Wie sieht man unauffällig australisch aus? Fußgängerzone in Sydney.
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Aravind Adiga – „Amnestie“

Fast in Australien

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Die Unerwünschten: Aravind Adiga erzählt in seinem pechschwarz grundierten, aber höchst fidel daherkommenden Roman „Amnestie“ von einem illegal Eingewanderten.

Amnestie“ ist ein sehr gegenwärtiger Roman über das Sehen und Gesehenwerden, über die Logik im Irrsinn auf verschiedenen Ebenen, ferner über das Richtige und das Falsche. Das Richtige und das Falsche ist in diesem so eindeutig uneindeutigen Fall das am wenigsten interessante Thema, aber Aravind Adiga weiß auch das zum Schillern zu bringen.

Das Sehen und Gesehenwerden: Der Tamile Dhananjaya Rajaratnam aus Sri Lanka ist gut zehn Stunden in Sydney unterwegs, ziel- und ratlos, gehetzt und retardierend, hektisch und schlaff. Das bestimmt den Rhythmus und die Struktur des Buches, Danny, dessen Perspektive und quasi Atemtaktung der Erzähler übernimmt, lässt seinen teils erstaunlichen Gedanken und seinen existenziellen Sorgen freien Lauf, atemlos vor Angst, ablenkungsbereit. Adigas Helden sind seit dem Debüt „Der weiße Tiger“ (2009) aufgeweckte Dauerredner, um nicht zu sagen: Quasselstrippen. Die unmittelbare Nähe zu seinen Figuren, eine Nähe, die Komik, Drama und Nachdenklichkeit in engste Verbindung bringt, pflegt er auch in „Amnestie“ wirkungsvoll. Er hat sich zudem erneut spannende und konkrete Gründe für die Aufregung ausgedacht, denn aus Sicht des englisch schreibenden und literarisch angelsächsisch sozialisierten indischen Schriftstellers ist eine gut, nein, eine glänzend gebaute Handlung keine Nebensache. Aber Dannys Leben ist auch an gewöhnlichen Tagen stressig.

Danny lebt in Sydney, aber ohne Aufenthaltserlaubnis. „Ich bin hier in Australien, dachte er. Ich bin beinahe hier.“ Er arbeitet als Putzmann, ausgebeutet von windigen Typen wie zuvor schon mit anderen Jobs und wieder davor mit weiteren anderen Jobs in Dubai, wie sich nach und nach zeigt.

Fein ist sein Sensorium für die Regeln, die es hierbei zu beachten gilt, zumal er ein blitzgescheiter Beobachter ist. Danny selbst fällt nicht unbedingt auf, „mit seinem eleganten, ovalen Kinn und dieser hohen, feinen Gelehrtenstirn stellte er keine ausländische Bedrohung dar, solange er nicht lächelte und kaputte Zähne zum Vorschein kamen.“ Andere illegal lebende Migranten erkennt Danny leicht, nicht nur, aber auch, weil sie niemals ohne gültigen Fahrschein fahren würden.

Das Buch

Aravind Adiga: Amnestie. Roman. A. d. Engl. v: Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. C. H. Beck, München 2020. 286 S., 24 Euro.

Dafür, dass er die „ironischen“ Späße der Einheimischen meistens unbegreiflich findet, hat er einen ausgeprägten Sinn für groteske Details. Der Australier und die Australierin an sich sind ihm gleichwohl ein Rätsel.

Das gehört bereits zur Logik im Irrsinn, denn „das blondeste Tier in Australien“ ist der „Rechtsstaat“: „Weiße klären dich über deine Rechte auf, während du zum Abschiebefahrzeug geführt wirst.“ Dass die Welt in Bewegung ist, dass die Globalisierung eine gigantische Völkerwanderung in Gang gesetzt hat, lässt sich durch die Nulltoleranzpolitik aber nicht aufhalten. So funktioniert das, erklärt ein Chinese aus Malaysia: „Du bist von vornherein in deiner Heimat unerwünscht. Dann kommen illegale Immigranten in dein Land, nehmen dir das bisschen, was du hast, und zwingen dich, nach Australien zu gehen und dort ein Illegaler zu werden.“ – „Diese Leute aus Bangladesch und Pakistan, die jetzt in Malaysia sind – sind die also an allem schuld?“, fragt Danny. Der Chinese schüttelt den Kopf. „Offenbar gab es in Bangladesch und Pakistan Illegale, die diese Leute gezwungen hatten, das Land zu verlassen.“ Warum hat aber Danny, der die tiefe Brandnarbe einer Zigarette im linken Unterarm trägt, kein politisches Asyl beantragt?

Das gehört bereits zum Richtigen und zum Falschen: Danny ist ein ängstlicher (also ein ganz normaler) Mensch und hat sich, anders als zum Beispiel sein Cousin, nicht auf die Seereise Richtung Kanada getraut. Stattdessen ist er per Flugzeug nach Australien gelangt. Als das Visum abgelaufen ist, taucht er unter. Ein taktischer Fehler bei den „Internationalen Weltmeisterschaften“: „In diesem Spiel rannten Menschen aus Ländern, die brannten, in Länder, die noch nicht brannten; fuhren mit Booten, schnitten Stacheldraht durch, versteckten sich in Containern im Bauch von Schiffen, während eine andere Gruppe von Menschen versuchte, sie aufzuhalten, hinzuhalten, zu fangen oder zurückzuschicken. Und obwohl vordergründig das totale Chaos herrschte, stellte sich in Wirklichkeit heraus, dass es in diesem Spiel ganz klare Regeln gab.“ Dafür braucht es Wagemut. Oder einen Stempel, dem ein weiterer Stempel und noch ein Stempel folgen muss. Auf keinen Fall darf man zwischen diese beiden Möglichkeiten geraten, aber genau das ist Danny passiert.

An dem Tag, an dem „Amnestie“ spielt, verwickelt ihn Adiga in einen Krimi, der aber das Dilemma seiner Lage bloß auf die Spitze treibt. Ein Schurke pathologischer Ausprägung verfolgt ihn am allgegenwärtigen und übrigens unzerstörbaren Billighandy – eine großartige Bösewichtgestalt, ein großartiges Handy. Aber Adiga zeichnet in erster Linie das Porträt eines sympathischen Zauderers, der das Zaudern schon lange gewöhnt ist. Seine originellen Grübeleien und erfrischende Dialoge bestimmen den Ton. Ulrike Wasel und Klaus Timmermann gehen in ihrer Übersetzung beidem zugeneigt nach, so dass auch ein Wort wie „balla“ einmal wieder seine Literaturfähigkeit beweisen kann. Dannys Erkenntnisse aber grundieren „Amnestie“ – von einer solchen kann im Australien gegenwärtig keine Rede sein – bitter und dunkel. „Ein Legaler“, stellt Danny fest, „ist bloß jemand, der auf die gleiche Weise unerwünscht ist wie jeder andere.“

„Amnestie“ dreht sich um das Zermahlenwerden des Einzelnen in der (globalisierten) Welt, düsterer, unverzierter gestaltet Adiga das als in „Letzter Mann im Turm“ (2011) oder „Golden Boy“ (2016). Das Aussichtslose ist aber ein Augenöffner für stumpfsinnige Einheimische überall.

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