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Die Frankfurter Schriftstellerin Olga Martynova bei sich zu Hause.

Olga Martynova „Der Engelherd“

Arme Kinder, armer Hölderlin

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Olga Martynovas großer Roman „Der Engelherd“ führt mit federleichter Hand an existenzielle Abgründe.

Es gibt zwar eh mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumt. Aber so verwimmelt wird man es sich dann doch auch als Schulweisheitsskeptiker nicht vorgestellt haben. Der Kosmos, den Olga Martynova in ihrem neuen Roman „Der Engelherd“ zwischen zwei Buchdeckel klemmt – überall muss eigentlich etwas herauszappeln –, ist überfüllt, aber keinen stört’s.

Aus menschlicher Sicht mucksmäuschenstill und durchsichtig sind die Engel, von betörender Sinnlosigkeit erscheint ihre Existenz, denn es ist kein Gott. Keiner sagt ihnen, was sie tun sollen, nichts können sie verhindern. Auch haben sie starke Verständnisschwierigkeiten, da ihnen zum Beispiel zeitliche Abfolgen wesensfremd sind. Wenn die Engel sich darüber unterhalten, dann raten sie dumm rum und wissen das auch und werden eventuell ein bisschen verlegen.

Der Eindruck, dass sie aussehen müssen wie die Engel von Paul Klee, bestätigt sich durch das Buch, das die schwerbehinderte Maria hingebungsvoll vollkrakelt. Natürlich ist es kein Gekrakel, und natürlich müssen es die Verstörten und die Verrückten sein, die die Engel sehen können. Trotzdem muss man keine esoterischen Ausführungen fürchten, im Gegenteil. Zur Zweck- und Hilflosigkeit der Engelexistenzen – ein problematisches Wort, da Engel offenbar auch nicht im engeren Sinne existieren – kommen bei Olga Martynova lediglich schlimme Gräueltaten, welche an Engeln begangen werden. Sie haben zwar keine Schmerzen im engeren Sinne, dennoch lassen sie sich nicht gerne die Augen ausstechen – eine im Leben außerhalb des Romans und hoffentlich außerhalb unserer Zeit, also einst (ein Begriff, der Engeln nichts sagt) bei Vögeln angewandt, um sie zum Singen zu bringen. Vom Vogelfang – „Herr Heinrich sitzt am Vogelherd …“ – rührt auch der Romantitel her.

Die nicht lebenden, entsprechend nicht zu tötenden, aber einzufangenden und zu piesackenden Engel treten uns zugleich höchst vital entgegen. „Lauras Engel scharrt mit den Hufen und will ins Theater“, ins Bayreuther Festspielhaus immerhin, für das der Schriftsteller Caspar Waidegger der jungen Frau, die ihn liebt, Tickets beschafft hat. Sie trifft dort eine Menge Bekannte (wie sind die alle an die Karten gekommen, verdammt), er verlässt die Vorstellung vorzeitig. Kein gelungener Abend letztlich und der Anfang vom Ende einer Liebe gewissermaßen. Denn eine breitangelegte Geschichte ist es, die sich zwischen den Engeln abspielt, kompliziert gebaut und aus schwerem Stoff, aber doch im Ergebnis von der Federleichtigkeit, die nur die Literatur so scheinbar ohne weiteres aufbieten kann. Jahre der Arbeit müssen hinter der Autorin liegen, damit sie nun so beiläufig alles Mögliche weiß, was zum Teil nicht sein kann, aber zum anderen Teil zweifellos der Wirklichkeit entspricht (es sind zumeist die noch schlimmeren Dinge).

Und damit sie so beiläufig den schwäbischen Dichter Friedrich Hölderlin und sein russisches Pendant Konstantin Batjuschkow – ein paar Jahre nach Hölderlin in derselben Stadt wie Martynova geboren, Petersburg / Leningrad – durch die Seiten irren lassen kann: Beide arm und gequält wie die kleinen (oder riesigen?) mithilfe des Engelherds gefangenen Engel und wie andere Verwirrte im Roman, denen noch Schlimmeres widerfährt. Angetan wird.

„Der Engelherd“ spielt also auf verschiedenen Ebenen und übersieht die Ironie nicht, dass auf einer der Ebenen – bei den Engeln – genau solche Unterscheidungen (wann? wo?) überhaupt keine Rolle spielen. Für uns ist auf der ersten Ebene alles säuberlich aufgeteilt, ein sehr langer Sommer, in dem anscheinend fast nichts passiert, ein Winter, in dem dann doch eine Menge passiert ist. Menschen sterben, andere werden alt, noch andere werden erwachsen.

Zunächst einmal gibt es den Schriftsteller Waidegger, der auf Jüngere „eitel und anmaßend wie eine Litfaßsäule“ wirkt, sich unter der Dusche „posaunisch die Nase putzt“ und im Laufe des Romans den Jakob-Michael-Reinhold-Lenz-Preis bekommt – Letzteres Anlass für hübsche, satirische Szenarien aus dem Literaturbetrieb inklusive der nervtötenden, im nächsten Bestseller erneut ihr lustig chaotisches Familienleben auswalzenden Erfolgsautorin Verena Mast. Die Namen in „Der Engelherd“ sind handverlesen, und da die meisten Figuren auf der Waidegger-Ebene etwas von Literatur verstehen, entgeht es ihnen selbst nicht.

Wie überhaupt die starke Selbstreflexion einen zusätzlichen doppelten Boden einzieht, durch die Tätigkeit der Figuren geschickt fundiert: Die sympathische, unsichere Laura promoviert seit Ewigkeiten über Waidegger, die große Liebe ihres jungen Lebens. Um sie herum schwirrt (außer den Engeln) ein junger Publizist, der noch nicht weiß, ob er davon wird jemals existieren können (wohl kaum, dürfen wir ihm zurufen, wenn es so weiter geht), ein trotz seiner Jugend abgebrühter Dramaturg, eine erfolgreiche Kolumnistin, die neuen Ideen immer im Gespräch ausprobiert.

Sie ist es auch, die absichtslos – aber dafür ist ja Martynova da – die zweite Ebene einzieht. In geselliger Runde beginnt sie ein Spiel, bei dem jeder einmal ein paar Sätze eines Trivialromans erzählen soll. Sagenhaft ist Martynovas Beobachtungsgabe, wenn sie winzige gruppendynamische Vorgänge erfasst (ihre Beobachtungsgabe und auch ihr Einfühlungsvermögen sind ohnehin sagenhaft). Sagenhaft ist aber erst Recht die Wirkung des Spiels auf Waidegger, der die Hauptfigur des Fräulein S. nicht mehr los wird. Er ist es offenkundig, der ihre Geschichte jetzt weitererzählt, in leicht eingerückten Passagen. Kurioserweise ist der Roman im Roman weniger literarisch als der Roman. Waidegger geht es um etwas anderes. Fräulein S., man ahnt es früh, entspricht Waideggers Mutter, einer Schauspielerin, deren Karriere in der NS-Zeit Fahrt aufnimmt. Ihre erfahrenere große Rivalin L. musste das Theater verlassen, der Weg ist frei. Dass S. sich reif für den direkten Vergleich fühlte, lässt sie jetzt wie einen Feldherren auf ein leeres Schlachtfeld marschieren. Martynovas Bildersprache ist einfach exzellent.

Wichtiger ist, dass S. ein uneheliches Kind hat, das offenbar geistig zurückgeblieben ist. Das kleine Mädchen wird im Zuge der Euthanasie ermordet. Waideggers eigene Tochter, die oben erwähnte Maria, ist ebenfalls behindert und lebt in einem Heim. Waideggers Ehe ist darüber zerbrochen. Unaussprechliche Vorwürfe, „kleine Geschöpfe mit irisierenden Flügelchen“, sichtbarer als die Engel, umschwirren ihn immer wieder einmal: Hätte er seine Tochter bei sich behalten, hätte er seine Bücher nicht schreiben können. Er kann damit leben. Auch davon handelt „Der Engelherd“: Womit man alles leben kann.

Der Roman im Roman, das ist überraschend, wird schließlich viel deutlicher zu Ende erklärt, als es nötig wäre. Da ist es, als würde Martynova uns nicht zutrauen, eins und eins zusammenzuzählen. Dabei ist es merkwürdigerweise gar nicht schwierig, ihr durch den von Sechsflüglern umflatternden Romanbau zu folgen. Das krasse Schlussbild, ein Massenmorden, gibt den Engeln übrigens recht: Alles geschieht doch gleichzeitig. Man schaut mit Martynova in einen fürchterlichen Abgrund herab, auch der passt in diesen enormen Roman.

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