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Am Legotisch des Digitalen:„Einfalt ermöglicht es, Vielfalt aufzubauen“.

Theorie

Armin Nassehi: „Muster“ – Digitalisierung und die Moderne

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Von der bunten Giraffe aus gesehen: „Muster“, das Opus magnum des Soziologen Armin Nassehi, ist zu Recht für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Stellen Sie sich vor, Sie schütten einen Sack Legosteine auf einen Tisch, um den verschiedene Menschen gruppiert sind. Es ist die Aufgabe von Soziologen zu analysieren, was Akteure mit den vorgefundenen Einheiten tun. Nennen wir die Legosteine Bits und Bytes, die Ergebnisse Digitalisierung. Über Lego und die Ergebnisse, die digitale Welt also, ist so viel geschrieben worden, warum also sollte ausgerechnet ein Buch zur „Theorie der digitalen Gesellschaft“ am Donnerstag den Preis der Leipziger Buchmesse als bestes Sachbuch erhalten?

Seine Nominierung hat sich der in München lehrende Soziologe Armin Nassehi in seinem Opus magnum „Muster“ mit einem grandiosen Denkwechsel mehr als verdient: Wenn die Digitalisierung die Lösung ist, welches Problem löst sie dann? Seine kühne These: Die Moderne war schon digital, bevor es Computer gab. Die Digitalisierung konnte nur so explosionsartig wachsen, weil sie die Fragen beantwortet hat, die nach Aufklärung und der Französischen Revolution entstanden.

Armin Nassehi: Welche Probleme der Moderne löst Digitalisierung?

An unserem Legotisch entsteht ein einfaches gesellschaftliches Problem, wenn jede der anwesenden Personen jeweils alle Teile mit einer Farbe aussortiert. Kompliziert, aber in seiner Musterhaftigkeit leicht zu durchschauen, wird die Situation, wenn Sie einfache Regeln hinzufügen: Die Gruppe soll eine Pyramide bauen, aber jede Farbe darf erst wieder verwendet werden, wenn zwei weitere eingesetzt wurden. Diese Klarheit der Vormoderne wird nun durch komplexe Aufgaben des „anything goes“ unserer Zeit abgelöst: Die Teilnehmenden sollen nun ein Gebäude oder Tier mit der gleichen Farblogik erstellen. Irgendwie wird so etwa eine bunte Giraffe oder eine Regenbogenbrücke entstehen.

Was passiert, wenn ein Soziologe diese sozialen Handlungen analysiert, sie also „deutend verstehen“ und „ursächlich erklären“ will, wie es Gründungsvater Max Weber formuliert hat? Worauf blickt er? Den postmodernen Aushandelprozess, ob ein Tier oder ein Gebäude geformt wird? Die moderne Komplexität, in der sich die Teilnehmenden am Tisch abwechseln und in der langsam etwas gemeinsam, vielleicht sogar gleichberechtigt, entsteht? Die Formen und Farben der kommerziell determinierten Bausteine, die gleichsam algorithmisch bestimmen, welches Ergebnis möglich ist?

Nassehi: Auch in komplexen Gesellschaften sind Muster erkennbar

Armin Nassehi verdanken wir eine fundamental andere Sichtweise: Nur weil Prozesse und Ergebnisse komplex sind, ergeben diese doch auch in der Moderne klare Muster, auch wenn diese auf den ersten Blick nicht erkennbar sind. Nassehi lenkt den Blick auf die Technik selbst. Wie bei der Lego-Metapher, zeigt sich, dass es mittels der Digitalisierung gelingt, aus sehr einfachen technischen Grundstoffen sehr komplexe Formen für gesellschaftliche Lösungen zu finden.

Das ist die Urkraft der Digitalisierung: Aus simpelsten beherrschbaren Teilen Vielfalt entstehen zu lassen. Nassehi beschreibt dies als den Unterschied zwischen „Codierung“ und „Programmierung“ – der Legostein weiß wie der Computerchip nichts von seiner Funktion, lässt aber unendliche Möglichkeiten zu. Für beide – für Gesellschaft wie Digitalisierung „ist dies die strukturelle Grundlage für kaum steuerbare Optionssteigerungen, die in der Struktur der Sache selbst begründet liegen“.

Der 60-jährige Nassehi hat mit „Muster“ ein wissensverdichtetes Buch vorgelegt. So eine Belesenheit, so eine saubere Herleitung aller Gedanken und so eine gründliche Quellenkunde ist selten zu lesen. Auf der Grundlage dieser Gutenberg-Methode des Denkens ist seine Fachkenntnis des Digitalen auf der Höhe der Zeit: Der Herausgeber des „Kursbuchs“ verschmilzt die Fähigkeit des zusammenhängenden Argumentierens mit einer hochaktuellen Zeitanalyse.

Adolphe Quetelet: Sozialstatistik ohne Excel und Computer

Vor der Moderne hätte die Digitalisierung nach Nassehi nicht die passenden Lösungen produziert. Im Umkehrschluss war die Moderne schon digital, als sie noch analog, als sie offline war. Nassehi führt ein in die Moderne mit all ihrer Gier nach Welterweiterung über die Geschichte der empirischen Sozialforschung. Adolphe Quetelet (1796-1874) führte die erste öffentliche Sozialstatistik. Noch ganz ohne Excel oder Statistikprogramme war er der erste, der Regelmäßigkeiten im Sozialverhalten – etwa im Heiratsverhalten von Menschen – auf Grundlage von Daten erfasste. Quetelet suchte den „homme moyen“, den Mittelwertmenschen, der pars pro toto als einzelner die Gruppe sichtbar macht.

Das ist der Kern von Nassehis Aussage. In der Moderne erleben wir eine „Verdopplung der Welt durch Daten“, eine Welt, die ein Eigenleben hat, die in sich geschlossen eigenen Regeln folgt und die sich in politische, rechtliche, wirtschaftliche, religiöse Teile immer mehr ausdifferenziert, bis schließlich kein übergreifender Zusammenhang mehr erkennbar scheint.

Nassehi: Es gibt kein zurück bei Digitalisierung

Das Buch

Armin Nassehi: Muster. Theorie der digitalen Gesellschaft. C. H. Beck, München 2019. 365 Seiten, 26 Euro.

Und gleichzeitig lässt sich in einer immer ausdifferenzierteren Welt eine „hochkomplexe Regelmäßigkeit der Gesellschaft“ erkennen. Das System dahinter lässt sich dekonstruieren und beschreiben. Das ist nicht trivial, denn Nassehi lenkt den Blick auf das Grundbedürfnis der Moderne, Daten mit Daten zu verknüpfen und damit ebenso Erkenntnisse wie gesellschaftliche Funktionen zu produzieren. Das kann beklagt und als Niedergang bewertet werden, der wissenschaftliche Analyst konstatiert aber nüchtern, „dass der Digitaltechnik deshalb so schwer beizukommen ist, weil sie wirklich funktioniert“. Deswegen wird Digitaltechnik nicht mehr verschwinden, ein Rückzug ist unmöglich und mutet für ihn so romantisch an wie ein Zurück zur Natur im 19. Jahrhundert.

Damit hat nach Nassehi die Digitalisierung als gesellschaftlicher Lösungsweg – nicht als Computertechnik – „die verschwundene Ordnung der alten Welt, in der alles einen Platz hatte, in der man sich auf unveränderliche Traditionen berufen konnte und in der Wandel und Innovationen ausgeschlossen werden sollten, nun durch eine andere Ordnung ersetzt“.

Nassehi: Daten mit Daten verknüpften ist der Kern

Die Entdeckung der „Gesellschaft“ und ihre Verflüssigung in Daten gliedert Nassehi in drei Phasen. Die gesellschaftliche Selbstreflexion setzt erstmals im 18. Jahrhundert ein, als nach der Französischen Revolution Institutionen zerfallen und neue Rechtsformen entstehen. Mit dem „Geld“ ist plötzlich ein Medium vorhanden, das losgelöst von der Realität eine Eigendynamik entwickelt.

Das „Gleichheitsversprechen“ der Französischen Revolution steht der kapitalistischen Ausdifferenzierung gegenüber. Sozialwissenschaft nimmt „milieuspezifische Ungleichheitseffekte“ in den Blick. Und zugleich entsteht Ernüchterung angesichts der erstaunlichen Unveränderbarkeit. Die Gesellschaftswissenschaft muss erstmals die „widersprüchliche Erfahrung zwischen Gestaltungswunsch und struktureller Trägheit“ von Gesellschaften verarbeiten.

Nassehi: Grenzenloser Wachstumsoptimismus

Die zweite Phase konstatiert Nassehi mit der „radikalen Komplexitätssteigerung der Industriegesellschaft“, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts mit grenzenlosem Planungs- und Wachstumsoptimismus ihren Höhepunkt erreicht. In dieser Phase differenzieren und parallelisieren sich auch Diskurse – so dass sie unregelmäßig, fragmentiert und scheinbar kaum noch klammerbar und beschreibbar wirken.

Armin Nassehi: Muster.

Nassehis Leistung ist nun, hier die dritte Phase einzufügen. Durch die „digitale Entdeckung“ lenkt er den Blick auf die Bausteine selbst, die digitale Gemachtheit unserer Zeit. Der Sinn des Internets ist nicht, alte Funktionen abzubilden, sondern Daten zu erheben. Hinter allen Bedürfnissen steht der Drang, mit Hilfe von Digitaltechnik in unermesslichen Datenspeichern die Welt zu verdoppeln, Modelle zu bilden und etwa in Nutzerprofilen abzulegen.

Zusätzlich entsteht mit der künstlichen Intelligenz erstmals die Möglichkeit, dass im System der Datenwelt selbst die Technik „handelt“, also im System der Technik abgeleitete Entscheidungen trifft. Die Methode der Hypothesenbildung des Menschen geht auf die Technik über: Sie testet, misst und optimiert sich. Das kann man bedauern, viel wichtiger ist, es wissenschaftlich zu begleiten und menschlich zu beherrschen.

Nassehi: Ohne gemeinschaftstiftende Selektion

Nassehi listet viele zum Teil paradoxe Störungen, die die dritte Phase der digitalen Gesellschaft hervorbringt und die bearbeitet werden müssen. „Um es plakativ zu sagen: Frei flottierende Kommunikation im Netz kennt wenig Selektionsdruck, weil die Verheißung, dass jeder prinzipiell alles sagen kann, eben auch dazu führt, dass gemeinschaftsstabilisierende Formen der Selektion außer Kraft gesetzt werden.“

Statt das zu beklagen, führt Nassehi par excellence vor, wie mit der Methode der funktionalen Beschreibung des Systems die neuen technischen Möglichkeiten wissenschaftlich durchdrungen und damit für einen politischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Diskurs rational behandelbar werden können. Sein Perspektivwechsel zeigt, wie Kontrolle möglich wird: Da der Ursprung der Digitalisierung Daten sind, ist es am wirksamsten, den Code selbst zu regulieren, statt die gesellschaftlichen Ergebnisse der Programmierung zu kritisieren.

Armin Nassehi haucht der Soziologie neues Leben und Sinn ein

Armin Nassehi hat eine fundamentale wissenschaftliche Beschreibung der digitalen Welt vorgelegt. Er führt mit exzellenter Denkschärfe vor, was Wissenschaft vermag: Die Legobausteine der digitalen Gesellschaft in den Blick zu nehmen, die Dynamiken wirtschaftlicher Interessen ebenso wie die „Widerständigkeiten“ gesellschaftlicher Verharrung. Das ist Aufklärung im besten Sinn, denn mit der exakten nachprüfbaren Analyse wird Steuerung und Beherrschbarkeit erst möglich. Und ganz nebenbei haucht Armin Nassehi auch der Soziologie als Gesellschaftswissenschaft neuen Sinn und neues Leben ein.

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