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Artem Tschech „Nullpunkt“: Man gehört sich selbst nicht mehr

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Von: Christian Thomas

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Ukrainische Soldaten sichern 2015 in Luhansk eine Gefangenenübergabe.
Ukrainische Soldaten sichern 2015 in Luhansk eine Gefangenenübergabe. © AFP

Eine kleine Ukraine-Bibliothek (19): Artem Tschechs „Nullpunkt“

Wohin? In den Krieg? Wann? Im Mai 2015? Warum? Die Frage stellt sich zunächst nicht. Nicht so dem Ukrainer Artem Tschech, nicht dem Schriftsteller, nicht dem Freiwilligen. Als wäre das Motiv ein wunder Punkt für einen Soldaten, der am Ende, nach 14 Monaten, die Ostukraine verlässt. Verabschieden kann er sich von zwei, drei Freunden, die er anfangs Kumpel nannte, Kameraden, verabschieden vom Unterstand und dem Niemandsland. Den Rücken kehren kann er der Front, dem Feind. Selbst dem Tod.

Während der letzten Tage vor der Entlassung im Juli 2016 hält er fest: „Die Zeit verging langsam, jeden einzelnen Tag erlebten wir prall, intensiv“ – doch so intensiv die Todesnähe: „den Krieg kann man leicht übersehen“. Ein Paradox eingestandenermaßen, denn präsent ist sein Schrecken bereits in den Träumen des Soldaten. Wie überhaupt das Erleben einer auf sich selbst zurückgeworfenen Existenz intensiver geschildert wird als die Erfahrungen in Kampfhandlungen.

Artem Tschech ist Jahrgang 1985. Im Jahr 2007 brachte er seinen ersten Roman heraus, sein Bericht „Nullpunkt“ erschien zehn Jahre später. Der Autor, ein Kriegsfreiwilliger, zeigt sich als ein entschiedener Verweigerer von Kriegsdarstellungen. Zudem reagiert Tschech, der von sich sagt, dass er ein „halber Hipster aus der Hauptstadt“ sei, auf den Krieg nicht als Patriot. Eher als ein „Dahergelaufener“ hat er sich rekrutieren lassen zur Verteidigung der Souveränität und Integrität der Ukraine.

Wenn im Ausbildungscamp auf die Tradition der Kosaken verwiesen wird, ein „sentimental-romantisches Vorgefühl“ abgerufen werden soll, geht der Autor auf Distanz. Die Regierung in Kiew hat, auch wenn der Zivilist Tschech für einen Regierungswechsel auf die Straße ging, alles andere als einen guten Leumund. Zunehmend besser ist das Ansehen des Glaubens, der von einem Kaplan ins Gespräch gebracht wurde.

Wenn es schon im ersten Teil des Buches heißt: „Schreib, Tschech“, dann haben die Soldaten um ihn herum, „Kumpel“, „Landsleute“, einen Chronisten ausgemacht, von dem sie sich in ihrer Sicht auf den Krieg bestätigt sehen möchten. „,Schreibst du auch über mich?‘“ Aber wie dem „Material“ gerecht werden, wie den „Protagonisten“, die „vielgestaltig“ sind, „und es sind viele, so viele – bis zum Überdruss“.

Vielfältig die Zumutungen, der Schweiß und der Staub in der Steppe, die Bedrohung durch Schlangen in notdürftigen Unterkünften, während auf der Uferpromenade am Schwarzen Meer das Leben pulsiert. Im Donbas dann, an der Front, ist es ein Leben im Unterstand, ohne Tageslicht. Vor der in die Erde getriebenen Höhle ein Blickfeld, das über Niemandsland reicht, der gegenüberliegende Schützengraben einen Kilometer entfernt. Entfernt?

Ein besonderes Extrem der Winterkrieg. Innerhalb weniger Tage in diesem „Nirgendwo“ ein Anstieg der Temperaturen von weit unter null Grad auf plus acht mit der Folge, dass der geschmolzene Schnee den Unterstand unter Wasser setzt und sich nicht nur das Toilettenpapier auflöst – aber damit mehr noch, lebenserhaltende Routinen. Die Bedingungen im Unterstand sind menschenunwürdig, der Überlebenswille übermenschlich. Der Feind zeigt sich nicht körperlich, anwesend ist er mit seinem Material.

Anders als der Realismus der Fotografien Brendan Hoffmans in diesem Buch bildet Tschechs Bericht ein Spektrum an Ausdrucksformen ab. Den Sex spricht er äußerst zurückhaltend an, er existiert als Abstraktum. Heftiger die Klagen über entzündetes Zahnfleisch, über die Mäusekadaver unterm Kopfkissen. Über Ratten kein Wort, groß die Wut über die Monotonie während der Nachtwache oder beim Holzhacken.

Zur Reihe

Eine kleine Ukraine-Bibliothek, nicht chronologisch angelegt, nicht systematisch zusammengestellt, gedacht als Angebot zur Orientierung. Davon ausgehend, dass sich Schauplätze, ob fern oder fremd, durch Bücher von jedem Ort der Welt aus aufsuchen lassen.

Artem Tschech: Nullpunkt. Aus dem Ukrainischen von Alexander Kratochvil und Maria Weissenböck. Mit Fotografien von Brendan Hoffman. Arco Verlag 2022. 200 S., 20 Euro.

Zuletzt ins Regal gestellt: Tanja Maljartschuks „Von Hasen und anderen Europäern“, Markijan Kamyschs „Die Zone oder Tschernobyls Söhne“, Gwendolyn Sasses „Der Krieg gegen die Ukraine“, Julia Kissinas „Frühling auf dem Mond“, Erzählungen von Nikolai Gogol und die Bände „Herbstfeuer“ sowie „Samson und Nadjeschda“ von Andrej Kurkow.

Die beiden nächsten Bücher werden „Glückliche Fälle“ und „Anfang des Krieges“ von Yevgenia Belorusets sein.

Tschechs Begegnung mit seiner Frau, ein Zusammensein für zwei Tage, kurz nachdem von ihr, Iryna Zilyk, ein neues Buch erschienen ist, scheint überschattet von Sprachlosigkeit. Auf die Hilfsbereitschaft der „Volontäre“, die die Frontkämpfer unterstützen, reagiert er zumeist unwirsch. Auf den Starrsinn von Vorgesetzten und den ständigen Materialnotstand in den Arsenalen gallig.

Gelegentlich kommt Tschech auf den Maidan zu sprechen. Die Demonstrationen ballten die Freiheitswünsche, bündelten die Hinwendung der Ukraine nach Westen, angefangen mit dem Versprechen der Visumsfreiheit. Kein sentimentaler Blick auf den Majdan, kein heroischer, eher ein trotziger. Davon gibt es weitere Beispiele, durch die der Eigensinn des Autors auf die Entmündigung reagiert, der Soldat mit Sarkasmus, der in Uniform steckende Zivilist mit Zynismus. Wobei sein Sarkasmus eine Haltung ist, die sich nach Mitstreitern umsieht, während Tschechs Zynismus sich in einem Niemandsland weiß.

Nach 80 Seiten ein Toter, „Reste von vertrocknetem Fleisch“ in einer „ausgebrannten Fahrerkabine“. Grauenvoll ebenfalls zwei weitere Prosastücke. Das eine handelt von einem Kommandanten, der verschwunden ist. Ein Deserteur, ein Überläufer, ein Verräter? In einem Waldstück findet man seine Leiche. Die Kugel in seinem Kopf fügte er sich selbst zu, „sein Körper war von Füchsen halb aufgefressen“.

Ebenfalls entsetzlich das Schicksal eines verwahrlosten Soldaten, der glaubt, dass „sein Herz nicht mehr schlage“, seine „inneren Organe geschmolzen“ seien. Das Syndrom hat einen Namen, es lässt sich googeln. Irre geworden an der Realität, hat sich das Opfer aus ihr verabschiedet und wird eingeliefert „in die Klapse“, wie Tschech schreibt, womit sich bestätigt, was ihm schon während der Ausbildung klar wurde: „Es tut einem zunehmend weniger um die Menschen leid, und allmählich machen sich Gefühllosigkeit und Brutalität breit.“

Der Titel „Nullpunkt“ markiert nicht nur die Frontlinie zwischen der Armee der Ukraine und den prorussischen Söldnern im Donbas und in Luhansk. Am Nullpunkt befindet sich auch die mentale Verfassung des Berichterstatters. Im Spiegel stellt er sich ins Gesicht die Frage: „,Junge, bist du das?‘“

Soeben veröffentlicht in der Übersetzung von Alexander Kratochvil und Maria Weissenböck, war das Buch, so betont der Arco Verlag in einer editorischen Notiz, bereits 2020 geplant. Auf Deutsch erst im Herbst 2022 verwirklicht, fand Tschech „leider keine Gelegenheit“, ein aktuelles Vorwort zu seinem Werk beizusteuern. Das wird bedauert, zumal eine Stelle wie die folgende in den Anmerkungen als „völlig überholt“ bezeichnet wird: „Unsere Städte werden nicht bombardiert, unsere Frauen nicht vergewaltigt.“

Seit dem Frühjahr 2022 verteidigt Artem Tschech die Ukraine erneut gegen den Aggressor Russland, mittlerweile als Kommandeur, wiederum mit Maschinenpistole und Tablet. Darauf entstand auch sein Bericht „Nullpunkt“, weit entfernt von jedweder heroischen Nachhut – oder postheroisch-pazifistischen. So oder so, Tschech ist kein Autor, der sich mit einem abenteuerlichen Herz munitioniert. Keine Stahlgewitter, von denen er hören ließe, vielmehr wird der Krieg auf die Erkenntnis und seine ebenso nackte Existenz reduziert: „Metall gegen Menschen“.

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