+
Der Avantgardist und Eremit Arno Schmidt.

Arno Schmidt

Arno Schmidt, der Eremit von Bargfeld

Arno Schmidt gehört zu den größten deutschen Schriftstellern. Am 18. Januar 2014 wäre Arno Schmidt, der den mit dem „Stigma der Mittelmäßigkeit“ behafteten Literaturnobelpreis nicht bekommen konnte, 100 Jahre alt geworden. Eine Hommage.

Von Hans-Jürgen Linke

Von Oldendorf waren wir mit Fahrrädern über das mittlere Lüßplateau gekommen, auf Fahrwegen im Zickzack durch Wald und Heide, vorbei an Maisfeldern und halbtrauernden Kühen und Biogasanlagen. Ein künstlicher Teich, mit Umzäunung und Liegewiese zur ländlichen Badeanstalt aufgewertet, zeigte, dass wir wieder in die Nähe einer Ortschaft gelangt waren.

An der asphaltierten Dorfstraße gab es ein Gehöft unter Eichen, dann standen wir vor dem gut in die Umgebung eingepassten Bungalow der Stiftung. Das ärmliche, wettergraue Holzhaus dahinter sah einerseits aus wie je. Andererseits auch so anders als in der Erinnerung, dass Christof entschieden den Kopf schüttelte: Das ist es nicht.

Das Haus lag geheimnislos an der Straße, wie das unter Häusern üblich ist. In einem diffusen „Früher“ aber war da eine dunkle Hecke aus Fichten und Thujen gewesen, die das Haus verheißungsvoll verborgen hatten. Und musste man nicht „früher“ durchs geschlossene Hoftor ins Halbdunkel linsen?

Die simple Wahrheit: Fichten und Thujen wachsen und hören irgendwann auf, verbergende Hecken zu bilden. Das Haus wandte sich nicht mehr von der Welt ab, es stand einfach mitten in ihr herum. All die skurrilen Geschichten wie die vom Streuselkuchen, der den über weite Strecken angereisten Ergebenen von Alice Schmidt durch das geschlossene Hoftor gereicht wird, sollen hier stattgefunden haben?

Das Arnoschmidthafte ist von diesem Ort verschwunden. Man hätte wohl, nach vorheriger Anmeldung, das Haus sogar von innen besichtigen können, aber es war Sonntag. Ob sonntags jemand im Stiftungsbungalow Dienst schiebt?

Arno Schmidt ist kein Gegenwartsautor mehr

Am 18. Januar 2014 ist also Arno Schmidts 100. Geburtstag zu feiern. Wer die Geschichte von Tina (Niederschrift: November 1955) kennt, weiß, dass ihm das nicht behagen wird, weil: Mit all den anderen Schriftstellern wartet er im Elysium darauf, ins Nirwana eingehen zu können.

Das klappt nicht, so lange man auf Erden noch gedruckt wird, und es kann sein, dass inzwischen auch Netzpublikationen diese Wirkung haben. In jedem Fall hätte Arno Schmidt in absehbarer Zeit keine Chance aufs Nirwana. Wenigstens hat er nie den Nobelpreis bekommen, den er in einem inhaltlich untadeligen, in der Haltung gleichwohl snobistischen Essay mit dem „Stigma der Mittelmäßigkeit“ behaftet sah.

Doch es ist stiller um ihn geworden. Er wird erforscht. Er ist, nach vieljährigen Anstrengungen, angemessen verlegt. Seine Leser lesen ihn, vielleicht kommt dann und wann eine/r dazu. Der „Bargfelder Bote“ ist nach wie vor klug und umsichtig mit Materialsammlungs- und Dechiffrierarbeiten beschäftigt.

Aber Arno Schmidt ist kein Gegenwartsautor mehr. Nicht nur, weil er 1979 gestorben ist. Gibt es den Horizont, in dem seine Literatur sich entfaltete, nicht mehr? Sind die piefigen, post-nationalsozialistischen 50er und 60er Jahre, von denen er sich so spöttisch und elitär, so schnörkellos und poetisch präzise, so rechthaberisch und mit der Attitüde gnadenloser Überlegenheit abwandte, vorbei? Natürlich nicht. Jedenfalls nicht in einem wünschenswerten Maße.

Vielleicht hat auch die Arbeit der Stiftung dazu beigetragen, Arno Schmidt erst einmal sanft und hochgepriesen veralten zu lassen. Der Arno-Schmidt-Preis wurde vier Male überaus angemessen vergeben, dann zog er sich aus der literarischen Öffentlichkeit zurück in eine ebenso ehrenwerte Serie von Stipendien, die allerdings nun auch schon seit sechs Jahren nicht mehr vergeben wurden.

So erinnert, außer der sachdienlichen Forschungsarbeit, nicht mehr allzu viel Öffentliches und Aktuelles an den großen Solipsisten. Allerdings: Wenn das Herbeiwünschen einer gesteigerten Arno-Schmidt-Aktualität mit einer Rückkehr der o.g. Piefigkeit der Adenauer-Ära verbunden wäre: Danke, dann lieber doch nicht.

Andererseits war Arno Schmidt nie ein massenpräsenter Autor, sondern ein Schriftsteller, der vor allem in Kollegenkreisen und in einer kleinen, für elitäre Selbstgewissheiten möglicherweise nicht immer ganz unempfänglichen literarischen Öffentlichkeit seinen Ruf und Ruhm hatte. Diesen Kreisen bedeutete er ungemein und unverändert viel, wie man zuletzt exemplarisch im April 2012 im „Bargfelder Boten“ 350 in einem Gespräch zwischen Axel Dunker und dem im November verstorbenen Peter Kurzeck nachlesen konnte.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum die gegenwärtige Literatur Arno Schmidt gut gebrauchen könnte

Gegenwärtige Literatur könnte von Arno Schmidt profitieren

Jenseits von jeglicher historischen Bindung und Gebundenheit einer Schmidt-Rezeption könnten die gegenwärtige Literatur und Literaturkritik wunderbar von seinen poetologischen Aus- und Einlassungen profitieren. Kein Autor des 20. Jahrhunderts hat so intensiv und experimentell weitreichend über Prosaformen nachgedacht wie Arno Schmidt.

Eine große Zahl inspirierender Essays geben Zeugnis von seiner Literaturrezeptionsarbeit, und die aus dieser Arbeit und der eigenen Prosa destillierten Texte unter dem Sammeltitel „Berechnungen“ sind reichhaltig gefüllte und nicht überholte Kriterienkataloge für die Qualität von Prosatexten.

Sie verweisen auf Zusammenhänge, die ein Text mit der poetischen Statur seines Autors bilden kann, sie typisieren und urteilen unerbittlich und lehrreich – kurz: Sie sagen auf pointierte Weise alles, was man im 20. Jahrhundert über Prosa wissen und denken konnte. Und sage niemand, das derzeitige Jahrhundert sei in dieser Hinsicht schon klüger geworden.

Es geht in diesen Essays weniger um das Aktuelle, das Verwehende, die historischen Kontexte. Es geht eher um das Haltbare in der Literatur. Schmidt gewann einen relevanten Teil seiner poetologischen Kriterien und Gedanken aus dem Fundus des 18. und des 19. Jahrhunderts. Gründe dafür, warum er seinen Zeitgenossen unter den deutschen Autoren oft voller Skepsis begegnete, finden sich nicht zuletzt in den „Berechnungen“.

Und dass er, mitten in seiner politisch aufgeklärten, neu-sachlichen Denk- und Schreibweise eine zeitübergreifende Idee von Literatur verfolgte, die in der gleichermaßen analytischen wie konstruktiven Behandlung der Sprache aus dem deutschen Expressionismus ebenso schöpfte wie aus einer psychoanalytisch unterfütterten Sprachtheorie, dass er also literarhistorisch ein wirklich großes Rad drehte, das längst nicht zur Ruhe gekommen ist – das alles merkt man seinem derzeit erkennbaren Nachleben leider kaum an.

Aber wenn Michael Thompsons Theorie des Abfalls einigermaßen zutrifft, dann ist die derzeitige Stille um Arno Schmidts Werk nur Vorbote einer großen Renaissance. Wahrscheinlich sind 100 Jahre – von denen Arno Schmidt selbst nur 65 auf der Kruste dieses Planeten verbracht hat – eine zu kurze Zeitspanne, um die Haltbarkeit seiner Produktion abschließend zu beurteilen.

Begegung mit Goethe in einem Gedankenspiel

Goethe, dem zu begegnen Schmidt sich in einem anregenden Gedankenspiel („Goethe und Einer seiner Bewunderer“, Niederschrift: Mai-Juli 1956) gestattet, äußert darin die Meinung: „Wer nicht mit mindestens 1 Million Lesern rechnet, sollte gar nicht erst beginnen zu schreiben.“

Schmidt kontert: „Mit der Ihnen eigenen Unschärfe haben Sie die zweite Bedingung hinzuzufügen unterlassen: bei einem ‚wirklich guten‘ Schriftsteller muss sich diese 1 Million Leser gleichmäßig auf die nächsten 500 Jahre nach Erscheinen seines Buches verteilen. Und nicht minder diese dritte: Ihre ‚1 Million‘ muss sich sukzessive aus den Besten der Nation zusammensetzen; nicht aus Kindern, uniformierten Jungen, greisen Stücken Vieh, oder sonstigen Arschlöchern.“

Vielleicht gehört ein Konsens zwischen Arno Schmidt und seinen Lesern darüber, wer die Arschlöcher sind, zu den haltbaren Aspekten seiner Produktion.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion