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Aber hinaufsteigen will er nicht, der Blick von der Hotelterrasse reicht ihm. Dazu gerne eine Zigarre. CARL DE SOUZA/afp
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Aber hinaufsteigen will er nicht, der Blick von der Hotelterrasse reicht ihm. Dazu gerne eine Zigarre. CARL DE SOUZA/afp

Roman

Arnold Stadler „Am siebten Tag flog ich zurück“: Der Blick auf den echten Kilimandscharo

  • vonMartin Oehlen
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Mit seiner Tansania-Reise verwirklicht sich Arnold Stadler einen Kindheitstraum und beschert uns einen tollen Trip, in dem die Assoziationen klickern und klackern wie die Kugel im Flipperautomaten

Den Kilimandscharo hatte Arnold Stadler in seiner Kindheit stets im Blick. Da hing der Gipfel über dem heimischen Esstisch. Ein Ölgemälde des Künstlers Fritz Lang, nicht identisch mit dem Filmregisseur. Dieses Bild hat die Sehnsucht geweckt. Das ist lange her. Doch die Sehnsucht blieb. Da traf es sich dann doch sehr gut, dass Arnold Stadler von der Wochenzeitung „Die Zeit“ vor vier Jahren eingeladen wurde, diesen Sehnsuchtsgipfel in Tansania zu besuchen.

Die Reisereportage von 2017 hat Arnold Stadler nun zum Ausgangspunkt seines neuen Romans gemacht. Zu einem Roman, wie nur er ihn schreibt. Arnold Stadler, den wir der Einfachheit halber fortan mit dem erzählenden Ich gleichsetzen, obschon wir wissen, dass dies ein Roman ist, also als nichts als erfunden anzusehen ist, Arnold Stadler also bleibt sechs Tage in der für den Tourismus aufbereiteten Wildnis. Am siebten Tag fliegt er zurück, ja, muss er zurückfliegen, weil er einen Anschlusstermin hat.

Noch am Abend der Heimkehr ist er zur sogenannte Eiswette in Bremen eingeladen. Als Ehrengast. Für diese sehr förmliche Veranstaltung hat er den Smoking im afrikanischen Gepäck, auch Fliege und Lackschuhe. Dass ihm Teile dieser festlichen Ausrüstung von einem Affen entwendet werden, darauf kommen wir vielleicht noch zurück – aber wahrscheinlich nicht.

Das Buch:

Arnold Stadler: Am siebten Tag flog ich zurück. Meine Reise zum Kilimandscharo. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2021. 240 S., 23 Euro.

Denn es gibt noch so viel mehr zu erzählen von diesem wunderbaren Mäandern, mit dem uns Arnold Stadler deutlich macht, dass er am falschen Ort gelandet ist. Nicht wegen des immer wieder erwähnten „ökologischen Fußabdrucks“ und der daraus resultierenden „Flugscham“, sondern weil er sich nicht behaglich fühlt in den Luxus-Lodges. Auch trifft er auf Menschen, die irritiert sind, dass er zwar zum Kilimandscharo reist, aber ihn nicht besteigen will, sondern dass ihm der Blick von der Hotelterrasse auf den Gipfel mit seinem Äquatorschnee genügt. Gut, eine Zigarre obendrein ist erst recht angenehm.

Mit Arnold Stadler, dem Mann aus Rast bei Meßkirch in „Schwäbisch Mesopotamien“, auf Reisen zu sein, verheißt einen tollen Trip. Da erinnere man sich nur an „Feuerland“. Und so ist es jetzt wieder mitten in Afrika. Seine Erzählung gleicht einem amüsanten Oratorium, in dem ein ums andere Mal zentrale Sentenzen wiederholt werden. All diese herrlichen Redundanzen sorgen für Rhythmus und Rahmung – ja, sie sind der Bilderrahmen für das Gemälde, das nun nicht Fritz Lang malt, sondern Arnold Stadler.

Worum geht es eigentlich? Um nichts Geringeres als um das, was Arnold Stadler bei dieser Reise durch den Kopf geht. Also um Gott und die Welt. Um die Person, die immer noch „ich“ sagt: „Was für ein Joint Venture aus Samenzelle und Ei.“ Um Touristen, die einander in der Fremde erzählen, wie schön es ganz woanders ist. Um den deutschen Kolonialismus, der in Afrika in Konkurrenz mit anderen europäischen Nationen gewütet hat. Um das Verschwinden der Kindheit und das Verschwinden der Kindheitspfade (Stichwort „Makadam“, abgeleitet vom schottischen Erfinder John Loudon McAdam, der im 18. Jahrhundert die Ertüchtigung von Fahrbahnen revolutioniert hat, so dass zu befürchten ist, dass dereinst auch noch der letzte raue Track durch den Serengeti-Nationalpark befestigt sein wird). Schließlich geht es auch um die Erfahrung, dass der Blick auf den Kilimandscharo doch noch etwas anderes ist als der Blick auf ein Ölgemälde vom Kilimandscharo.

Zwischendrin noch viel, viel mehr von Heilige Drei Könige bis Après-Ski. Auch einiges aus dem Leben als Dichter. Dem ist der Betrieb mittlerweile so vertraut, dass er ein Buch unter dem Titel „Meine Begegnungen mit Literaturnobelpreisträgern“ schreiben könnte: „Den großen alten Böll sah ich einmal missmutig in den Gassen von Ascona, bald starb er, aber nicht deswegen (also wegen Ascona oder mir).“ Und Peter Handke hatte unseren Erzähler in Weimar an der Bar des „Elefanten“ gefragt: „Wovon lebst du? Bist du mit einer Lehrerin verheiratet, oder arbeitest du als Zuhälter?“ Ob das wahr ist? Handke in echt? Vermutlich.

Arnold Stadler ist ein Meister der Lakonie und Selbstironie, der Pointe und des wunderbar kultivierten Selbstzweifels. „Am siebten Tag flog ich zurück“ besticht als famoses Räsonnement voll Wissen, Witz und Melancholie. Die Assoziationen klickern und klackern wie die Kugel im Flipperautomaten. „Mein Leben hat keinen Plot“, heißt es einmal. Der Roman, der von diesem Leben handelt, allerdings schon. Wie der Erzähler sein Ringen in und mit der Welt zum Besten gibt, ist ein Erlebnis – in etwa so stark wie das einer Safari, bei der die „Big Five“ im Minutentakt hintereinander paradieren.

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