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Arnold Stadler: „Mein Leben mit Mark“ – Die Geschichte einer Bewunderung

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Von: Ewart Reder

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Der US-amerikanische Maler Mark Tobey, 1956.
Der US-amerikanische Maler Mark Tobey, 1956. © DB UPI/dpa

Der Schriftsteller Arnold Stadler schreibt über seinen Lebensmaler Mark Tobey und sich

Zwischen den Welten“ heißt ein Bild des US-Amerikaners Mark Tobey (1890–1976). Der Titel drückt nebenbei die Stellung dieses Malers in der Kunstgeschichte aus. Inspiriert von der frühen europäischen Moderne ebenso wie von der Malerei und Kalligraphie des Fernen Ostens, hatte Tobey spätestens in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts maßgebenden Einfluss auf die Kunstentwicklung in den USA, besonders auf Jackson Pollock. Selber berühmt war Tobey nur kurz. Das würde Arnold Stadler am liebsten ändern und hat ein Buch über ihn geschrieben: „Mein Leben mit Mark. Unterwegs in der Welt des Malers Mark Tobey“. Es entspringt zur Gänze dem Enthusiasmus und der Liebe – Regungen, die Stadlers Literatur allgemein kennzeichnen.

„Zwischen den Welten“ sei Tobey auch insofern unterwegs gewesen, als er im Sichtbaren der Welt zugleich geistiges Leben wahrgenommen habe, meint Stadler. Nicht abstrakt habe er gemalt, vielmehr konkret dasjenige, was ein schulmäßig verengter Blick übersieht. „We are all waves to the same sea“, so die Grundüberzeugung des von Jugendjahren an praktizierenden Baha’i. Sein Bewunderer Stadler reist an wichtige Tobey-Orte, blickt in die Wasser des Mississippi, an dessen Ufer das Idol aufwuchs, durchstreift die Gassen Basels, wo Tobey zuletzt lebte, starb und begraben liegt, vollzieht dessen Geisteshaltung nach. Bisweilen projiziert der Autor hemmungslos eigene Gedanken auf seinen Gegenstand, etwa wenn ihm die Welt um 1900, speziell die USA, als Refugien unverbildeter Sentimente und eines noch ganzheitlich-intakten Menschen erscheinen wollen.

Überraschenderweise stört das nicht. Ebenso wenig wie Stadlers Wortkargheit in der Frage, wie Tobeys Bilder eigentlich beschaffen sind. Sie überschreiten den Bildrand und haben kein Zentrum, erfahren wir, brechen diesbezüglich mit auf die Renaissance zurückgehenden Traditionen. Etliche Tobeys gestalten die Ränder jedoch sehr bewusst, und die traditionelle Kompositionslehre folgte seit dem 17. Jahrhundert nicht mehr einer Ästhetik der Bildmitte. Denkt man an „Seek My Face“, John Updikes unvergleichlichen Roman über Lee Krasner, Jackson Pollock und die damalige New Yorker Kunstszene, kann man nicht behaupten, moderne Malerei lasse sich mit literarischen Mitteln nicht genauer beschreiben. Der Weg, den Stadler geht, ist schlicht ein anderer. Gesichert wird er zum einen durch großartige Reproduktionen vieler Tobeys, die mitsprechen mit dem Text, außerdem pfiffig kommentiert sind. Zum anderen und hauptsächlich führt dieser Weg über eine Brücke, die so immateriell wie unfehlbar ist: die lebenslange Begeisterung eines Getreuen.

Denn wie sollte die sich irren, wenn ihr Objekt sämtliche Wandlungen der eigenen Biografie übersteht, genauer: überstrahlt? Stadlers Meinung über Tobey wandelt sich nicht, sie bildet sich heraus. Seit der Schriftsteller einen frühen Plan, Priester zu werden, verwarf und die Theologie gegen die Literatur eintauschte, seit jener in Freiburg durchlebten Wendezeit ist er mit Bildern Mark Tobeys bekannt. Ein Freund zeigt sie ihm. Über ihn lernt er das Ehepaar Beyeler und weitere Tobey-Manen des Kunstmarkts kennen. Irgendwann ist klar: Er wird ein Buch über Tobey schreiben. Findet sich beinahe überrascht bei der Arbeit an dem Buch, reist den Lebensstationen, den Einflussregionen seines Helden nach und erfährt, wie der immer lebendiger vor ihm steht – obwohl er seit Jahrzehnten tot ist und auf keine Frage direkt antworten kann.

Das Buch

Arnold Stadler: Mein Leben mit Mark. Unterwegs in der Welt des Malers Mark Tobey. Hanser, München 2022. 172 S., 30 Euro.

Zwischendurch wird das Buch zu einem Itinerar Martin Heideggers, weil der wichtige Bezugsmenschen Stadlers kannte – und obwohl Tobey sich ihm nicht erschlossen zu haben scheint. Man geht solche Abwege bereitwillig mit, weil sie zum Schreiben Stadlers gehören und man den Autor auf ihnen kennenlernt. Inhaltliche Wiederholungen, auch mehrfache, lässt man sich aus dem gleichen Grund gefallen und stellt fest: Sie passen zur Arbeitsweise auch des Malers.

Was ist das, Erfolg?

Etwas so Ungreifbares und zugleich Essenzielles wie ein besonderes Künstlertum wird von nichts anderem mehr gefördert als von der Begegnung mit einem geistesverwandten Künstler. Man sollte die Definition künstlerischen Erfolgs umschreiben. Nicht der hat es am weitesten gebracht, den die meisten Leute auf der Welt kennen, sondern der, dessen Kunst auf einzelne einen so tiefen und damit unbezweifelbar echten Eindruck machen konnte wie die Kunst Mark Tobeys auf Arnold Stadler.

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