Aras Ören zum 80.

Aras Ören: Die Leidtragenden unseres Achselzuckens

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Zum 80. des Schriftstellers Aras Ören, der das Leben der nach Deutschland gekommenen Türken zu Literatur machte.

Niyazi fragt: Kennst du Istanbul?, und spricht über sein Viertel Bebek. Aber eigentlich erzählt er von Berlin und seinen Nachbarn dort. „Als das mit Deutschland aufkam,/ sagte ich mir,/ so wie jedermann, ich auch:/ Deutschland ist ein kleines Amerika.“ Seine Worte haben einen warmen Klang, sind in einen Rhythmus gesetzt, der wie ein Spaziergang klingt, ein Stadtspaziergang. Niyazi ist eine berühmte Figur der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Weil aber hierzulande Kategorien der Abgrenzung so beliebt sind, gilt sein Erfinder Aras Ören als Begründer der migrantischen Literatur in Deutschland. Sein Buch „Was will Niyazi in der Naunynstraße?“, 1973 erschienen, brachte das multikulturellen Leben in West-Berlin in Poesie.

Aras Ören, der an diesem Freitag 80 Jahre alt wird, lebt seit 1969 in Berlin, arbeitete viele Jahre beim Sender Freies Berlin und begründete 1996 die türkische Redaktion des RBB. Seit Mitte der 70er Jahre erscheinen zahlreiche Bücher von ihm, die die Lebenswirklichkeit der Zugewanderten in der Inselstadt, später in Gesamtberlin begleiten. 

Der türkische Schrifsteller Aras Ören.

Bis heute schreibt er auf Türkisch, sieht aber die Übersetzungen ins Deutsche selbst durch. „Niyazi“ wuchs sich zur Trilogie aus, es gibt die Kriminalerzählung „Bitte nix Polizei“, die zeigt, wie verschieden die Milieus sind, die Romane „Eine verspätete Abrechnung oder Der Aufstieg der Gündogdus“ und „Berlin Savignyplatz“. Sein Briefwechsel mit dem Schriftstellerkollegen Peter Schneider, „Wie die Spree in den Bosporus fließt“, geht den Unterschieden in der Wahrnehmung nach.

Archaische Melancholie

Nach dem Mauerfall verlagerten sich allerdings die Interessen der öffentlichen Wahrnehmung in Richtung deutsch-deutscher Probleme, auch literarisch. Der Berliner Verbrecher Verlag engagiert sich dafür, Aras Ören in die Aufmerksamkeit zurückzuholen. Vor zwei Jahren erschien das Lesebuch „Wir neuen Europäer“ mit Texten und Auszügen quer durch Örens Werk. Eine archaische Melancholie herrsche darin, schrieb Harald Jähner in der „Berliner Zeitung“, „eine harte, poetische Sprache, die unversehens zu Momenten heftiger Schönheit zusammenfließen kann“.

Aras Ören erkundet Berlin im Rhythmus des Gehens, wie man aus seiner Lyrik zu hören glaubt; er nimmt sie mit Augen, Ohren und Nase auf. Das zeigt die Neuausgabe der „Berliner Trilogie“ um Niyazi. Wie Nermin zu Haus auf ihren Mann Ali wartet und stattdessen der Polizei die Tür öffnen muss, lesen wir in berührenden Versen. Mit Ali, x-mal vertröstet und betrogen, war die Wut durchgegangen. Ören schreibt von Süleyman Öz, vergessen, übersehen: „Er ist der Leidtragende/ unseres Achselzuckens“. Er lässt ein 15-jähriges Mädchen sprechen, das an seiner Aussteuer arbeiten muss: „Wenn ich groß bin, kann ich nicht Ärztin werden,/ nicht Beamtin, nur ein Kissen“, und sie werde in der Fremde Fußböden wischen wie ihre Mutter.

Im Vorwort schreibt Aras Ören, er widme sie der ersten und zweiten Generation von Menschen aus der Türkei: „Wir sollten diesen bescheidenen Menschen dankbar dafür sein, dass sie frischen Wind in unsere alte europäische Kulturlandschaft gebracht haben.“ Auch ihrem Chronisten Aras Ören sollten wir danken.

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