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Arno Geiger: „Das glückliche Geheimnis“ - Der Grund für das alles

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Von: Judith von Sternburg

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Frankfurt, 17. Oktober 2005: Im Anzug seines Schwagers gewinnt Arno Geiger den ersten Deutschen Buchpreis.
Frankfurt, 17. Oktober 2005: Im Anzug seines Schwagers gewinnt Arno Geiger den ersten Deutschen Buchpreis. © dpa

Das erklärt tatsächlich einiges: Der Schriftsteller Arno Geiger deckt „Das glückliche Geheimnis“ auf und übt sich in bezaubernder Offenheit.

Es ist richtig, dass es in den Romanen von Arno Geiger unbegreifliche und ungreifbare Aspekte gibt. Auf der sichtbaren Ebene sind das „Konvolute“, von denen gelegentlich die Rede ist und die man sich an anderer Stelle zurechtreimt. Denn wie soll das gehen, dass einer so gut Bescheid weiß über andere Menschen, irgendeine Frau wie Sally, Anfang 50, und ihren Mann Alfred („Alles über Sally“, 2010) oder einen furchtbar jungen Soldaten im Zweiten Weltkrieg („Unter der Drachenwand“, 2018).

Natürlich gehört es zum Beruf des Schriftstellers, sich in andere hineinzudenken, aber es gibt eine Seite, da denkt sich Arno Geiger nicht in andere hinein, sondern da sind wirklich andere Menschen. Seit jeher, nein, seit alle Welt mitliest, seit „Es geht uns gut“, dem ersten Gewinner des Deutschen Buchpreises (2005), können die Bücher von Arno Geiger wirken wie eine Scheibe vom Leben der anderen (dass man sich im Leben der anderen unter Umständen deutlicher wiedererkennt als beim Blick in den Spiegel, steht auf einem anderen Blatt).

Da stimmt doch etwas nicht.

Ja, genau, da stimmt etwas nicht. Arno Geiger hat etwas verheimlicht. Es ist gar nichts Schlimmes, darum heißt sein neues Buch „Das glückliche Geheimnis“. Jetzt macht er keinerlei Geheimnis daraus, erzählt im zweiten Satz, worum es geht. Erst ist man verblüfft, dann denkt man vielleicht: ach so, dann begreift man nach und nach, was das bedeutet. „Das glückliche Geheimnis“ ist ein Buch, ohne das man künftig nicht mehr über das Romanschreiben (und Lesen und Reden über Literatur) nachdenken sollte. Es wäre wie ein Rückschritt, auch wenn Arno Geiger bloß von sich erzählt. Und sogar zum Widerspruch reizt, spätestens als er gegen Ende ein bisschen allgemeiner wird.

Wollte es überhaupt ans Licht, das „glückliche Geheimnis“? Wie Sie sehen, will man selbst kaum damit herausrücken. Aber hier ist es nun: Ein Vierteljahrhundert lang hat Arno Geiger in Wien in Altpapiercontainern nach für ihn verwertbarem Material gesucht. Schreibpapier, dazu Bücher, Briefmarkensammlungen, Postkarten zum Verkaufen, womit er sich nicht schlecht über Wasser halten konnte, Briefe, Tage- und Notizbücher zum Lesen und um die Menschen kennenzulernen. Ach so, echt? Geiger beschreibt, wie sich das nach und nach ergibt, wie er und seine damalige Freundin M. sich freuen, als sie das erste Flohmarkt-Geld zählen. Wie er seine Streifzüge ausweitet, professionalisiert und in die Morgenstunden verlegt. Es ist ihm nicht peinlich, aber er mag es nicht, wenn Gauner ihm Stücke wegschnappen. Es ist ihm wirklich nicht peinlich, aber er redet nicht darüber. Das tut man nicht, was er tut. „Interessanterweise hatte ich es nicht mit einem Verbot zu tun, sondern mit einem Tabu.“

„Das glückliche Geheimnis“ ist von vornherein auch die Autobiografie des Künstlers als jungem und nicht mehr so jungem Mann. Der Österreicher Geiger, 1968 in Bregenz geboren, war tief in seinen Dreißigern, als er 2005 mit einem Schlag berühmt wurde. „Es geht uns gut“ konkurrierte seinerzeit unter anderem mit „Die Vermessung der Welt“ und verkaufte sich danach jeden Tag so gut wie der Vorgängerroman „Schöne Freunde“ insgesamt. Tag für Tag, Monat für Monat.

Vorangegangene Niederlagen vergisst die Welt schnell, aber nicht der Autor, der M. und sich zunächst als „Kinder der Provinz“ zeichnet, „unsicher und fleißig. Schmusen und Herumhängen fanden wir schön, hielten es aber nicht lange durch.“ Arno Geiger, 23, weiß, dass er Schriftsteller werden will, zwei Romane hat er geschrieben, „die ich auswendig kannte“ und die er auf seinen Altpapiertouren durchgeht. „Schreibend setzte ich auf ein Spiel, dessen Regeln ich nicht kannte. Ich wusste lediglich aus der Lektüre einschlägiger Biografien, dass dieses Spiel für Verlierer eine besondere Strafe bereithält: echtes Scheitern. Deshalb arbeitete ich mit dem guten Willen eines jungen Menschen, der weiß, dass sein Unternehmen schiefgehen wird, wenn er nicht sein Bestes gibt.“

Mit seinen Rückschlägen kokettiert Geiger nicht, aber sie bekommen naturgemäß erst in der Rückschau etwas Unterhaltsames. Der unlustig bewertete Auftritt beim Wettlesen in Klagenfurt 1996, der Versuch, trotzdem Fuß zu fassen. Dem Angsthasen in sich muss Geiger dabei ständig etwas entgegensetzen. „Zu Wolfgang Matz, meinem Lektor, sagte ich: ,Ich traue es mir zu, dass ich mich durchsetze.‘ Er schaute mich an und nickte, während er fragend die Schultern hob. Soll heißen: Wer weiß, möglich ist vieles.“

Dabei steht der Lektor zu ihm wie eine eins, anders als der Verlag, was man in diesem Klartext mit höchstem und auch etwas klatschigem Interesse sowie mit Betroffenheit liest. Denn Hanser, wo Geigers Bücher bis heute erscheinen, verliert zunehmend das Interesse, unverblümt erzählt der Autor davon, wie er abgewimmelt wird und sogar „Es geht uns gut“ zunächst verschoben werden soll. Der Lektor geht aufs Ganze, unterstützt Geiger bei der Suche nach einem anderen Verlag. Erst als Rowohlt ernsthaft Interesse bekundet, rafft sich Hanser auf.

Für die Buchpreisverleihung im Frankfurter Römer – man staunt kaum noch darüber, dass der Verlag „Es geht uns gut“ nicht nominiert hat und der Titel erst über eine vom Lektor bei der Jury angeregte Nachnominierung ins Rennen geht – kauft sich Geiger keinen Anzug. Das magische Denken. Danach geht es rund, klar.

Das Buch

Arno Geiger: Das glückliche Geheimnis. Hanser, München 2023. 240 Seiten, 25 Euro.

Dass er sein „Doppelleben“, das eigentlich keine Anführungsstriche braucht, sein Doppelleben also fortsetzen kann – ein bekannter Wiener Schriftsteller und ein unbekannter Wiener Altpapierdurchwühler sein kann –, ist praktisch und irritierend. Es gibt immer mehr als eine Wahrheit, es ist immer komplizierter, facettenreicher, uneindeutiger. Uneindeutig bis zur Langeweile (wie in „Alles über Sally“ auch lesbar).

Parallel zum beruflichen Ringen steht der Versuch, das Leben kennenzulernen, steht auch das Leben selbst, das gelebt werden muss. Unglücksfälle in der Familie, die einen nicht treffen müssen, aber treffen können. Dazu die Demenzerkrankung des Vaters, die Geiger in „Der alte König in seinem Exil“ (2011) schildert – der kluge, präzise und doch leichte Ton ist in „Das glückliche Geheimnis“ wieder zu hören.

Das Leben kennenlernen: der junge Künstler versucht das unter anderem (ausgerechnet) bei Stipendien, etwa in Berlin. „Als ich im Herbst eingeklemmt war zwischen mehreren Frauen, bekam ich vom Nervenstress Hautausschlag. Ich war auf ein Bohemeleben aus gewesen und musste mit großem Bedauern feststellen, dass ich dem nicht gewachsen war. Nicht mein Metier.“ Bei anderer Gelegenheit kommen ihm die Mitausgezeichneten vor, als seien sie „eigens aus der Psychiatrie entlassen worden, um ihre Stipendien wahrnehmen zu können. Nervenzusammenbrüche waren an der Tagesordnung“. Geiger gerät in eine wilde Affäre mit O., der er auf „Sabbath’s Theatre“ schwört, nicht mehr mit ihr zu schlafen, solange das Stipendium läuft. Später lernt Geiger K. kennen, seine spätere Frau. Eine schwierige Sache mit Seitensprüngen, erfreulichem Sex, exorbitanten Streitereien. Schließlich: der Heiratsantrag, der erst Monate später beantwortet wird. „Was solls! Ob eine Frau einen Heiratsantrag annimmt oder ob sie ihn nicht annimmt – ich bin überzeugt, ein Mann erholt sich nicht von dem Schreck, er wird ein anderer Mensch.“

Das ist alles rasend sympathisch und interessant, weil das Leben immer noch die besten Kabinettstücke bereithält. Und das ist es, was „Das glückliche Geheimnis“ nicht nur behauptet, sondern auch durchführen will. Wir sind zwischen den Buchdeckeln wie in einem Experimentierkasten, in dem alles offen und entspannt daliegt. Als Folge, wie Geiger klarstellt, während man selbst noch grübelt, ob es wirklich daran liegen kann, seiner Altpapierlektüren. „In vielen Briefen stieß ich auf eine beiläufige Offenheit, die mir gefiel, eine gänzlich unverkrampfte Direktheit, die mich zuerst beeindruckte, dann beeinflusste und schließlich mein Schreiben veränderte. Meine Offenheit in diesem Buch steht damit in direktem Zusammenhang. Diese Offenheit passiert mir nicht einfach, ich entscheide mich bewusst für sie, weil ich glaube, dass sie das Leben sichtbar macht. Das ist es, worum es mir in der Literatur geht: das Leben sichtbar und dadurch verständlicher machen.“

Das ist der Kern und das ist keine Kleinigkeit. Ohne die Bücher von Arno Geiger, die das seit Jahren vorführen, geriete es womöglich in die Nähe einer Plattitüde. So ist es tatsächlich die Lüftung eines glücklichen Geheimnisses. „Ungefähr so hat es sich zugetragen. Und wers versteht, der verstehts. Und wer findet, dass meine literarischen Leistungen jetzt geschmälert sind: Na wennschon.“

Sieh an, ist der Autor da ein bisschen trotzig? Erprobt er auch hier einen Tagebuch- und Briefton. Schon eher. Jedenfalls: Seine Leistung wird nicht geschmälert, im Gegenteil ist „Das glückliche Geheimnis“ ein Buch, das den Respekt vor der Entscheidung, literarisch zu schreiben, ausschließlich wachsen lässt. Nicht weil Geiger im Altpapiercontainer buchstäblich Kopf und Kragen riskiert, sondern weil das Schreiben als solches als der zehrende Kraft- und Fleißakt erscheint, der es gewiss ist.

Leise Zweifel – lässt sich ein Tagebuchkonvolut mit mehr Gewinn lesen als „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, bestechen Briefe durch Offenheit? – werden durch Geigers frappierende Erkenntnisse praktisch vollständig weggewischt. Abgesehen davon, dass die Empirie auf seiner Seite ist. Und es sind die Erkenntnisse, die zählen, nicht die Grundlage, mit der Geiger übrigens sehr diskret umgeht. Keine Leichenfledderei, eher die sanfte Beobachtung, dass der Tod ein relativerer Begriff ist, als gemeinhin angenommen wird. „In allem findet sich neben Leere auch Fülle. In ihren Persönlichkeiten zeigten sich mir die Menschen weniger fest umrissen, als die meisten Romane glauben machen wollen.“ Nicht aber die Romane von Arno Geiger, das ist wahr, das hat immer staunen lassen.

Als das Buch fast zu Ende ist, legt sich Geiger noch einmal überraschend fest. Neben dem Leben, das zu leben sei, sei das „Werk ein Nichts“ – „Die Manier ist die Totenmaske des Künstlers. Wenn man kein Leben hat neben dem Schreiben, ist es, noch während man schreibt, als sei man tot.“ Als Beispiel dient ihm Philip Roth, der gerade noch rechtzeitig aufgehört habe. Trotzdem ist das blanke Theorie. Blanke Theorie und der Hang zu Sentenzen (vielen grandiosen Sentenzen fürs Leben): Auch dies könnte Geiger aus seinen Altpapierlektüren übernommen haben. Im Leben der Menschen steckt, sobald sie nach Ausdruck suchen, immer etwas Künstliches. Das ist nicht übel, das ist anrührend.

Aber: Wer „Das glückliche Geheimnis“ gelesen hat, wird gespannt sein wie ein Flitzebogen, wie es jetzt weitergehen soll, was als Nächstes kommt.

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