Die Armee ist der Körper - ich bin das Gehirn

Experimente mit Feder, Spontaneität am Tintenfass: Zum 125. Geburtstag erscheinen die herrlichen Briefe der großen Virginia Woolf in zweibändiger Auswahl auf DeutschTrautmann hat die Briefe achtzehn Lebensabschnitten Virginia Woolfs zugeordnet, jedem Briefblock einen instruktiven biographischen Abriss vorangestellt und in zahlreichen Anmerkungen Erläuterungen zu Personen und zu kulturellen und politischen Ereignissen gegeben.

Von RENATE WIGGERSHAUS

Allmählich rundet sich nun auch im deutschsprachigen Raum das Bild einer der bedeutendsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Virginia Woolf, eine der großen Vertreterinnen der literarischen Moderne, war nicht nur Romanautorin und Erzählerin, nicht nur eine originelle Essayistin, Kritikerin und Biographin, sondern auch eine großartige Tagebuch- und Briefschreiberin. Von der vorzüglich edierten, 1984 abgeschlossenen fünfbändigen Ausgabe The Diary of Virginia Woolf der Londoner Hogarth Press sind mittlerweile vier Bände auf Deutsch erschienen. Und nun liegt - zum 125. Geburtstag Virginia Woolfs am morgigen 25. Januar - auf Deutsch auch eine Auswahl ihrer Briefe in der insgesamt gelungenen Übersetzung von Brigitte Walitzek vor.

Diese zweibändige Ausgabe stützt sich auf den 1989 von Joanne Trautmann herausgegebenen Band Congenial Spirits - eine Auswahl aus der sechsbändigen, mehr als 4000 Briefe umfassenden Edition der Hogarth Press von 1980. Trautmann hat die Briefe achtzehn Lebensabschnitten Virginia Woolfs zugeordnet, jedem Briefblock einen instruktiven biographischen Abriss vorangestellt und in zahlreichen Anmerkungen Erläuterungen zu Personen und zu kulturellen und politischen Ereignissen gegeben.

Eliot, die alte Jungfer

Die avantgardistische Schriftstellerin hatte es nicht leicht in Deutschland. Anders als in Frankreich und Italien stießen erste Übersetzungen ihrer Romane in den zwanziger und dreißiger Jahren auf Unverständnis und Ablehnung. Dass sie zur Zeit des Nationalsozialismus zum "Feindautor" erklärt wurde, verwundert nicht. Diese Dichterin vertrat radikale feministische Ideen, hing einem unorthodoxen Sozialismus an und war mit einem politisch linksstehenden Juden verheiratet. Einen ersten Boom erlebte Woolfs Werk erst im Zuge der neuen Frauenbewegung. Im S. Fischer Verlag erschienen, übersetzt von Herberth und Marlys Herlitschka, Romane Woolfs. Den furiosen feministischen Essay "A Room of One's Own" übersetzte und publizierte Renate Gerhardt in ihrem kleinen Verlag. Das war 1978, 50 Jahre nach der Erstpublikation in der Woolfschen Hogarth Press. Ebenfalls 1978 publizierte die Münchner Frauenoffensive eine erste Übersetzung von Woolfs Three Guineas, einer zornigen Analyse von patriarchalischer Zensur und Diskriminierung.

Nun also im Rahmen der seit den 1980er Jahren im S. Fischer Verlag erscheinenden Gesammelten Werke endlich eine Auswahl der Briefe. Sie reicht von ersten Zeilen der Sechsjährigen bis zum letzten Abschiedsbrief der 59jährigen an ihren Mann Leonard an dem Tag, an dem sie sich in der Ouse ertränkte. In ihren Briefen tritt Virginia Woolf dem Leser mit der ganzen Leidenschaft ihrer Lebens- und Weltzugewandtheit, mit ihrer Wahrheitsliebe und Einfühlsamkeit, die fast immer zu tätiger Hilfe führte, und mit dem ganzen Überschwang ihrer Fabulierkunst und ihres Ausdrucksvermögens entgegen. "Wenn man einen Brief schreibt, kommt es einzig und allein darauf an, loszustürmen, und alles könnte aus der Tülle der Teekanne hervorgesprudelt kommen", schreibt sie 1932 an die Kunstmäzenin Lady Ottoline Morrell. Und so stürmt sie denn "mit fliegenden Fahnen zum Tintenfass" und hebt "auf die Spitze" ihrer Feder eine intensive Stimmung, eine Klatschgeschichte, den Eindruck einer Landschaft, ein Leseabenteuer, das Erlebnis einer Reise, eine mal verspielte, mal bissig pointierte Charakterskizze.

T.S. Eliot erweist sich in ihren Augen als eine "alte Jungfer, die vom Butler geküsst" wurde. Als nämlich die Woolfs Eliots The Waste Land, das Virginia eigenhändig gesetzt hatte und das in der von ihnen gegründeten Hogarth Press seine Erstpublikation erlebt hatte, wiederauflegen wollten, reagierte "der gute Tom" mit einem schmeichlerischen Brief. Sein Werk aber hatte er bereits seinem neuen Verleger Faber überlassen.

Von erotisch motivierter Kreativität zeugen dagegen die vielen Vergleiche, mit denen die Schriftstellerin und Freundin Vita Sackville-West bedacht wurde. Sie ist mal ein "Schiff unter vollen Segeln", mal ein "Leuchtturm in klaren Wassern", dann wieder ein "Weidenbaum; so verwegen auf ihren langen weißen Beinen". Das ist nicht nur verspieltes Tändeln und Flirten, sondern auch der Versuch, einige der vielen Ichs der Freundin zu benennen, sie zu verstehen. "Immer versuche ich zu sagen, was ich fühle", heißt es in einem Brief an Vita. Das Gefühlte mit der Klarheit eines Gedankens im Bild auszudrücken - das ergab bei Virginia Woolf oft eine Liebeserklärung an eine Person oder auch an den Reichtum einer mit Aufmerksamkeit und Neugier bedachten Welt.

Ins Groteske gehende Übertreibungen und ironische Zuspitzungen erlaubten ihr, ihrer Faszination und Hingerissenheit Ausdruck zu verleihen, ohne Gefahr zu laufen, sich lächerlich zu machen. Höchst amüsant beispielsweise die Schilderung der Inaugenscheinnahme eines neu erworbenen Bildes. Der glückliche Erwerber war der Ökonom John Maynard Keynes, Mitglied der Bloomsbury-Gruppe, die sich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg um Virginia und ihre Geschwister gebildet hatte. Keynes hatte in Paris ein schokoladentafelgroßes Gemälde mit sechs Äpfeln erstanden - von Cézanne gemalt. Staunend betrachteten sie es. Der kunstbegeisterte und von allen hoch geschätzte Maler und Kunstkritiker Roger Fry hätte um "um ein Haar den Verstand verloren", "war wie eine Biene auf einer Sonnenblume", schrieb Virginia Woolf einem Freund. "Stell Dir Schnee vor, der draußen fällt, ein Wind wie in der U-Bahn, und wie wir alle diese Äpfel anstarren. Je länger man sie ansieht, desto größer und schwerer und grüner und röter werden sie. Die Künstler haben mich sehr amüsiert, wie sie darüber diskutierten, ob er Veridian oder Smaragdgrün benutzt hat, und Roger wusste den Tag, praktisch die Stunde wann sie gemalt wurden, anhand irgendeines Pinselstrichs im Hintergrund."

Zu den Dingen, die an Virginia Woolfs Briefen immer wieder frappieren, gehört die vielfältige Aufforderung zu Kommunikation und Information. "Bitte schreib weiter jeden Fetzen", drängt sie beispielsweise ihren Neffen, Julian Bell, der gerade eine Dozentur in China übernommen hat. Noch drängender, intimer klingt es in Briefen an die Komponistin und um vieles ältere streitbare Freundin Ethel Smyth. "Also erhebe Deine Stimme und danke mir für diesen jetzt 10minütigen Brief; und hake die Tinte zu Dir heran und antworte", endet ihr Brief vom 9. Januar 1935. Und der vom 23. Januar beginnt: "Nun, wie geht es Dir? Kastrierte, nein unversehrte, wilde Katze? Kaust immer noch auf dem Stumpf Deines Federhalters herum? Wie gut ich mich an den Geschmack von Federhaltern erinnere. - Aber das ist nur eine Parenthese. Ich bin, was den Tod durch Krebs angeht, völlig Deiner Meinung". Im fortwährenden Kommunizieren mit der Welt sich über die Welt und sich klar werden - dies Ineinander von Erfahrungsoffenheit und Experimentierfreude, Spontaneität und Ausdruckslust ist kennzeichnend für die gesamte Korrespondenz Virginia Woolfs.

Zu ihren schlimmsten Erfahrungen gehörten die Bombardierungen der deutschen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg mit ihren fatalen Folgen. Das ganze gesellschaftliche Leben kam zum Erliegen. Alles, was dem Alltag Glanz und Heiterkeit verliehen hatte, erstarb. Kein Flanieren mehr, keine Diskussionsabende, keine Teegesellschaften. Stattdessen Verdunkelungspflicht, Benzinrationierung, Papiermangel, Gasmasken. Meist hielten sich die Woolfs nun im Monk's House, ihrem Sommersitz in Rodmell (Sussex) auf, von wo sie einmal in der Woche nach London fuhren. Virginia las wie immer ungeheuer viel, beispielsweise "Warum Krieg?" oder "Zeitgemäßes über Krieg und Tod" von Sigmund Freud, dessen Bücher in der Hogarth Press erschienen und den sie und ihr Mann noch kurz vor seinem Tod im Londoner Exil besucht hatten.

Wie stets arbeitete sie an mehreren Projekten zugleich: schrieb Rezensionen, um Geld zu verdienen, verfasste Erzählungen, überarbeitete ihre Roger Fry-Biographie und war intensiv mit ihrem letzten Roman Zwischen den Akten beschäftigt. Im Mai 1940 notierte sie in ihr Tagebuch, ihr sei die Idee durch den Kopf gegangen: "die Armee ist der Körper: ich bin das Gehirn. Denken ist meine Art zu kämpfen." Als die Woolfs im Oktober 1940 wieder einmal nach London fuhren, waren ihre Wohnung und die Verlagsräume der Hogarth Press zerstört. "Ich konnte gerade noch ein Stück Wand meines Arbeitszimmers sehen: ansonsten Trümmer, wo ich so viele Bücher geschrieben habe. Freier Himmel, wo wir so viele Abende zusammengesessen, so viele Gesellschaften gegeben haben", notierte sie im Tagebuch. Sie durchstreifte London.

Einige Viertel wie Bloomsbury oder ihre Schlender- und Bummelecken in der Londoner City zwischen St. Pauls Kathedrale und dem Tower, die sie so lebendig in ihren Romanen beschrieben hatte, waren kaum mehr wiederzuerkennen. "Die traurigen Ruinen meiner alten Plätze, aufgeschlitzt, niedergerissen all die Vollkommenheit verwüstet und zerstört", notierte sie erschüttert. Weder bei Virginia noch bei Leonard findet sich auch nur eine Spur von Larmoyanz. Keine Klagen, keine Sentimentalität, aber Trauer. "Wie ich gearbeitet habe, um all das zu kaufen" - die Möbel, Teppiche, Bücher, Porzellane - "aber merkwürdig", fuhr sie fort, "da ist auch Erleichterung beim Verlust von Besitztümern. Ich würde das Leben gern von fast allem entblößt neu beginnen im Frieden - frei überall hinzugehen."

Abgewürgte Kommunikation

Nicht die materiellen Zerstörungen und Verwüstungen und Erschwernisse des Alltags waren es, die Virginia Woolf in Depressionen stürzten und sie an den Rand des Wahnsinns brachten. Verhängnisvoller als alles übrige war der Zusammenbruch der Kommunikation und des öffentlichen Lebens, der ihr Ausdrucksvermögen zu ersticken und ihre Produktivität zu lähmen drohte. "Es ist erstaunlich friedlich hier, fast kann man das Gras wachsen hören; und die Krähen bauen Nester", schrieb sie am 13. März 1941 an die amerikanische Schauspielerin und Schriftstellerin Elizabeth Robin.

"Man würde nicht glauben, dass um 7.30 die Flugzeuge kommen werden. Vor zwei Nächten haben sie Brandbomben abgeworfen, in einer Reihe, wie Straßenlampen, die ganzen Downs entlang. Zwei Heuhaufen fingen Feuer und gaben eine wunderschöne Beleuchtung ab - aber kein Fleisch wurde verletzt". Doch es sei schwierig zu schreiben, fuhr sie fort. "Kein Publikum, keine private Anregung, nur dieses Brüllen draußen." Gegen diese Leere, dieses Brüllen kam niemandes Liebe und Fürsorge an, nicht die der Schwester Vanessa, nicht die Leonards, der "so erstaunlich gut war, jeden Tag, immer". Die "Stimmen" waren ständig da. Noch der Tod in der Ouse war ein Trotzbieten, eine letzte verzweifelte Tat ihres freien Willens, den sie in einer Welt ohne den öffentlichen Austausch artikulierter Erfahrung zu verlieren fürchtete.

Von Renate Wiggershaus ist gerade die Virginia-Woolf-Monographie in der dtv-portrait-Reihe erschienen.

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