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Ar-Raschid grüßt Karl den Großen

Dan Diner wirft einen frischen Blick auf die Begegnung des Okzidents mit dem Orient und auf die Wendepunkte jüdischer Geschichte

Von Thomas Meyer

Wer Dan Diners neuen Band Gedächtniszeiten liest, braucht sich nicht an die Reihenfolge zu halten, in der der Autor seine hier veröffentlichten Aufsätze präsentiert; Gewinn bringender ist es, sich am Datum des Ersterscheinens der Beiträge zu orientieren. Denn der in der Einleitung behauptete Paradigmenwechsel innerhalb der Geschichtswissenschaft von der Gesellschaft zum Gedächtnis erhält seine Plausibilität gerade nicht mittels der vorgenommenen thematischen Anordnung der folgenden vierzehn Texte, sondern durch den schrittweisen Nachvollzug von Diners Erweiterungen des Geschichtsbegriffs. Der Band kann so als Einführung in ein innovatives kulturwissenschaftliches Programm gelesen werden.

In dessen Zentrum steht der Versuch, die Wurzeln für die Entwicklung Europas im 20. Jahrhunderts freizulegen und dabei den Blick auf die vernachlässigten Einflussgrößen Orient und Osteuropa zu lenken. Ein solches Vorhaben könne nicht mehr mit den alten Kategorien der Nation oder des Bürgertums glücken, sondern brauche eine neue Begrifflichkeit. Die Tatsache, dass Gedächtnis ein Sammelbegriff für einander in Konflikt stehende Vergangenheiten ist, die sich nicht brav an der Zeitachse aufreihen lassen, nutzt Diner, um die älteren und jüngeren Geschichten aus anderer Perspektive zu erzählen.

Besonders der älteste Text, ein 1985 publizierter Essay zu Henri Pirennes unvollendeter Studie Muhammed und Karl der Große, nimmt den Leser gefangen. 1935 schlug Pirennes vor, die Epochengrenze zwischen Antike und Mittelalter auf das Jahr 800 zu legen, weil da ein neuer Machtfaktor den europäischen Raum betrete: der Islam. Die christliche Ordnung gerät in Gefahr und die Bedrohung verlangt nach einer Antwort, denn das alte Programm ist nicht länger gültig. Pirennes Provokation, der Beginn einer nichtrömischen europäischen Geschichte sei durch den Islam begründet, hat eine bis heute andauernde Kontroverse ausgelöst. Diner sieht mit Pirennes Thesen und ihrer Rezeption eine notwendige Revision von zahlreichen Begriffen und Vorstellungen verbunden. Denn mit der Behauptung eines "geradezu katastrophischen Zivilisationsverfalls" werden Fragen nach den klassischen historischen Einflussgrößen wie Handelsbeziehungen, geographische Komponenten umgewertet.

Eine eindringliche, und zusammen mit den Analysen von Dan Michman und Doron Rabinovici die sicherlich beste Darstellung der politisch-moralischen Ausweglosigkeit der Judenräte gelingt Diner in seinem Text "Jenseits des Vorstellbaren" von 1990. "Erst anhand der Situation der Judenräte lässt sich der zivilisatorische Bruch ergründen, für die der Nationalsozialismus bzw. die Massenvernichtung steht. Es handelt sich um ein Dementi aller gemeinhin gültigen, universell handlungsanleitenden Denkformen, die auf Erwägungen der Nützlichkeit, des Utilitarismus, ja, auch die Selbsterhaltungsinteressen des Feindes setzen."

Diner sucht aber nicht nur historische Extremsituationen auf, um durch ihre Fokussierung neue Beschreibungsformen des Geschehenen ausprobieren zu können, sondern auch Räume und Zeiten, die konstitutiv durch einander überlagernde Geschichten und Vergangenheiten ausgezeichnet sind. So lotet der studierte Islamwissenschaftler in der Folge seines Gedächtnisparadigmas die Stimmigkeit und wieder in Vergessenheit geratene Behauptung Goethes aus, dass Orient und Okzident nicht zu trennen seien. Dies gilt für die Reflexionen über Religion und Nationalität im Osmanischen Reich des 19. Jahrhunderts bis zu der aktuellen Betrachtung, die sich der postkolonialen Lage der Gebiete von der Levante bis zum Hindukusch widmet.

Es gelingt Diner, die Mehrdimensionalität der Problemlage transparent zu machen, er weiß die Zugänge zu nutzen, die sich aus der Befreiung von methodischen Korsetten ergeben. Besonders den Beiträgen zur jüdischen und israelischen Geschichte kommt die Offenheit von Diners Konzept zu gute. In einer programmatischen Skizze für die künftige Ausrichtung des Dubnow-Instituts aus dem Jahr 1995 analysiert er die Beziehungs- und Nichtbeziehungsgeflechte zwischen Ost- und Westjuden. Dubnows Jüdische Geschichte, was ihm früh die Kritik der Historikerin Selma Stern einbrachte, ist Ausdruck einer Unentschiedenheit, die sich zwischen der Schilderung der Geschichte der Westjuden und seiner ostjüdischen Identität ergibt. Diner setzt sein kulturwissenschaftliches Interesse auf solche Überschneidungen an, weil er davon überzeugt ist, dass gerade sie Auskunft über gegenseitige Inklusionen und Exklusionen von Religionen, Ethnien und Nationen geben.

Doch das sind keine bloß zu konstatierende Gegebenheiten, denn sie leben, durch die Epochenbrüche des 20. Jahrhunderts mehrfach gewendet, fort. Diner macht immer wieder darauf aufmerksam, dass die alte Denkweise von Kontinuitäten und Brüchen in der Geschichte nicht ausreicht, um die Gegenwart zu begreifen. Sie gibt den Geschehnissen eine Eindeutigkeit, die häufig schon durch einen Perspektivenwechsel aufgehoben werden kann.

Hinzu kommen muss, und dafür sind die Gedächtniszeiten ein überzeugendes Beispiel, die eigenen, bewusst konfligierenden Traditionsstiftungsversuche der Menschen, gerade wenn sie wegzubrechen drohen. Nirgendwo trifft das so stark zu, wie in Israel: "Der ,westliche', der Emanzipation des Einzelnen und damit dem zivilisatiorischen Primat der Menschen- und Bürgerrechte folgende Zugang im Prozess der zionistischen Kolonisation des Landes und der damit verbundenen Ausgrenzung der arabischen Bevölkerung erkennt und interpretiert eine Verletzung ebenjener universellen Werte und ebenjene Konstellation als Ursprung und Grundmuster des Konflikts zwischen Juden und Arabern in und um das Land. Die ?östliche' Emanzipation hingegen (...) unterwirft sie jedoch der Höherrangigkeit der ethnischen Nation bzw. dem Primat des Kollektiven."

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