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Alter und neuer Feminismus: Alice Schwarzer, Angela Merkel, Ursula von der Leyen.

Das politische Buch

Armer Merkelismus

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Ein etwas anderer Blick auf die vom Austrocknen bedrohte CDU.

Sie hat über Mae West geschrieben, die schrille Hollywood-Diva, über den zynischen Melancholiker Harald Schmidt - und nun über Angela Merkel. Eine ungewöhnliche Konstellation? Sicher. Aber eine, die einen anderen Blick auf Politik erhoffen lässt als übliche publizistische Prosa.

Mariam Lau, das sei gleich gesagt, enttäuscht diese Hoffnung. Die Autorin, geboren ins linke 68er Milieu, journalistisch sozialisiert bei der alternativen taz, heute bei der konservativen Welt, mag sich keine "unseriöse" Blöße geben. Ernst, manchmal zu ernsthaft analysiert sie Angela Merkel und die Modernisierung der CDU.

Dennoch unterscheidet sich das Buch der 47-Jährigen wohltuend vom Gros des Genres. Lau schlägt ihren Gegenstand nicht über den Leisten einer steilen These. Sie schaut erst mal hin. Keineswegs teilnahmslos. So mancher Gesprächpartner, berichtet sie, sei erstaunt gewesen über ihren "Journalismus mit ‚Ansichten'". Aber die hindern sie nicht, zu beschreiben, was sie mit großer Genauigkeit wahrnimmt. Mariam Lau nimmt ihre Leser mit auf eine Reise durch "die letzte Volkspartei" - inhaltlich wie geografisch, von der Wirtschafts- bis zur Familienpolitik, vom hohen Osten bis in den tiefen Südwesten. Sie lässt keinen Zweifel, für sie ist die CDU "unter allen Parteien diejenige mit dem ausgeprägtesten Verantwortungsgefühl für Deutschland".

Wie die SPD im Zweifel links, ist die CDU eher konservativ, und daher tut sie sich mit den modernen Zeiten nicht weniger schwer als die Konkurrenz. Lau verleugnet ihre Sympathie für den Kurs (neo)liberaler Modernisierung nicht, den Angela Merkel ihrer Partei verpasst hat, ehe sie dafür beinahe mit einer Wahlniederlage bestraft wurde. Aber sie beschreibt auch detailliert, warum für eine Volkspartei, die in allen Schichten gewählt werden möchte, derlei Eindeutigkeit schwer zu machen ist - und vor allem: auch vor Merkels Zeiten nie zu machen war.

Aus dem Konflikt zwischen Realität und Grundsatztreue hat sich die bürgerliche Volkspartei stets mit Pragmatismus geholfen. Lau wirft Merkel, anders als andere Kritiker, deshalb keine Prinzipienlosigkeit vor. Aber sie macht dem "Merkelismus" doch zum Vorwurf, dass er seinen Pragmatismus "selbst nicht beim Namen zu nennen wagt". In Wirklichkeit wäre der Autorin allerdings weniger Pragmatismus lieber. Sie setzt auf mehr Grundsatztreue und empfiehlt: "Wenn die letzte Volkspartei nicht auch noch austrocknen soll, braucht sie mehr ,spirituelle Landschaftspflege'."

Sehnsucht danach ist in der Partei verbreitet. Deshalb kamen zur Vorstellung von Laus Buch in Berlin gleich zwei Spitzenpolitiker: Fraktionschef Volker Kauder, konservativ, und Ursula von der Leyen, Gesicht der "neuen" CDU, die der berufstätigen Mutter dreier Kinder durchaus sympathisch ist. Aber warum müssen sich von der Leyen und Merkel mit Alice Schwarzer gemein machen, die aus Laus Sicht kein "Verdienst" habe als die Erleichterung der Abtreibung? Das ist der Familienministerin eine zu schlichte Verdammung des "alten" Feminismus. Von der Leyen markiert obendrein den Unterschied zwischen Publizistik und Politik. Die brauche nicht nur ein Bekenntnis, sondern müsse stets sagen, was zu tun sei.

Mariam Lau: Die letzte Volkspartei. Angela Merkel und die Modernisierung der CDU. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2009, 254 Seiten, 19,95 Euro.

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