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Die Arbeit des Pioniers

Autorenlese: Das Internationale Literaturfestival Berlin

Von xpeko

Sowieso ist der Herbst die beste Zeit für Bücher. Kaum mischt sich Frühnebel zur Morgenstimmung, fallen die ersten Kastanien und holt man die Stiefel aus dem Schrank, drängt es einen auch schon, mal wieder richtig schön zu lesen. In Sandalen ist man zu leichtfüßig und will ständig woanders hin. Gestiefelt aber und im Bewusstsein, dass das Jahr zuende geht, begehrt das Innerliche auf und will, dass zugerüstet wird.

Einsam muss das nicht machen. Schon gar nicht dieser Tage in Berlin, wo zum dritten Mal das Internationale Literaturfestival stattfindet, auf dem man - Zwischenstufe zum Versinken im eigenen Sessel - allerorten vorgelesen bekommt, vielfach kostenlos. Rund 60 Adressen umfasst das Programmregister, an denen in zwölf Tagen mehr als 130 Autoren in 350 Veranstaltungen einander vorstellen, miteinander sprechen und lesen, lesen, lesen. Auf deutsch, englisch, spanisch, französisch, italienisch, schwedisch, ungarisch, arabisch, polnisch, russisch, japanisch oder griechisch.

Griechenland ist Länderschwerpunkt des diesjährigen Festivals. Doch der "Fokus" auf ein Land ist hier nur eine Möglichkeit, die Autorenflut zu kanalisieren. Es gibt auch den Schwerpunkt Kinder- und Jugendliteratur, das Literaturen der Welt-Programm, das Kaleidoskop, ein Gesprächeprogramm, außerdem sind mit den Gästen des DAAD Berlin sowie der Nachwuchsgruppe scritture giovani zwei externe Autorenprojekte angedockt. Und Specials, die nirgendwo dazugehören, gibt es auch. Die Fülle, zweifellos, ist ein Problem. Am letzten Sonntag beispielsweise. Ab zehn Uhr in die Schaubühne zu Ko Un, Abdelwahab Meddeb, Shashi Taroor, Jean Ziegler, Etienne Balibar, Tariq Ali, Biyi Bandele, Nuruddin Farah, Dario Jaramillo Agudelo und Ayu Utami? Oder um elf Uhr ins Berliner Ensemble zu Martin Walser? Zum Familienfest mit sieben Autoren ins Podewil? Vielleicht in die Sophiensaele zu acht "Poetry Talks"? Um eins zum Criticism Slam ins Goethe Institut? Um 17 Uhr zu Russisch-Kubanischem in der Galerie Paula Boettcher? Überhaupt lieber zum Tag der türkisch-deutschen Literatur nach Neukölln?

Das Rollenmodell des Internationalen Literaturfestivals Berlin (ilb) ist die Berlinale. "Keiner käme auf die Idee, die Berlinale wegen ihrer vermeintlichen Unübersichtlichkeit zu kritisieren", hatte Ulrich Schreiber, der Initiator und Leiter des ilb schon letztes Jahr zur Kritik am Umfang seines Programmes gesagt, und da war es noch ein Drittel kleiner. Das stimmt. Masse ist Chance. Anders aber als bei der Berlinale, wo man stets einen ganzen Film zu sehen bekommt, der für sich spricht oder nicht, weisen Lesungen nur ungefähr auf ein Ganzes. Weswegen man als Festivalbesuchende entweder doch wieder nur im Bekannten ankert oder sich sich mit der romantischen Vorstellung zwangsverkleidet, ein auch von Irgendwo nach Weißnichtwo unterwegs seiendes Dichter(innen)wort könne einen plötzlich treffen und verwandeln.

Ulrich Schreiber sieht die Sache pragmatisch. "Für ein kleineres Festival hätte ich wahrscheinlich kein Geld bekommen." Das Format "24 Autoren in fünf Tagen" gäbe es in vielen Städten, insofern hätte es ein internationaler Ansatz sein müssen und zwar ein annähernd repräsentativer. Unter weltweit allen internationalen Literaturfestivals - etwa in Toronto, London, Rotterdam, Mantua und Medellin - sei das Berliner jetzt "das internationalste". Nicht dass deswegen das Geld nun reichlich geflossen wäre. Aber in diesem Jahr stehen insgesamt 450 000 Euro zur Verfügung (mit Sachsponsoring circa 800 000), und der Kulturstiftung des Bundes wird dafür an erster Stelle gedankt. 20 Mitarbeiter hat das Team, fünf von ihnen ganzjährig. Aber die Finanzierbarkeit ist nur das eine. Wesentlicher ist, dass der 51-jährige Schreiber, ein gelernter Maurer, Bauingenieur und ehemaliger Gymnasiallehrer für Russisch und Politik, der schon die Peter-Weiss-Gesellschaft gegründet hat, einfach ein Aktivist und Netzwerker ist. Ein Pionier.

Wobei ihm nichts beiläufig Smartes anhaftet, kein Hang zur verallgemeinernden Selbstvermaktung. Aber geradeaus, weiter muss es gehen. Gespräche mit China hat es gegeben, wo Interesse besteht, ein entsprechend gebautes Literaturfestival zu etablieren! Schreiber lächelt im Interviewzimmer des Festivalbüros in der Sophienstraße in Berlin-Mitte vorsichtig, aber zufrieden. Also, warum die Fülle richtig sei: Weil das Publikum komme. Bestimmt über 20 000 Besucher dieses Jahr. Und weil die Autoren sich wohl fühlten. Weil man sie ernst nehme. Ihre Biografien im Katalog sorgfältig recherchiert seien. Die Moderatoren gut vorbereitet. Der Ablauf der Lesungen (Musik, Einführung, O-Ton-Lesung, Übersetzung, Gespräch) kultiviert. Weil es einen Raum für Begegnungen gäbe und mit der Berliner Anthologie sogar eine Publikation. In der Tat seien viele in diesem Rahmen erstmals auf deutsch gedruckt worden.

Auf sein Jurysystem für "Literaturen der Welt" ist Schreiber stolz. Elf weltweit verteilte Kenner der Szenen schlagen je drei Autoren vor. Für das Kaleidoskop wählen Schreiber und seine Mitarbeiter aus. Ein symphonisches Werk also, ja, das könne man sagen. Dass die Sache an den Rändern ausfransen kann, nimmt er in Kauf. Auch wenn Moderationen schief gehen oder Autoren einander dumme Fragen stellen, wenn mal niemand da ist, der übersetzt oder das Publikum einfach nichts fragt - wäre es besser, wenn deshalb nichts entstünde?

Dass Martin Walser da war, hat Ulrich Schreiber besonders gefreut. Auch wenn er zum üblichen Podiumsgespräch nicht bereit war und vorneweg über die Umfrage "What makes the poet tick?" gelästert hat. Auch wenn er nach der Lesung aus Meßmers Reisen im Foyer des Berliner Ensembles in Verweigerung jeglicher Festivalstimmung hinter der Getränketheke stand und das Defilee der Signierwünschenden abarbeitete wie ein einsamer Schalterbeamter des schönen Wortes - der Festivalleiter wars zufrieden. Es ist eine Mischung aus Sammelfreude und Buddhismus, die dieses Festival prägt. Herbeischaffen und dann in Ruhe lassen. Was inhaltlich nur bedingt für den Winter rüstet. Aber es taugt fürs Kaminfeuer.

Bis 21.9., www.literaturfestival.com

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