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Mit Argumenten und Liedern

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Von: Hans-Klaus Jungheinrich

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Walter Moßmann, lange nach 1968.
Walter Moßmann, lange nach 1968. © der freitag

In Walter Moßmanns Erinnerungen ist das Jahr 1968 ein gewaltiger Pol. Und besonders im ersten Teil gelingen ihm raffinierte Verschränkungen von Lebensgeschichte und Liedertexten.

Der kratzig hübsche Titel "Kein Anschluss unter dieser Nummer", den Irmgard Keun für ihre (ungeschrieben gebliebenen) Memoiren plante, wäre nichts für ihn gewesen: Walter Moßmann war immer ansprechbar und engagiert, ein - in guter badischer Tradition - basisdemokratisch Bewegter. Und, als Liedermacher und Literat, ein künstlerischer Mensch. Passend für seine autobiographischen Aufzeichnungen also der schöne Achtundsechziger-Spruch "realistisch sein: das unmögliche verlangen". Der schäkernde Untertitel "Wahrheitsgetreu gefälschte Erinnerungen" mag auf das auch ein wenig Schaustellerhafte eines ambulanten Vordenkers und -sängers von linksgrünen Initiativen nah und fern anspielen.

In Moßmanns Text ist das Jahr 1968 ein gewaltiger Pol, der Früheres und Späteres anzieht und ihm Bedeutung verleiht. Achtundsechziger-Vorgeplänkel sind in dieser Darstellung die Aktivitäten der "bündischen Jugend" und die Treffen auf der Burg Waldeck, Präliminarien einer sich politisierenden Jugendkultur. Moßmann fühlte sich damals theoretisch unbelastet, empfand auch später noch die Sprache der neomarxistischen Wortführer als bizarr. Ein Porträt Rudi Dutschkes gerät ihm nicht gerade hagiographisch. Abstand zu eingeschliffenen Organisationsformen (nicht zu verwechseln mit Kompromisslertum oder lascher, seifiger Widerstandsenergie) kennzeichnete Moßmann auch nach 1968, und weit mehr als mit parteifrommen Barden sympathisiert er auch im Buch mit eigensinnigen Typen wie Wolf Biermann.

Mit Freude, ja mit Behagen schildert Moßmann viele nichtintellektuelle Mitstreiter etwas aus dem Kampf gegen das AKW Wyhl. Deutlich werden noch einmal die Mechanismen aufgezeigt, mit denen die professionelle Politik elementare Bedürfnisse und Lebensqualitäten ganzer Regionen ignoriert (das ist in Zeiten des EU-Lobbyismus nicht besser geworden). Die Aktivitäten, an denen sich Moßmann beteiligte, waren oft so erfolgreich, dass politische Parteien sie sich später an den Hut steckten.

Besonders im ersten Teil gelingen Moßmann raffinierte Verschränkungen von Lebensgeschichte und Liedertexten. Später tritt offenbar das "funktionale" Element der Lied- und Textproduktion in den Vordergrund. Wer Moßmanns Auftritte in den siebziger oder frühen achtziger Jahren mitbekam, bemerkte aber auch damals noch den lustvollen Impetus eines Vortragstalents, das sich in karrieristischer Tournee-Routine nicht verlor (weil es Wichtigeres zu tun hatte).

Es ist wohl in Ordnung, dass man bei der Lektüre im wesentlichen den Eindruck einer öffentlichen Biographie gewinnt. Darin schwingt eine wohltuende Sprödigkeit mit. Befindlichkeits-Literatur und psychologisierende Introspektion sind Moßmanns Sache nicht, und obwohl er literarische Steckenpferde, musikalische Neigungen oder Freundschaften nicht verschweigt, tritt er Privates nirgendwo breit. Schrille Töne der Selbstanklage oder der Abrechnung mit anderen fehlen, wohl auch darum, weil Moßmann auch in seinen radikalen Stellungnahmen Vernunft und Augenmaß bewies.

Die Diktion ist sachlich-temperiert, und Moßmann sieht wohl Grund genug dafür, heroisierend erinnerungsselige Memoiren zu perhorreszieren. Die Nachgeborenen lernen einen Achtundsechziger-Akteur kennen, der sich nicht als den Nabel der Welt betrachtet. Dementsprechend hat sein Buch nicht tausend, sondern bescheidene 250 Seiten. Und wenn Moßmann von den 1980er Jahren an nicht mehr viel zu erzählen hat, dann wohl aus der bescheidenen Motivation, dass einem bedeutenden Thema nicht unbedingt noch rasselnde Variationenketten nachfolgen müssen.

Jede Achtundsechziger-Biographie ist anders. Moßmanns gefühlsbetonter Internationalismus führte zu frühen Kontakten mit politischen und künstlerischen Freunden in Italien, in Frankreich, auch Lateinamerika. Die DDR und der reale Sozialismus blieben für Moßmann eher eine fremde Welt. Das Buch bestätigt, wie bunt gemischt die lautstarke, aufmüpfige Gesellschaft war, die sich Spätere gerne als ausgerichtete Garde marxologischer Betonköpfe vorstellten.

Walter Moßmann: realistisch sein: das unmögliche verlangen. Wahrheitsgetreu gefälschte Erinnerungen. Edition Freitag,Berlin 2009, 250 S., 19,80 Euro.

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