Zátopek gewinnt 1948 die Goldmedaille über 10 Kilometer.
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Zátopek gewinnt 1948 die Goldmedaille über 10 Kilometer.

Jean Echenoz' "Laufen"

Applaus für den Müllmann

Der französische Romancier Jean Echenoz porträtiert "die tschechische Lokomotive", den Läufer Emil Zátopek, in einem Roman. Und macht daraus eine kleine, schlüssige, letztendlich auch tragikomische Geschichte. Von Thomas Lux

Von Thomas Laux

Der Mann ist zweifellos legendär. Zwischen 1949 und 1955 lief er nicht weniger als 18 Weltrekorde, pulverisierte binnen kürzester Zeit die bestehenden Bestmarken über 5000 und 10000 Meter und lief 1952, bei den Olympischen Spielen in Helsinki, mit dreißig obendrein noch den Marathon, den er gewann, was damals in Summa bedeutete: drei Goldmedaillen für die Tschechoslowakei nur durch Emil Zátopek.

Der französische Romancier Jean Echenoz hat sich dieses Ausnahmephänomens angenommen und zeigt gleich zu Beginn: Zátopeks Sportlerkarriere verlief alles andere als typisch. Der Mann hatte mit Sport zunächst überhaupt nichts am Hut. Bei ein paar unbedeutenden Wettrennen, als Heranwachsender, wird man auf ihn aufmerksam. Er laufe "merkwürdig", meint ein Trainer, aber gewiss "nicht schlecht". Sein Ausnahmetalent sollte sich erst peu à peu herausstellen, doch dann folgte eine rasante Karriere, unterstützt und gefördert von der politischen Klasse bzw. der KP.

Wie auch schon in seinem letzten Roman "Ravel" folgt Echenoz spezifischen biografischen Eckdaten, sichtet eine später berühmte Figur in ihrer Zeit und macht daraus eine kleine, schlüssige, letztendlich auch tragikomische Geschichte. Echenoz´ Roman wirkt in weiten Teilen weniger fiktional als dokumentarisch, verquickt aber geschickt subjektive und objektive Geschichte zum Porträt eines Getriebenen. Seine Einlassungen sind an den Fakten orientiert, die aufgeführten Rekorde, Bestmarken sind ebenso überprüfbar wie der historische Hintergrund.

Wir folgen Emil Zátopek, wie er mit 17 den Einmarsch der Deutschen im Sudetenland erlebt, bis hin zum "Prager Frühling", den Reformbestrebungen eines Alexander Dubcek, und dem Einmarsch der Russen 1968. Jahrelang war Zátopek der Vorzeigeathlet der KP, wurde für seine sportlichen Höchstleistungen vorzugsweise damit entlohnt, dass er sukzessive in verschiedene Offiziersgrade gehievt wurde. Doch mit dem altersbedingten Nachlassen der Erfolge und - nicht zuletzt - mit der unverhohlenen Unterstützung Dubceks wurde er dem Apparat suspekt und von ebendiesem fallengelassen.

Der Langstreckenläufer war also, auch wenn er politisch eher passiv erscheint, kein Mitläufer. Aus der Partei ausgeschlossen, landet Zátopek als Renegat in den atomverseuchten Uranlagerminen und wird erst nach sechs Jahren von dort zurückgeholt und zum Müllmann in der Hauptstadt "befördert" (sic!). In dieser Funktion aber - er läuft hinter dem Müllwagen her - wird er auf den Straßen Prags immer noch so beklatscht wie einst. "Seine Popularität ist ein Problem", heißt es - es ist vor allem eines für die politische Führung. Fortan außerhalb der Stadt als Erdarbeiter eingesetzt, muss er zuletzt noch ein Papier unterschreiben, in dem er alles bereut. Auch dies geschieht ohne Aufmucken. Denn Zátopek will nur noch seine Ruhe haben - und wirkt dabei wie ein trauriger Clown, der seine Schuldigkeit getan hat und gehen darf. Er ist dankbar, als er zu guter Letzt einen Posten im Kellergeschoss des Sportinformationszentrums erhält. Wir müssen uns Zátopek also als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Echenoz nähert sich dem Mann eher dezent emphatisch, macht nicht mehr aus ihm, als Zápotek selber zu zeigen bereit ist. Es ist dennoch eine seltsam anrührende Geschichte. Man ist an Sartres Schlusswort aus den "Wörtern" erinnert: "Ein ganzer Mensch, gemacht aus dem Zeug aller Menschen, und der soviel wert ist wie sie alle und soviel wert wie jedermann."

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