bin ich paranoid, weil mir ein Buch wirklicher erscheint als das sogenannte wahre Leben? Nein, ich bin nicht psychisch krank. Aber mein Erzählen und Dichten ist ein Erzählen und Dichten in diesem ständigen Widerspruch des Fiktionalen und des tatsächlich (ontisch) vorhandenen Materials, das aber durch das Fiktionale entzaubert wird. Im Prinzip bin ich ein furchtbar schlechter Kopierer und Plagiator der Schöpfung, wie sie in der Natur und in den Dimensionen des Universums täglich arbeitet.

Ich kopiere die Welt, und in ihr können meine beiden Großmütter, die 1945 im ehemaligen Ostpreußen und neuen Polen ums Überleben kämpfen mussten, wieder ihre Geschichte erzählen. Ich habe versucht, sie und ihre Männer zu verteidigen, aber es ist mir misslungen, und meine Figuren haben sich verselbständigt und leben in „Drang nach Osten“ ihr eigenes Leben. Es ist eben unmöglich, einen Sandkasten zu bauen, in dem Mimesis wie auf einem Holodeck endlich perfekt funktionieren würde. Dichtung und Kunst sind verräterisch, doch für mich die einzige Methode, den Versuch der Kreation trotzdem immer wieder neu zu starten, wohlwissend, dass eine Geschichte niemals vollkommen erzählt werden kann, wie es wirklich war ...

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